Ein Hauch von Himmel
Unerwartete Grenzen
Kapitel 1: Andrews Auftrag
Tess, kannst du mir sagen, was wir in einem Internetcafe machen sollen?", fragte eine junge Frau mit langen rotbraunen Haaren. Ihr Name war Monica und war ein Engel, der von Gott auf die Erde geschickt wurde, um den Menschen bei ihren Problemen zu helfen. Sie trug einen langen schwarzen Rock und eine weisse Bluse.
Ich weiss es auch nicht so genau, Baby", antwortete eine ältere dunkelhäutige und dunkelhaarige Frau. Ihr Name war Tess. Sie hatte eine lange graue Hose und einen blauen kurzärmligen Pullover an. Sie war ebenfalls ein Engel und Monicas Lehrerin und Freundin. Mir wurde nur gesagt, dass Andrew ein paar Probleme hat und wir ihm helfen sollen."
Sie sah sich im Cafe um und deutete dann auf einen Tisch in der Ecke, auf dem ein Computer und ein Monitor standen. Ein junger gutaussehender Mann mit längeren blonden Haaren sass unbeweglich davor und starrte stumm auf den Bildschirm.
Ich würde sagen, wir fragen ihn einfach", meinte Tess und ging auf den jungen Mann zu.
Monica folgte ihr und fragte:
Andrew, was machst du denn in einem Internetcafe?".
Der blonde Mann hob langsam den Kopf. Er hatte Tränen in den Augen und auf seinem Gesicht lag ein sehr trauriger Ausdruck. Man konnte ihm den Schmerz ansehen, den er fühlte und der ihn quälte.
Monica warf Tess einen Blick zu. Diese nickte und entgegnete:
Ja, er braucht dringend unsere Hilfe."
Als Andrew die Stimmen der beiden Engel hörte, wandte er den Kopf und sah sie an.
Hallo Tess, hallo Monica", begrüsste er die beiden mit einer leisen Stimme. Schön, dass ihr da seid."
Tess nahm auf den freien Stuhl rechts von Andrew Platz, während Monica sich auf die linke Seite setzte. Tess konnte es nicht mit ansehen, wenn einer ihrer Engel so traurig und niedergeschlagen war. Deshalb legte den Arm um Andrews Schultern und fragte:
Was ist los, mein Junge? Was ist passiert?"
Andrew wischte sich ein paar Tränen, die nun doch über seine Wangen gelaufen waren, ab und sagte dann leise und schluchzend:
Ach Tess, ich ... ich kann die Menschen nicht verstehen. Wie können sie nur so grausam zu sich selber sein?"
Oh Tess, sieh mal!", rief Monica aufgeregt und zeigte mit dem Finger auf den Bildschirm des Computers und las den Titel der Internetseite laut vor. Selbstmord-Forum!"
Während Monica noch sprach, schlug sich Andrew die Hände vor sein Gesicht und begann richtig zu weinen.
Andrew, bitte sage uns doch, was du hier machst", bat Monica verwirrt. Was ist hier geschehen?"
Ein Pause entstand, die Monica unendlich lange erschien. Es war ihr, als wären Stunden vergangen, bis ihr Freund die Hände vom Gesicht nahm und sich mit einem Taschentuch, das er von Tess erhalten hatte, die Tränen auf den Wangen trocknete.
Vor einigen Stunden hatte ich einen Auftrag. Es war ein junger Mann und sein Name war Luke. Er wurde nur 23 Jahre alt."
Tess drückte den Engel fester an sich. Sie ahnte schon, dass es sich um eine tragische Geschichte handeln würde, denn sie kannte Andrew und seine Gefühlsregungen sehr gut und wusste auch, dass er sonst nicht so schnell aus der Fassung geriet, denn das konnte er sich bei seiner als Todesengel Berufung nicht erlauben.
Bitte erzähle uns die ganze Geschichte", bat sie. Es wird dir hinterher dann wieder ein wenig besser gehen."
Andrew holte tief Luft und erzählte, was sich an diesem Abend zugetragen hatte.
Es war in der Nacht, als er zu einem Haus gesendet wurde. Als er ankam, waren alle Fenster dunkel, doch nach kurzer Zeit wurde in einer Wohnung im dritten Stock das Licht angemacht und Andrew konnte einen Schatten sehen, der durch das Zimmer lief. Dem Engel traten Tränen in die Augen, denn er wusste, dies war die Wohnung, in der er seinen Auftrag ausführen musste. Er wusste, was innerhalb der nächsten Stunden gesehen würde, was Luke tun würde. Auch wenn es Andrew sehr schwer fiel, so war ihm klar, dass es an der Zeit war, in das Haus und in Lukes Wohnung zu gehen.
Einige Minuten später stand der Engel in der Ein-Zimmer-Wohnung, welche zwar nicht sehr gross, aber dennoch sehr geschmackvoll und schön eingerichtet war. Auf der einen Seite des Raumes stand eine Couch und zwei Sessel um einen runden Tisch, auf der anderen Seite befand sich ein Schreibtisch, vor dem ein junger Mann mit kurzgeschnittenen braunen Haaren sass. Die Farben der Tapete und der Möbel gaben dem Raum eine anheimelnde Wärme. Andrew konnte nicht verstehen, wie jemand, der ein ziemlich kleines Appartement so schön einrichten konnte, so etwas Furchtbares tun konnte.
Als der Engel zu dem jungen Mann ging, konnte er sehen, dass Luke vor dem Computer sass. Andrew liebte Computer und er beugte sich vor, um zu sehen, woran der junge Mann arbeitete. Er konnte zuerst gar nicht glauben, was er da sah. Luke surfte im Internet und befand sich auf einer Seite, die mit dem Titel Das Selbstmord-Forum" überschrieben war.
Andrew begann einen Teil der Beiträge zu lesen, die dort veröffentlicht waren. Nachdem er einige Zeilen durchgelesen hatte, füllten sich seine Augen abermals mit Tränen. Er konnte erkennen, dass alle Menschen in diesem Forum ihr Leben aufgegeben hatten, sie waren niedergeschlagen und hoffnungslos und sahen keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Die meisten von ihnen wollten wissen, wie man sich am besten umbringen und das Leben beenden konnte. Sie erzählten von ihren Probleme und dass sie nicht mehr weiterleben wollten. Andrew dachte sich, dass vielleicht einige Menschen versuchten, den anderen wieder ein wenig Mut und Hoffnung zu machen, doch es gab niemanden, der dies tat und noch etwas positives schrieb. Die einzigen Antworten auf solche hoffnungslosen Beiträge waren Tipps. Tipps, wie man sich umbringen konnte.
Einer der letzten Beiträge stammte von Luke. Der junge Mann las seine Worte noch einmal durch und wandte sich dann den Antworten der anderen Menschen zu. Andrew las im Stillen mit und erkannte, dass auch Luke sein Leben aufgegeben hatte und es beenden wollte. Er schrieb, dass er schon von Kindheit auf Probleme mit seinen Eltern hatte und sich von ihnen unverstanden und ungeliebt fühlte.
Der Verlust seiner Arbeit vor einigen Monaten hatte ihn in eine tiefe Depression gestürzt. Durch die Depression hatte er alle seine sogenannten Freunde verloren, weil er keine Lust mehr zum Weggehen gehabt hatte. So hatte er sich ganz in die virtuelle Welt des Internets zurückgezogen.
An Anfang versuchte er, Hilfe zu finden, und schon bald entdeckte er dieses Forum. Zuerst war er sehr glücklich darüber, dass er einen Platz gefunden hatte, wo er über seine Probleme reden konnte. Nachdem er aber einige der anderen Beiträge gelesen hatte, erkannte er, dass die meisten dieser Menschen nur sterben wollten. Jeder erzählte ihm, was für eine Befreiung der Tod war und wie leicht es doch war, alles hinter sich zu lassen. Und es wurde ihm klar, dass es nicht mehr schlimmer werden konnte, als es im Moment schon war.
Vor einigen Tagen bekam Luke einen Brief von seinem Vermieter. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass er ausziehen müsste, wenn er seine Miete nicht mehr bezahlen konnte. Und da er keine Arbeit hatte, konnte er das nicht. An diesem Abend schrieb Luke an die anderen Menschen im Forum und bat sie darum, ihm einen einfachen und schmerzlosen Weg zu sagen, auf dem er diese Welt verlassen konnte. Er hatte so etwas ähnliches auch schon einige Male zuvor geschrieben, doch an diesem Abend bekam er Antworten auf seinen Beitrag.
Andrew war nicht mehr in der Lage, weiter zu erzählen. Seine Stimme versagte ihm und wieder liefen im die Tränen über das Gesicht.
Monica schrie auf.
Hat er sich ...?"
Ihr Freund nickte. Er atmete kurz durch und fuhr sich mit der Hand über die Wangen.
Ja, er hat sich selbst umgebracht. Und als er mich nach seinem Tod gesehen hat, hat ihm seine Tat so leid getan, dass ich es fast nicht ertragen konnte. Er hatte immer gedacht, er muss ganz alleine durch alle Schwierigkeiten und Probleme gehen. Er war immer der Meinung gewesen, dass Gott ihn hasst und nicht bereit ist, ihm bei seinem Leben zu helfen. Er hat mich angefleht und gebeten, ihm noch eine zweite Chance zu geben, um sein Leben in Ordnung zu bringen, aber ..."
Aber du musstest Luke heimholen", beendete Tess den Satz. Sie nahm Andrews Hand in die ihrige und drückte sie. Sie liebte ihren Engel und wusste, dass Selbstmord jedes Mal Andrews Herz zerbrach.
Ja, ich musste es tun, aber es hat mir unendlich leid getan", fügte Andrew hinzu und deutete auf den Bildschirm. Es gibt so viele Menschen in diesem Forum, die einen Engel brauchen. Aber sie brauchen einen Engel, der ihnen hilft, wieder mit ihrem Leben zurecht zu kommen und sie beim Lösen ihrer Probleme unterstützt und keinen Todesengel, wie ich einer bin."
Tess lächelte, während sie auf die Stimme des Vaters hörte. Dann sah sie auf den Bildschirm.
Unser Vater weiss genau, wie sehr du den Menschen in diesem Forum helfen willst. Und es gibt dort jemanden, der wirklich unsere Hilfe braucht."
Andrews Tränen waren in der Zwischenzeit versiegt. Er wischte sich die letzten Spuren mit dem Handrücken ab und sah dann Tess in die Augen.
Wer ist es?", wollte er wissen.
Ihr Name ist Kelly Martin und sie ist 28 Jahre alt. Sie hat sehr viele Probleme und braucht dringend jemand, der ihr neuen Lebensmut schenkt. Du findest ihre Beiträge, wenn du nach dem Pseudonym SadAngel suchst. So nennt sie sich im Internet."
Der Todesengel schöpfte neue Hoffnung, als er hörte, dass er die Chance bekam, jemandem zu helfen.
Was ist ihr Problem?", fragte er.
Nun, wie schon gesagt, hat sie eine Menge Probleme. Da wären die Schwierigkeiten mit ihrer Familie und ihrem Chef in der Firma. Ausserdem hat sie grosse Schwierigkeiten mit sich selber. Sie besitz nur sehr wenig Selbstverstrauen und hat das Problem, dass sie sich selber nicht versteht. An manchen Tagen ist sie glücklich und liebt ihr Leben über alles und dann kommen wieder Zeiten, in denen sie sich hasst und alles aufgibt, das ihr etwas bedeutet. Das geschieht immer dann, wenn sie sich mit einem Problem befassen muss." Tess machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach. Es wird aber bald eine Zeit in ihrem Leben kommen, in der sie einen starken Lebenswillen braucht und es ist deine Aufgabe, sie darauf vorzubereiten."
Was meinst du Tess?", warf Monica besorgt ein. Was wird passieren?"
Sie weiss es noch nicht, aber sie hat Krebs. Leukämie."
Oh nein!", rief Andrew und schlug die Hände vor sein Gesicht. Wird sie sterben?"
Ich weiss es nicht, mein Junge. Aber ich denke, dass sie sterben will und dass sie sich irgendwann selber umbringen wird, wenn sie nicht ihren Lebenswillen wiederfindet", sagte Tess.
Wann und wie werde ich sie treffen?"
Du wirst sie an ihrem Arbeitsplatz kennen lernen. Sie entwickelt Software für eine hiesige Firma und ist dazu noch für das firmeninterne Netzwerk und die Computer verantwortlich. Du wirst mit ihr zusammen in ihrem Team arbeiten."
Ich soll Software entwickeln?", fragte Andrew skeptisch. So etwas habe ich bisher noch nie gemacht."
Ich dachte, du liebst Computer?", scherzte Monica.
Ja, das schon, aber Software entwickeln ist doch etwas ganz anderes, als sich vor den Rechner zu setzen, ein wenig auf den Tasten herumzuspielen und sich im Internet aufzuhalten", entgegnete Andrew. Ich weiss nicht, ob ich das kann. Ich bin immerhin ein Todesengel und kein Ingenieur."
Mache dir keine Sorgen", beruhige ihn Tess und lächelte ihn aufmunternd an. Du wirst es gut machen, da bin ich mir sicher. Du kann Ihm vertrauen, Er wird dir helfen!"
Auch Monica drückte ihm aufmunternd die Hand und warf ihm ein Lächeln zu.
Du kannst das", meinte sie. Du weißt ja, du bist nicht allein."
Kapitel 2: Kelly
Der nächste Tag begann mit blauem Himmel und Sonnenschein. Es würde ein wunderschöner Frühsommertag werden. Kelly Martin war fröhlich und guter Laune, als sie die Firma betrat, in der sie seit zwei Jahren als Softwareentwicklerin arbeitete.
Guten Morgen", rief sie, als sie durch das Grossraumbüro zu ihrem kleinen Zimmer am Ende des Raumes ging. Da jeder sie kannte und sie gerne mochte, grüssten ihr alle zurück.
Kelly war eine junge, gutaussehende Frau mit langen braunen Haaren und grünen Augen. Sie hatte erst vor wenigen Wochen ihren 28. Geburtstag gefeiert. An diesem schönen Frühlingstag trug sie einen blauen Rock und ein weisses T-Shirt. Über ihrem Rücken hing ein dunkelblauer Rucksack. Da es durch die Sonne schon morgens recht warm war, hatte sie auf eine Jacke verzichtet.
Als sie die Türe zu ihrem Büro öffnete und es betrat, sah sie, dass ihre Freundin und Arbeitskollegin Sue Dairy schon an ihrem Arbeitsplatz sass. Sue hatte kurze blonde Haare und blaue Augen. Sie war 29 Jahre alt und nur wenige Wochen nach Kelly in der Firma angestellt worden.
Guten Morgen, Sue", grüsste sie. Was machst du denn schon so früh hier in der Firma? Normalerweise kommst du doch nicht vor neun Uhr?"
Hallo Kelly. Ich konnte nicht mehr schlafen, und so habe ich beschlossen, gleich aufzustehen und früher zum Arbeiten zu kommen, damit ich auch mal ein bisschen früher gehen kann", antwortete Sue lächelnd. Der Tag ist so schön und warm heute, dass ich mich richtig auf den freien Nachmittag freue."
Ja, es ist schon richtig sommerlich warm dieses Jahr. Gefällt mir aber besser als die Kälte zu der Zeit, die wir in den letzten Jahren gehabt haben. Was hast du denn heute Nachmittag vor?"
Ich werde mit Jeff einen Ausflug machen", erwiderte Sue und ihr Lächeln vertiefte sich. Er hat heute frei und wir wollen den Nachmittag mal wieder gemeinsam verbringen, nachdem wir uns in den letzten Wochen durch die viele Arbeit und die verschiedenen Arbeitszeiten nur relativ selten gesehen haben und deshalb noch seltener etwas gemeinsam unternehmen konnten."
Dann wünsche ich euch viel Spass!", sagte Kelly und setzte sich an ihrem Schreibtisch. Na, mal sehen, was es Neues gibt und welche Arbeit heute auf mich zukommt."
Nach dem Starten des Computer las sie erst einmal ihre Mails durch. Dabei fand sie auch eine Mitteilung ihres Chefs, in der er ihr eine neue Arbeitskraft für den heutigen Tag ankündigte. Sie stiess einen erstaunten Laut aus.
Wir bekommen heute einen neuen Mitarbeiter?", fragte sie seufzend. Warum erfahre ich das immer als Letzte?"
In diesem Moment klopfte jemand an der offenen Bürotüre und ein junger Mann mit längeren blonden Haaren betrat das Zimmer.
Entschuldigung, dass ich störe, aber ich suche Kelly Martin. Man hat mir gesagt, dass sie hier in diesem Raum arbeitet."
Ich bin Kelly Martin", sagte die junge Frau und stand auf, um den jungen Mann zu begrüssen. Sie müssen der neue Mitarbeiter sein."
Sie sah sich den Ankömmling an. Er war ihr auf den ersten Blick sehr sympathisch und nett. Er wirkte ruhig und sicher.
Ja, ich bin der neue Kollege. Mein Name ist Andrew. Eine Frau sagte mir, dass sie mir helfen können, meinen Computer zu starten und Zugriff auf den Server zu bekommen."
Aber sicher", meinte Kelly. Wenn sie schon einen Usernamen haben, dann kann ich sie gleich der richtigen Arbeitsgruppe zuweisen. Haben sie einen Usernamen?"
Andrew nickte.
Ja, ich habe ein Papier auf meinem Schreibtisch gefunden, auf dem alles Wichtige stand. Es beinhaltete auch meinen Usernamen. Er lautet EoT."
Kelly musste lächeln, als sie den Usernamen hörte.
Was ist daran so lustig?", fragte der Engel ein wenig verwirrt.
Eigentlich nichts. Es klingt nur wie eine Abkürzung für Engel des Todes", meinte Kelly.
Andrew erblasste. Als sie das sah, fügte sie schnell hinzu:
Vergessen sie es, es war nur ein Scherz. Dann wollen wir dem Server mal mitteilen, dass wir einen neuen Mitarbeiter haben."
Andrew hatte schon befürchtet, dass seine wahre Identität vor der richtigen Zeit enthüllt werden würde, doch Kellys Erklärung beruhigte und erleichterte ihn wieder.
Können sie das von ihrem Arbeitsplatz aus machen?", fragte er erstaunt.
Kelly nickte, während sie sich wieder an ihren Schreibtisch setzte.
Ja, ich habe von meinem Platz aus Zugriff auf alle Programme und Einstellungen des Servers", erklärte sie. So muss ich nicht wegen jeder noch so kleinen Änderung oder jedem Problem in den Serverraum, sondern kann erst einmal versuchen, es von hier aus in den Griff zu bekommen."
Kurze Zeit später sagte Kelly:
Okay, ich habe sie angemeldet. Der Zugriff wird in ungefähr 15 Minuten online sein. Der Server braucht einige Zeit, um die Veränderungen zu registrieren und abzuspeichern. In der Zwischenzeit werde ich ihnen beim Starten ihres Computers helfen."
Gemeinsam mit Andrew verliess sie das kleine Büro und zusammen gingen sie zu seinem neuen Arbeitsplatz. Der Engel konnte ihr ansehen, welche Freude ihr die beiden verschiedenen Arbeiten machten, die sie in der Firma zu erledigen hatte. Sie liebte es, Software zu entwickeln und sich noch nebenher um die User und die Computer und den Server zu kümmern.
Kelly setzte sich auf Andrews Platz und schaltete den Computer ein. Da es der erste Start war, begannen eine Menge Updates zu laufen.
Ich denke, sie können in der nächsten halben Stunde etwas anderes machen", erklärte Kelly.
Warum?", wollte Andrew wissen.
Diese Updates brauchen eine Ewigkeit, bis sie endlich abgeschlossen sind. Aber keine Sorge, das ist nicht bei jedem Start so, sondern nur, wenn man den Rechner das erste Mal einschaltet, nachdem ein neuer User angelegt wurde", erläuterte sie. Aber sobald er damit fertig ist, können sie die Programme installieren, die sie für ihre Arbeit hier benötigen. Ich habe gesehen, dass der Chef sie alle auf den Zettel geschrieben hat, auf dem sich auch ihr Username befindet."
Der Engel sah die junge Frau ein wenig hilflos an.
Keine Sorge", meinte diese. Die Installationen sind gut beschrieben und es ist kaum möglich, einen Fehler zu machen, geschweige denn den Rechner zum Absturz zu bringen. Wenn sie die Installationen fertig haben, werde ich ihnen hier in der Firma alles zeigen und ihnen die anderen Arbeitskollegen vorstellen, mit denen sie arbeiten werden. Bis dahin muss ich allerdings auch noch ein bisschen arbeiten. Ich komme dann nachher wieder zu ihnen."
Kelly stand auf, drehte sich um und ging. Andrew setzte sich auf den Stuhl und sah den laufenden Updates ein wenig skeptisch zu. Er hatte einige Zweifel, dass er der richtige Engel für diesen Auftrag war.
Nachdem die Updates abgeschlossen waren, versuchte Andrew seinen Rechner in Betrieb zu nehmen und die nötigen Programme zu installieren. Erleichtert stellte er fest, dass es gar nicht so schwer war, wie er befürchtet hatte und anfangs liefen die ganzen Installationen problemlos durch. Doch als er die Entwicklungssoftware installieren wollte, begannen die Probleme. Egal, wie und was er versuchte, das Installationsprogramm brach jedes Mal an der gleichen Stelle ab.
Hey, was ist dein Problem?", fragte Andrew seinen Computer und sah hilflos auf den Monitor. Warum machst du das mit mir?"
Was ist los?", erklang eine Stimme hinter ihm.
Andrew drehte sich um und sah in ein grinsendes Gesicht. Es war Kelly, die Probleme hatte, ihr Grinsen zu unterdrücken.
Ich weiss es nicht, aber anscheinend hat der Rechner ein paar Probleme mit dem Installationsprogramm der Entwicklungssoftware. Das Programm lässt sich einfach nicht installieren", legte er sein Problem dar.
Machen sie sich keine Sorgen, das ist immer so. Es gibt immer Schwierigkeiten beim Installieren dieses Programms."
Warum?"
Das hat bis jetzt noch keiner herausgefunden. Aber man muss nach den ersten missglückten Installationen den Rechner neu starten und es dann noch drei bis vier Mal versuchen. Mit ein bisschen Glück läuft die Installation des Programms dann ohne Probleme durch."
In Andrews Augen leuchtete wieder ein wenig Hoffnung auf.
Sie scherzen?", fragte er.
Kelly schüttelte den Kopf.
Nein, das funktioniert wirklich so am besten. Wir haben sogar schon einmal bei dem Hersteller des Programms angefragt und ihm unser Problem erklärt, doch auch er konnte uns nicht helfen. Ich schätze, das liegt irgendwie an der Konfiguration unserer Rechner, dass wir solche Probleme beim Installieren dieser Software haben, denn alle andere Software macht lässt sich gut und problemlos installieren. Versuchen wir es einfach mal."
Ich hasse Computer", murmelte Andrew so leise, dass es nicht einmal die neben ihm stehende Kelly hörte.
Nachdem er die Ratschläge seiner neuen Arbeitskollegin befolgte, hatte er die Software innerhalb von einer halben Stunde ohne weitere Probleme installiert. Erleichtert atmete er auf.
Ich dachte schon, ich schaffe das nicht mehr", sagte er zu sich selber. Dann stand er auf und ging in Kellys Büro.
Ich bin fertig mit den Installationen", sagte er mit einem breiten Lächeln.
Herzlichen Glückwunsch!", sagte Kelly. In dem Fall können wir jetzt einen kleinen Rundgang durch die Firma machen."Nach dem Rundgang setzten sich die beiden noch in die Cafeteria der Firma. Kelly holte sich einen Kaffee, während Andrew sich mit einem Glas Sprudel zufrieden gab.
Eine schöne Firma habt ihr hier", begann der Engel das Gespräch. Ich denke, dass ich mich hier sehr wohl fühlen werde."
Es freut mich, so etwas zu hören. Wir sagen untereinander, also unter den Kollegen, übrigens Du zueinander, auch wenn sie neu sind."
Andrew konnte sich einen Spass nicht verkneifen. Er streckte die Hand aus, nahm Kellys in seine und sagte:
Hallo, ich heisse Andrew."
Kelly musste lachen. Doch auch sie machte den kleinen Spass mit und entgegnete:
Sehr angenehm. Mein Name ist Kelly. Herzlich willkommen in der Firma."
Wie lange arbeitest du denn schon hier?", fragte er.
Seit zwei Jahren. Es ist meine erste richtige Vollzeitarbeit, die ich habe. Vorher habe ich mal hier oder mal dort gejobbt, vor allem während der Zeit auf dem College musste ich mir durch Jobben Geld zum Leben verdienen."
Sind deine Eltern tot?"
Nein, aber ich verstehe mich nicht besonders gut mit ihnen", antwortete Kelly offen. Musst du dich alleine durchs Leben schlagen?"
Der Engel schüttelte den Kopf.
Nein. Ich habe noch meinen Vater. Einen besseren und gütigeren Vater wie ich ihn habe kannst du dir nicht vorstellen. Er hat mich in allem unterstützt, was ich machen wollte oder musste, ich war da niemals alleine."
Beneidenswert", murmelte Kelly leise.
Bitte?"
Ach, nichts wichtiges", lenkte die junge Frau ab. Bist du eigentlich neu hierher gezogen oder kommst du von hier?"
Ich bin erst vor kurzem hierher gezogen. Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich so schnell eine Arbeit finde und darüber bin ich echt froh."
Ja, es ist sehr schwer, hier in der Gegend eine gute Arbeit zu finden. Die meisten Firmen suchen mehr Schüler oder Studenten, die ihnen über die Ferien aushelfen. Das ist viel billiger für sie und die meisten von ihnen können fast besser programmieren als einige der festangestellten Mitarbeiter."
Das ist fast so schwer, wie eine schöne Wohnung zu finden."
Kelly lächelte.
In dem Fall kann ich dir nur recht geben. Wenn ich mir so überlege, in welch winzigen Zimmern ich so zwischendurch gelebt habe, dann weiss ich gut, was das für ein Problem ist."
Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.
Ich denke, wir sollten uns wieder an die Arbeit machen. Ich werde dir noch kurz zeigen, was du heute zu tun hast. Hättest du Lust, mit mir und Sue zusammen Mittag zu essen."
Ja, gerne", meinte der Engel begeistert. Ich freue mich darauf."
Kapitel 3: Begegnungen
Am Abend trafen sich die drei Engel in einem Cafe. Monica nahm gleich die Speisekarte in die Hand und fragte:
Darf ich mir ein Eis bestellen, Tess?"
Du bist ein Engel, Baby. Du brauchst kein Essen und auch kein Eis."
Bitte, Tess", bettelte der Engel wie ein kleines Kind. Ich weiss, dass ich kein Eis brauche, um zu leben, doch ich liebe diese Köstlichkeit der Menschen."
Na gut, dann bestelle dir eines, wenn es dir so viel bedeutet."
Vielen Dank. In dem Fall werde ich mir ein Erdebeerbecher nehmen. Ich liebe Erdbeeren."
Bevor Tess sich Andrew zuwenden konnte, trat der Ober zum Tisch der Engel.
Was darf ich ihnen bringen?", wollte er freundlich wissen.
Der dunkelhäutige Engel warf noch kurz einen Blick auf die Karte und sagte dann:
Wir hätten gerne einen Kaffee, einen Milchshake und einen Erdbeerbecher."
Kommt sofort."
Nachdem der Ober die bestellten Speisen und Getränke gebracht hatte, wandte sich Tess Andrew zu, der noch keinen einzigen Ton gesagt hatte.
Wie war dein erster Tag?", fragte sie.
Der Todesengel seufzte.
Nicht so schlecht wie ich es zuerst befürchtet hatte", antwortete er und nahm einen Schluck von seinem Milchshake. Tess, sie scheint absolut nicht die Person zu sein, wie du sie uns gestern beschrieben hast. Ich meine, sie war freundlich und sehr nett und schien wirklich glücklich zu sein. Sie wirkte und handelte nicht wie eine Person, die solch grosse Probleme hat, wie du es gesagt hast. Sie kann nicht die Person sein, die du gemeint hast."
Doch Andrew, sie ist die richtige Person", sagte Tess. Er hat es mir gesagt und du weißt, Er hat immer recht. Weißt du, gerade das, was du eben beschrieben hast, ist das Problem. Jeder denkt, dass bei ihr alles in bester Ordnung ist. Sie hat gelernt, eine gute Schauspielerin zu sein und jedem etwas vorzumachen, was gar nicht so ist. Sie kann ihre wahren Gedanken und Gefühle so gut verstecken, dass sie sich selber und die anderen Menschen belügt. Manchmal spielt sie ihre Rolle so gut, dass nicht einmal sie selbst mehr ihre wahren Gefühle kennt. Sie weiss es und das macht ihr Angst. Doch wenn du sie einmal nach ihrer Meinung bei einer Diskussion oder einer wichtigen Sache fragst, kann sie dir keine eigene Antwort geben, weil sie keine eigene mehr hat. Sie spielt ihre Rolle so oft und so intensiv, dass sie nun Probleme hat, zu entscheiden, was zu ihrem wahren Selbst gehört und was nicht. Manchmal hat sie das Gefühl, dass aus zwei sehr verschiedenen Persönlichkeiten besteht."
Sie warf Andrew und Monica einen Blick zu. Monica legte den Löffel aus der Hand und fragte:
Wie kann jemand so leben?"
Ich weiss es nicht, Baby. Kelly hat zwei grosse Probleme im Moment. Das erste habe ich euch schon gesagt und das zweite ergibt sich aus dem ersten. Ihr Lebenswille ist nicht stark genug im Moment. So lange alles in ihrem Leben gut und problemlos läuft, liebt sie es, aber..."
Aber wenn sie vor Schwierigkeiten steht, dann gibt sie die ganze Hoffnung auf, die sie hat", unterbrach Andrew. Richtig?"
Tess nickte. Andrew begann so langsam zu verstehen, was vor sich ging und was Tess versuchte, ihm zu erklären.
Richtig", bestätigte sie. Sie hat zwar niemals versucht, sich das Leben zu nehmen, doch man kann sagen, dass sie schon seit langer Zeit von einem Todeswunsch begleitet wird."
Und wie geht es jetzt weiter?", erkundigte sich Andrew mit etwas trauriger Stimme.
Monica und ich werden zu ihren Eltern gehen und mit ihnen arbeiten. Kelly und ihre Eltern streiten sich schon seit vielen Jahren und das hilft ihr überhaupt nicht. Jedes Mal, wenn sie sich sehen oder treffen dauerte es nicht lange und sie streiten wieder miteinander. Und du, Andrew, du hast die Aufgabe, dem Mädchen zu helfen, die wahre Kelly zu finden und sie auf die Zukunft vorzubereiten."
Tess, wann werden wir zu ihren Eltern gehen?", fragte Monica ungeduldig. Sie hatte schon den ganzen Tag etwas tun wollen, doch ihre Lehrerin hatte ihr nur gesagt, dass sie noch ein wenig warten musste.
Tess lächelte. Sie liebte Monica, aber sie wusste, dass ihr kleiner Engel manchmal sehr ungeduldig war und ihr das Warten meistens ziemlich schwer fiel.
Morgen. Du wirst mit ihrer Mutter zusammen arbeiten. Ihr Name ist Carrie Martin und sie arbeitet in einem Cafe. Ich werde bei Kelly Vater sein."
Monica musste lächeln, als sie hörte, dass sie in einem Cafe arbeiten würde. Tess sah sie an und als ob sie Monicas Gedanken gelesen hätte, sagte sie:
Vergesse dein Versprechen nicht, Fräulein Flügel! Nur drei Tassen Kaffee und maximal zwei Eisbecher in der Woche. Und denke ja nicht, dass ich es nicht herausbekommen würde, wenn du über die Stränge schlägst."Am nächsten Morgen machte Kelly mit ihrem Hund einen Spaziergang am Meer. Sie liebte es, bei Sonnenaufgang dort zu sein und über das Wasser zum Horizont zu sehen. An diesem Morgen war die Stimmung an der See besonders friedlich und ruhig. Keine Wolke stand am Himmel und es war windstill.
Normalerweise war sie zu dieser Zeit alleine mit ihrem Hund, doch an diesem Morgen befand sich noch ein junger blonder Mann am Strand. Als sie näher kam, konnte sie erkennen, dass es der neue Mitarbeiter war, den sie am gestrigen Tag kennen gelernt hatte.
Hallo Andrew", begrüsste sie ihn. Was machst du denn zu dieser Zeit hier am Strand?"
Ist es hier nicht wunderschön?", fragte er ohne auf ihren erstaunten Aufruf einzugehen und deutete über das unendlich weit wirkende Meer zum Horizont.
Doch. Ich liebe es, jeden Morgen hier spazieren zu gehen und die Schönheit der Natur zu bewundern", antwortete sie und sah ihn direkt an. Ich wusste ja gar nicht, dass du hier wohnst."
Ich habe ein Appartement in der Nähe des Strandes gefunden", gab er bereitwillig Auskunft. Kannst du mir eigentlich sagen, wie ich am besten in die Stadt komme? Das Auto meines Freundes ist defekt und wie ich dir ja erzählt habe, bin ich neu hier in der Gegend und kenne mich noch nicht besonders gut aus. Ich weiss nämlich absolut nicht, wie ich am besten zur Arbeit komme."
Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wenn du willst, dann kann ich dich mit zur Arbeit nehmen", bot Kelly an. Obwohl sie ihn erst gestern kennen gelernt hatte, fand sie, dass Andrew sehr nett war und sie mochte ihn sehr gern.
Vielen Dank. Das wäre mir eine grosse Hilfe."
Kein Problem. Ich hole dich in einer halben Stunde ab."
Bis dann", sagte Andrew und ging zurück zu seinem Appartement.Genau eine halbe Stunde später läutete Kelly an der Wohnungstür des Engels.
Bist du fertig?", fragte sie Andrew, als dieser die Türe öffnete.
Fast. Gib mir noch zwei Minuten", antwortete er.
Dann führte er sie durch die Wohnung in die Küche. Dort stand eine hübsche Frau mit langen rotbraunen Haaren, die gerade ein Brot mit Butter und Marmelade bestrich.
Hallo", grüsste sie. Du musst Kelly sein. Andrew hat mir gesagt, dass du ihn mit zur Arbeit nimmst. Ich heisse Monica und freue mich, dich kennen zu lernen."
Hallo. Ja, ich bin Kelly. Ich freue mich ebenfalls, dich kennen zu lernen. Ich wusste gar nicht, dass Andrew verheiratet ist."
Was?", fragte Monica erstaunt, doch dann verstand und lächelte sie. Nein, wir sind nicht verheiratet. Wir sind nur Freunde und teilen uns gemeinsam mit Tess das Appartement. Das ist alles."
Wer ist Tess?"
Eine sehr gute Freundin von Andrew und mir. Sie passt immer ein bisschen auf uns auf, damit wir bei unserer Arbeit nicht so viele Fehler machen. Leider ist sie gerade nicht zu Hause, sonst hätte ich euch miteinander bekannt gemacht."
Vielleicht das nächste Mal."
Okay, ich bin fertig", sagte Andrew, als er die Küche betrat. Ich sehe, du hast Monica bereits kennen gelernt."
Ja, habe ich. Sie ist sehr nett. Ich denke, wir sollten uns auf den Weg machen, sonst kommen wir in den morgendlichen Stau und am Ende noch zu spät in die Firma und zur Arbeit."
Die beiden verliessen die Wohnung und das Haus. Dann stiegen sie in Kellys Auto und fuhren los. Die junge Frau fuhr gut und sicher.
Vielen Dank, dass du mich mitgenommen hast, das ist mir wirklich eine grosse Hilfe", begann Andrew eine Unterhaltung. Ich hoffe, dass das Auto meines Freundes bald wieder in Ordnung ist. Wie lange wohnst du eigentlich schon in dieser Stadt?"
Schon seit vier Jahren, aber es gefällt mir hier nicht so besonders gut."
Gerade als Andrew fragen wollte, warum es ihr in der Stadt nicht gefiel, stiess Kelly einen leisen, aber schmerzvollen Schrei aus.
Kelly, was ist los?", fragte der Engel sehr besorgt. Hast du irgendwo Schmerzen?"
Die junge Frau versuchte zu lächeln, doch das Lächeln wirkte ziemlich gequält.
Nein, nein, es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen um mich, es wird gleich wieder vorbei sein. Ich habe das nicht zum ersten Mal."
Kelly atmete ein paar Mal tief ein und aus. Kurze Zeit später ging es ihr wieder gut und sie konnte sich wieder ganz auf das Fahren konzentrieren.
Da Andrew wusste, dass sie wegen der Schmerzen noch nie bei einem Arzt gewesen war und ihm ebenfalls bekannt war, dass sie ziemlich krank war, sagte er zu ihr:
Du solltest zu einem Doktor gehen und dich untersuchen lassen. Du sahst gerade gar nicht gut aus. Hattest du grosse Schmerzen?"
Kelly winkte ab.
Nein, mir geht es wirklich gut. Ich brauche keinen Arzt", entgegnete sie. Es ist alles in Ordnung mit mir."
Sie hasste Ärzte, obwohl sie schon seit Jahren bei keinem mehr gewesen war. Sie wollte gar nicht wissen, was sie hatte. Auf der einen Seite hatte sie Angst, dass es Krebs oder etwas noch schlimmeres sein konnte, doch auf der anderen Seite hoffte sie, dass es eine unheilbare Krankheit war, denn sie wollte nicht länger leben.
Andrew seufzte, denn er ahnte, was sie dachte und wusste, dass sie im Moment nicht bereit war, über all das, was sie bedrückte und ihr Sorgen und Nöte bereitete, zu sprechen. So entschied er sich, das Thema des Gespräches zu wechseln.
Warum gefällt es dir denn nicht hier in der Stadt?"
Kelly zuckte mit den Schultern.
Ich kann es dir nicht genau sagen, aber es ist alles so laut und dreckig hier. Weißt du, ich bin auf dem Land aufgewachsen und dort lebt es sich ganz anders."
Gehst du deshalb am frühen Morgen ans Meer?"
Ja, ich denke, das ist einer der Gründe. Es ist einfach viel schöner und ruhiger dort unten, auch wenn ein Grossteil des Strandes in der Zwischenzeit zugebaut wurde, was ich sehr schade finde."
Ich bin auch viel lieber draussen am Meer oder in der freien Natur als mitten in der Stadt", sagte der Engel. Aber manche Dinge muss man eben so hinnehmen, wie sie im Moment sind. Oder man versucht, sie zu ändern."
Wie wenn das immer so einfach wäre!", sagte Kelly tonlos zu sich selber.
Monica hatte sich auch fertig gemacht und war in die Stadt gegangen. Sie stellte sich nun in dem Cafe vor, in dem Kellys Mutter als Kellnerin arbeitete.
Hallo, ich bin Monica", begrüsste sie die Frau hinter dem Tresen. Ich bin für einige Wochen die Aushilfskellnerin in ihrem Cafe."
Die angesprochene Frau war ungefähr 50 Jahre alt. Sie hatte kinnlange braune Haare, die von einigen silbernen Strähnen durchzogen wurden. Obwohl ihr Gesicht müde und blass war, wirkte sie hübsch und sehr freundlich.
Monica wusste sofort, wer diese Frau war. Es war Kellys Mutter. Der Engel wusste, dass sie und Kelly viele Streitereien und Meinungsverschiedenheiten in den letzten Jahren gehabt hatten und sie würde alles daran setzen, den beiden zu helfen und die Familie wieder zusammen zu bringen. Es war ihre Aufgabe, Frieden zwischen Mutter und Tochter zu schaffen. Beide brauchten ihn dringend.
Hallo Monica", sagte die Frau. Mein Name ist Carrie Martin und es freut mich, sie kennen zu lernen. Bitte nenne sie mich Carrie. Ich bin die Besitzerin dieses Cafes und ausserdem eine der Kellnerinnen."
Sie gab Monica die Hand und führte sie herum.
Ich hoffe, sie fühlen sich bei uns wohl", meinte Carrie freundlich. Wenn irgend etwas ist, wenn sie Probleme mit der Arbeit, mit einem Mitarbeiter oder einem Gast haben, dann scheuen sie sich nicht und kommen sofort zu mir. Solche Probleme müssen gleich aus der Welt geschafft werden, bevor sie Schaden anrichten können."
Kapitel 4: Schwere Zeit
Die nächsten Tage verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Andrew und Kelly wurden richtig gute Freunde, und trafen sich auch ausserhalb der Firma und der Arbeitszeiten. Andrew bemerkte sehr schnell, dass seine Arbeitskollegin den grössten Teil ihrer freien Zeit entweder im Internet oder am Strand verbrachte. Er hatte ebenfalls erkannt, wie schwer sie es trotz allem an ihrer Arbeitsstelle hatte, obwohl sie sich sehr um gute Arbeit bemühte.
Er konnte sehen, wie gut Kelly es verstand, ihre wahren Gefühle und ihr wahres Ich hinter einer Maske zu verstecken und er konnte nicht verstehen, warum sie das tat. Er begriff nicht, warum die junge Frau eine solch grosse Angst davor hatte, so zu sein, wie sie wirklich war. In seinen Augen war Kelly eine wirklich liebreizende und freundliche junge Frau. Sie war ausserdem eine sehr hilfreiche, intelligente, warmherzige und sympathische Person.
Tess war fast jeden Tag bei Kellys Vater. Er arbeitete als Mechaniker in einer Autowerkstatt und versuchte, Tess Auto wieder zu reparieren. Doch jedes Mal, wenn er einen Schaden behoben hatte, ging etwas anderes kaputt. So blieb für die beiden genug Zeit, um sich zu unterhalten und so entwickelte sich ganz langsam eine Beziehung zwischen dem Mann und dem Engel. Tess liebte es, über ihr Auto zu reden, welches sie über alles liebte und Kellys Vater war froh, dass er jemand hatte, mit dem er reden konnte, denn er war die meiste Zeit alleine in der Werkstatt. Ausserdem hatte er selten eine Frau getroffen, die soviel Interesse und Kenntnisse über Autos besass.
Auch Monica fühlte sich an der ihr zugedachten Stelle als Kellnerin in Carries Cafe sehr wohl. Sie verstand sich sehr gut mit Kellys Mutter und die Arbeit machte ihr viel Freude, auch wenn es ihr ab und zu ein wenig schwer fiel, sich an Tess Gebot und die Einschränkung zu halten, denn Kaffee und Eis mochte der Engel sehr gerne. Allerdings fand sie während der Arbeit wenig Zeit, um daran zu denken, denn das Cafe lief sehr gut und es waren immer Gäste da, die sie bedienen musste. Immer mal wieder fand sich dann doch die Gelegenheit, mit Carrie zu reden und so wurden die beiden Frauen Freundinnen.
Alles schien problemlos nach dem richtigen Plan zu laufen.Es war Sonntag Abend. Die Uhr in Kellys Wohnzimmer schlug gerade acht Uhr, als die junge Frau nach Hause kam. Sie zog ihre Schuhe aus und ging in ihr Schlafzimmer, wo auch ihr Computer auf dem Schreibtisch stand. Doch an diesem Abend setzte sie sich nicht, wie an den anderen Tagen, davor, sondern legte sich auf ihr Bett. Ohne auf ihre Kleidung zu achten, warf sie sich auf die Bettdecke und verbarg ihren Kopf im Kissen.
Der Tag hatte versprochen, so schön zu werden. Kelly hatte sich entschlossen, ihre Mutter zu besuchen. Es schien so, als würde es ein schöner Nachmittag werden. Sie hatte sich gefreut, Monica, die Frau, die sie in Andrews Wohnung kennen gelernt hatte, wiederzusehen. Sie hatte gehofft, dass Monicas Anwesenheit einen erneuten Streit mit ihrer Mutter vermeiden würde, doch in diesem Fall hatte sich die junge Frau getäuscht.
Und nun war sie so wütend, wütend auf sich selber, wütend auf ihre Mutter, wütend auf ihre ganze Umwelt. Sie begann zu weinen. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht und tropften auf das Kopfkissen. Sie liess ihnen freien Lauf, machte sich keine Mühe, sie zu unterdrücken oder abzuwischen.
Warum?? Warum passiert so etwas immer mir? Warum kann ich mich nicht beherrschen? Warum geht immer alles schief, wenn ich etwas anpacke? Warum kann ich nichts richtig machen?", fragte sie sich selber.
Von Kelly ungesehen, standen die drei Engel neben dem Bett der jungen Frau.
Was ist heute geschehen?", wollte Andrew von Monica wissen, während er Kelly einen mitleidigen Blick zuwarf. Ihr Kummer tat ihm in der Seele weh.
Ich weiss es nicht genau. Der Tag, auch der Nachmittag, hat wirklich gut angefangen. Ich habe mich sehr gefreut, dass Kelly ins Cafe gekommen ist und hatte gehofft, dass Mutter und Tochter sich wieder vertragen und Frieden schliessen würden, doch es ist ganz anders gekommen. Ein Wort hat das andere nach sich gezogen und ehe ich etwas dagegen unternehmen konnte, haben sie sich gegenseitig angeschrieen. Es war mir leider nicht mehr möglich, einzugreifen, um das Schlimmste zu verhindern. Sie haben sich so furchtbare Sachen an den Kopf geworfen, besonders Carrie hat Kelly wirklich schreckliche Dinge gesagt. Am Anfang hat Kelly nicht reagiert und nichts gesagt, doch als ihre Mutter nicht aufgehört, sondern immer weiter geschrieen hat, konnte sich Kelly nicht mehr beherrschen und hat ihre Mutter ebenfalls angeschrieen und genauso schlimme Sachen zu ihr gesagt."
Monica wurde blass und Tränen traten ihr in die Augen, als sie daran dachte, was an diesem Nachmittag im Cafe geschehen war. Sie konnte sich noch sehr gut an Carries Blick erinnern, als Kelly ihr gesagt hatte, dass es ihr egal war, was die Mutter dachte und tat. Sie sah den Schmerz in den Augen der Mutter, als die Tochter ihr mitteilte, dass es sie nicht kümmerte, ob sie lebte oder nicht und dass sie Kellys Angelegenheiten nichts angingen. Monica konnte verstehen, dass Carrie daraufhin noch wütender wurde, als sie es sowieso schon war. Und es hatte sie keinesfalls verwundert, dass auch Kellys Mutter zu ihrer Tochter sagte, dass sie ihr egal sei.
Es fiel Monica sehr schwer, das alles Andrew und Tess zu erzählen, besonders, da sie weder die Reaktion der Mutter noch der Tochter verstehen konnte.
Tess legte den Arm um Monicas Schultern. Sie wusste, dass ihr Baby manchmal ein wenig zu weichherzig war und die Probleme und Nöte der Menschen zu sehr an sich heranliess und daraufhin nicht mehr in der Lage war, die Situation richtig zu beurteilen.
Und was ist dann geschehen?", fragte Andrew nach einer kurzen Pause, in der seiner Freundin die Gelegenheit gab, sich wieder ein wenig zu beruhigen.
Bevor sich die beiden, vor allem Carrie darüber klar wurden, was sie da eben zueinander gesagt hatten, ist Kelly ohne ein weiteres Wort aus dem Cafe gestürzt und weggelaufen. Carrie war so bestürzt, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen ist, hinter ihrer Tochter herzulaufen", fügte Monica traurig und betrübt hinzu.
Nach einen kurzen Blickwechsel mit Tess wandte Monica sich Andrew zu.
Es tut mir so leid, Andrew. Ich hätte diesen Vorfall gerne verhindert, aber es ging wirklich so schnell, dass der Streit eigentlich schon zu Ende war, bevor er richtig angefangen hatte und ich irgend etwas dazu sagen konnte."
Der Todesengel beruhigte sie.
Es trifft dich keine Schuld, Monica. Ich weiss, das du getan hast, was du tun konntest. Ich wünschte nur, dieser Vorfall hätte vermieden werden können."
Ich ebenfalls."
Du weißt, Andrew, dass alles seinen Sinn hat, auch wenn es sinnlos erscheint und nicht in Seinem Willen ist", erkundigte sich Tess.
Ja, ich weiss."
Es entstand wieder eine kurze Pause. Jeder der Engel war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, als sie Kelly weinend auf dem Bett liegen sahen.
Monica brach als erste das Schweigen.
Tess, ich kann das nicht verstehen. Wie können sich Menschen, die so eng verbunden sind, die eine Familie sind und sich eigentlich lieben sollten, untereinander so einen Hass gegenüber dem anderen entwickeln? Wie können sich Menschen gegenseitig solche furchtbaren Dinge sagen? Wie können sie so grausam sein?"
Das kann ich dir leider auch nicht genau sagen, Baby", antwortete Tess. Du weißt, die Menschen sind anders als wir Engel. Es gibt welche, die kommen mit sich und den anderen Personen in ihrem Umfeld ohne Probleme und ohne Theater zurecht. Auf der anderen Seite gibt es aber auch solche Menschen, die sich einfach nur durch das Leben quälen, obwohl das eigentlich nicht sein müsste, wenn sie Ihm vertrauen würden. Aber Er zwingt niemanden dazu, an Ihn zu glauben und Ihm zu vertrauen. Die Menschen haben ihren freien Willen und es steht ihnen offen, was sie aus ihrem Leben machen. Es ist unsere Aufgabe, ihnen dabei zu helfen, den richtigen Weg zu gehen."
Andrew warf wiederum einen Blick auf Kelly. Sie weinte immer noch bitterlich und machte sich selber Vorwürfe. Auch für ihn war es unverständlich, dass Menschen so grausam zueinander sein konnten, ganz besonders, wo sie doch Mutter und Tochter waren.
Meinst du, dass da überhaupt noch etwas zu retten ist?", fragte er leise.
Ich hoffe es", antwortete Tess. Und solange noch Hoffnung besteht, glaube ich auch daran, dass sich alles zum Guten wenden wird."
Andrew ging zu Kelly, die noch immer regungslos auf dem Bett lag. Nur an ihrem zuckenden Rücken konnte man erkennen, was los war und welche Verzweiflung die junge Frau aus sich herausweinte. Ganz sanft, so leicht wie ein Windhauch, strich er ihr über das Haar, bis sie sich wieder beruhigt hatte.
Es dauerte noch eine Weile, bis Kellys Tränen vollständig versiegt waren. Nachdem sie sich wieder ein wenig gefangen hatte, stand sie auf und ging zu ihrem Computer. Sie schaltete ihn ein und setzte sich davor. Geduldig wartete sie, bis sämtliche Programme hochgefahren waren und begann dann etwas zu schreiben.
Die drei Engel traten hinter sie. Sie konnten sehen, dass Kelly sich im Internet befand. Andrew wurde blass, als er erkannte, dass die junge Frau sich in einem Forum befand, in dem gleichen Forum, in dem er vor wenigen Tagen im Internet-Cafe hineingesehen hatte. Er musste sich fast an Kellys Stuhl festhalten, als er las, was sie geschrieben hatte.
Monica und Tess legten den Arm um ihn, denn sie konnte ihm nachfühlen, was in ihm vorging. Gemeinsam beugten sie sich vor und lasen, das Kelly geschrieben hatte:
Hallo!
Ich habe lange darüber nachgedacht und mich dafür entschieden, dass ich nicht länger leben will. Ich schaffe es einfach nicht mehr, ein Leben zu führen, das überhaupt den Anschein eines Lebens hat. Ich kann nicht mehr, es ist mir alles zuviel. Nun bin ich bereit, diese Welt zu verlassen und das werde ich auch tun.
Kann mir jemand sagen, wie ich auf dem einfachsten Weg und ohne Rezept Schlaftabletten bekommen kann? Wie viele muss ich davon nehmen, um ganz sicher zu gehen, dass man mich nicht mehr reanimieren kann, falls mich doch jemand vor meinem Tod finden sollte?
SadAngel."
Oh nein! Bitte nicht noch einmal!", bat Andrew verzweifelt.
Mach dir keine Sorgen, mein Junge", tröstete ihn Tess und strich ihm sanft über den Rücken. Sie wird vor morgen Abend keine Antwort bekommen."
Der Todesengel sah sie fragend an. Tess sah lächelnd nach oben und blickte dann Andrew wieder an. Dieser seufzte erleichtert.
Du siehst, du hast bis Montag Abend Zeit", sagte seine Freundin.
Und wenn ich es nicht schaffe?", fragte er.
Sei unbesorgt. Ich bin mir sicher, dass du es schaffen wirst", beruhigte Tess ihn. Und wenn nicht, dann ist morgen Nachmittag noch früh genug, um dich darauf vorzubereiten, dass du sie heimbringen musst."Als Andrew am nächsten Morgen in die Firma kam, war Kelly schon an ihrem Arbeitsplatz. Da Sue noch nicht in der Firma war, betrat der Engel das Büro der beiden Freundinnen, ohne vorher an die Türe zu klopfen.
Guten Morgen", grüsste er fröhlich. Wie war dein Wochenende?"
Hallo", antwortete Kelly mit trauriger Stimme.
Der Blick, den sie dem Engel zuwarf, war noch trauriger als ihre Stimme. Obwohl sie normalerweise ihre wahren Gefühle hinter ihrer fröhlichen und unbekümmerten Maske versteckte, ahnte sie, dass sie ihm nichts vormachen konnte und er genau wusste, was sie dachte und fühlte, egal, was und wie sehr sie es auch zu verheimlichen versuchte.
Was ist los?", fragte Andrew und sah sie besorgt an.
Ich ... Ach, mein Wochenende war nicht so besonders."
Möchtest du darüber reden?", erkundigte er sich.
Kelly schüttelte den Kopf und warf ihm ein leichtes, wenn auch trauriges Lächeln zu.
Nein, im Moment nicht. Aber vielen Dank für das Angebot."
Falls du doch reden willst, dann kannst du immer zu mir kommen", sagte er und lächelte ihr aufmunternd zu. Du weißt ja, wo du mich findest."
Ihr Lächeln verstärkte sich und verlor ein wenig an Traurigkeit.
Das ist wirklich sehr nett von dir. Vielleicht werde ich darauf zurückkommen, aber jetzt gerade möchte ich nicht darüber reden. Ich sollte lieber arbeiten, sonst ..."
Bevor Kelly den Satz beenden konnte, wurde das Gespräch der beiden durch eine laute Stimme unterbrochen. Es war der Chef von Kellys Abteilung, der seine Mitarbeiterin zu sich rief:
Miss Martin, kommen sie sofort in mein Büro!"
Die junge Frau schloss für einen Moment ihre Augen.
Oh nein", sagte sie leise zu sich selber. Was habe ich denn jetzt wieder falsch gemacht?"
Kelly stand langsam auf und ging in das Büro ihres Chefs.
Bitte schliessen sie die Türe hinter sich", sagte er.
Dies waren die letzten Worte, die Andrew genau hören konnte. Die Stimme des Chefs klang nicht sehr freundlich und er schien Kelly nicht zu sich gerufen zu haben, um ihre Arbeit zu loben. Obwohl er nicht gerade leise sprach, konnte Andrew den Wortlaut des Gespräches nicht verstehen, aber so wie er es aus den Fetzen entnehmen konnte, die er verstand, ging es um eine Arbeit, an der Kelly arbeitete.
Nur kurze Zeit später öffnete sich die Tür des Büros wieder und Kelly kam heraus. Andrew konnte sehen, dass ihre Augen voller Tränen waren. Sie rannte an ihm vorbei, als wäre er nicht da. Er erkannte, dass sie vollkommen verzweifelt und durcheinander war und mehr als vorher auf seine Hilfe angewiesen war.
Kelly?", rief er hinter ihr her, doch sie reagierte nicht. Kelly, warte doch!"
Die Stimme des Vaters sagte ihm, dass er hinter ihr hergehen sollte und so machte er sich auf den Weg.
Kapitel 5: Die Wahrheit
Andrew durchsuchte einen grossen Teil der Firma, bis er Kelly nach gut einer halben Stunde endlich fand. Sie hatte sich in einen der Räume, in denen die erstellte Software gestestet wurde, verzogen. Sie hatte kein Licht gemacht, doch er wusste, dass sie sich dort befand. Leise und vorsichtig, um die junge Frau nicht noch mehr zu erschrecken, öffnete er die Tür.
Kelly?", erkundigte er sich.
Ein leises Schluchzen ertönte aus einer Ecke.
Darf ich hereinkommen?"
Nein", antwortete Kelly mit tränenerstickter Stimme. Bitte, lass mich alleine. Ich möchte einfach meine Ruhe haben und ich möchte nicht, dass du mich so siehst."
Der Engel überlegte einen Augenblick und betrat dann den Raum. Leise, damit die anderen Mitarbeiter es nicht hörten, schloss er die Türe hinter sich. Kelly sass in einer Ecke auf dem Boden und hatte ihre Arme um die Knie geschlungen. Nachdem Andrew den Raum betreten hatte, legte sie ihr Gesicht auf ihre Arme und bat ihn mühsam:
Bitte, gehe wieder. Ich möchte jetzt wirklich alleine sein und niemanden sehen."
Andrew kniete sich vor sie hin und fragte:
Warum möchtest du nicht, dass ich dich so sehe? Warum möchtest du nicht mit mir reden?"
Kelly antwortete nicht. Dann hob sie den Kopf und starrte gerade aus. Sie sah genau in Andrews Richtung, doch sie sah ihn nicht direkt an, sondern durch ihn hindurch. Ihr heftiges Schluchzen hatte ein wenig nachgelassen.
Kelly, ich möchte dir so gerne helfen, aber du musst mir vertrauen, sonst weiss ich nicht, wie ich für dich da sein kann und was ich für dich tun kann. Ich mag dich echt gerne und ich weiss, dass du im Moment sehr verletzt und sehr traurig bist. Aber ich weiss nicht, wie ich dir helfen kann und soll, wenn du nicht mit mir redest."
Die junge Frau starrte weiterhin in die Leere.
Bitte sage mir, was los ist und was dich so fertig macht. Hast du kein Vertrauen zu mir?"
Doch", antwortete Kelly leise. Ich vertraue dir. Du bist der erste Mensch, bei dem ich das Gefühl habe, dass ich ..."
Dass du ...?", hakte Andrew nach.
Dass du mich so magst, wie ich wirklich bin."
Wieder entstand ein Schweigen. Kellys Schluchzen war ein wenig stärker geworden. Andrew versuchte, seinen Arm um ihre Schulter zu legen, doch sie stiess ihn energisch, aber nicht unsanft, weg.
Nein, bitte nicht", bat sie.
Der Engel akzeptierte ihr Nein". Er startete einen weiteren Versuch, sie dazu zu bringen, ihm zu sagen, was sie so belastete und traurig machte.
Gib mir doch bitte die Chance, dir zu helfen. Sage mir, was dich so bedrückt."
Ich ... ich kann nicht", schluchzte sie. Ich weiss nicht, wie ich es dir erklären und sagen sollte."
Sage einfach, was du denkst und fühlst."
Ich hatte am Wochenende einen furchtbaren Streit mit meiner Mutter. Wir haben uns Dinge gesagt, die man sonst nicht einmal denken würde und ich schäme mich deswegen furchtbar. Und nun habe ich auch noch Schwierigkeiten mit meinem Chef. Es ist jedes Mal dasselbe. Er schreit mich wegen nichts oder winzigen Kleinigkeiten an und ich stehe vor ihm und ich sage nichts, aber auch wirklich gar nichts, auf seine Vorwürfe, obwohl ich diese nicht gerechtfertigt finde. Manchmal denke ich, dass es ihm Spass macht, so mit mir zu reden. Ich wünsche mir wirklich, dass ich ihm einmal sagen kann, was ich denke, aber ich kann es nicht. Ich habe keinen Mut dazu und ich verstehe es nicht, warum ich solche Angst davor habe, meine Meinung zu sagen."
Ich verstehe ..."
Nein", unterbrach ihn Kelly heftig. Du verstehst es nicht. Du kannst es nicht verstehen, weil du niemals in der Situation warst, in der ich mich befinde. Das ist nicht das erste Mal in meinem Leben, dass alles schief geht. Es gab viele andere Situationen wie diese in den letzten Jahre, so viele, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Immer wieder zerstöre ich alles."
Kelly machte eine Pause und sah ihm nun direkt in die Augen. Er konnte die Traurigkeit und Verzweiflung, unter der sie litt, sehen und spüren. Sie begann wieder zu weinen und die Tränen rannen ihr ohne Unterbrechung über die Wangen.
Andrew, ich kann nicht mehr. Es ist mir alles über den Kopf gewachsen. Ich hasse mich und ich hasse mein Leben. Ich hasse es, dass ich nicht die Kraft habe so zu sein, wie ich sein möchte und wie ich wirklich bin. Ich habe es satt, verschiedene Rollen zu spielen, ich möchte das einfach nicht mehr. Ich schaffe es auch nicht mehr. Ich wünschte, Er würde mich von dieser Welt gehen lassen. Weißt du, ich verletzte doch sowieso nur jeden. Jeden, der es gut mit mir meint, verletze ich jedes Mal, wenn ich sage, was ich wirklich denke."
Sie legte ihren Kopf wieder zurück auf ihre Knie und begann bitterlich zu schluchzen. Andrew überlegte kurz, dann hob er ihren Kopf mit seiner Hand, so dass sie gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen. Diese strahlten etwas ganz besonderes aus, das konnte sie richtig fühlen. Sie konnte Andrews Stärke richtig sehen.
Kelly, Er wird dich nicht gehen lassen, denn er liebt dich."
Ich weiss", antwortete sie ruhig, nachdem sie sich wieder ein bisschen beruhigt hatte. In der letzten Zeit habe ich das mehr als einmal erfahren."
Ehrlich? Wie denn?", fragte er neugierig.
Weißt du, ich bin in den letzten Monaten mehr als einmal einer sehr ernsten und gefährlichen Situation gewesen, in der ich hätte sterben können", erzählte Kelly. Und jedes Mal habe ich diese gefährlichen Begebenheiten ohne eine Verletzung, ohne eine Schramme überlebt."
Andrew lächelte sie an.
Manchmal gibt es Zeiten, in denen einem das Leben immer wieder neu geschenkt wird."
Ja, du hast recht", stimmte ihm die junge Frau zu. Ich weiss nun, dass dies Sein Weg ist, um mir das zu sagen. Er möchte mich im Moment nicht gehen lassen, so gerne ich das auch manchmal hätte."
Du hast Recht, Kelly", bestätigte Andrew und sein Lächeln vertiefte sich. Er möchte dir so gerne helfen. Er möchte dir bei deinen Problemen, Sorgen und Nöten beistehen und dich durch diese schweren Zeiten durchführen."
Der Engel machte eine kurze Pause und sah Kelly fest in die Augen. Dann fuhr er fort:
Ich weiss, dass du Ihm vertraust, aber warum hast du solche Angst davor, dir von Ihm helfen zu lassen? Du hast gesagt, dass du Angst davor hast, deinen eigenen Standpunkt zu vertreten und jemanden deine Meinung zu sagen. Wieso das? Ich meine, überlege doch mal, was du verlieren könntest, wenn Gott bei dir ist und dir helfend zur Seite steht.
Ich weiss, dass dein Boss dich wegen nichts angeschrieen hast und du hast auch nichts Falsches gemacht. Er hat dir eine Aufgabe gegeben, die kein Teil deiner Arbeitsstelle ist und du hättest das Recht gehabt, ihm das zu sagen. Meinst du nicht, dass er das vielleicht gemacht und dich dann auch angeschrieen hat, nur um zu sehen, wie du darauf reagierst?"
Ich ... ich weiss es nicht genau", antwortete Kelly ein wenig zögernd. So habe ich das bis jetzt noch nicht gesehen. Ich meine, er hat mir früher schon immer mal wieder Aufgaben gegeben, die nicht in meinen Arbeitsbereich gefallen sind und die ich dann doch immer erledigt habe, auch wenn es lange gedauert hat und mir andere Mitarbeiter dabei helfen mussten."
Hast du ihm damals nie gesagt, was du davon hältst?"
Kelly schüttelte den Kopf. Dann überlegte sie eine Weile, bevor sie sagte:
Ich glaube, du hast Recht. Ich denke, er hat das wirklich gemacht, weil er meine Reaktion darauf sehen wollte. Aber ich konnte nicht so reagieren, wie er es erwartete hatte, ich konnte es einfach nicht. Ich konnte ihm nicht sagen, was ich darüber denke. Ich hatte einfach zuviel Angst vor seiner Reaktion."
Wovor hattest du solche Angst?"
Die junge Frau strich sich die verstrubbelten Haare aus dem Gesicht. Sie sah sehr nachdenklich aus, als sie auf Andrews Frage antwortete:
Ich weiss es selber nicht einmal genau. Aber ich glaube, ich hatte einfach Angst davor, dass er mich für eine schlechte Mitarbeiterin hält und mich feuert."
Manche Chefs mögen es aber, wenn man seine eigene Meinung hat und auch sagt, was man denkt. Und das ist nicht nur bei den Chefs der Firma so, sondern auch bei den anderen Mitmenschen. Bei der Familie, bei den Freunden oder auch bei den Arbeitskollegen."
Kelly wusste, dass Andrew Recht hatte und stimmte ihm auch zu.
Ich habe nicht viele Freunde", meinte sie traurig. Es gibt nur ganz wenig Menschen, die zu mir halten, die mich und meine Art aushalten und damit umgehen können. Es gibt oft Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich selber hasse. Ich hasse mich dafür, dass ich nichts richtig machen kann und wenn ich dann doch einmal versuche, alles mühsam aufgebaute wieder zerstöre. Ich hasse mich auch dafür, dass ich es nicht schaffe, meinem Chef oder auch den anderen Menschen meinen Standpunkt und meine Meinung darzulegen."
Sie machte eine kurze Pause. Der Engel sah sie an, doch er sagte nichts, denn er wusste, dass sie noch nicht fertig war mit dem, was sie ihm sagen wollte.
Ich weiss nicht, warum ich so bin", fuhr sie fort. Ich kann mich selber nicht verstehen. Ich frage mich immer wieder, und das sehr oft, manchmal sogar täglich, was passieren wird, wenn ich etwas falsch mache oder meine Arbeit verliere. Ich werde keine Chance auf einen Neuanfang haben, wenn ich so bin, wie im Moment. So werde ich auch keinen neue Arbeit finden. Ich weiss, ich sollte Ihm vertrauen, dass Er mich so weit, bis an diesen Punkt geführt und begleitet hat, aber ich kann es einfach nicht. Was ist, was wird geschehen, wenn Er doch nicht existiert und alles in meinem Leben, bei dem ich gedacht habe, es kommt von Ihm und ist von Ihm geführt, doch nur auf die ganzen Umstände zurück zu führen ist?"
Sie schloss die Augen, um die erneut in ihren Augen stehen Tränen zurück zu halten, doch es gelang ihr nicht ganz und einzelne Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. Schnell hob sie die Hand, um sie abzuwischen.
Es waren nicht die Umstände", entgegnete Andrew. Ich weiss ganz sicher, dass Er wirklich existiert. Und ich weiss auch, wie sehr Er dir helfen will, weil Er dich wirklich sehr liebt. Er weiss genau, wie du dich fühlst und was du denkst."
Wie kannst du so genau wissen, dass Er existiert? Ich meine, hast du Ihn jemals gesehen?", fragte Kelly sarkastisch. So etwas kann doch jeder behaupten, doch es gibt keinerlei Beweise dafür, dass das auch wirklich stimmt."
Es gibt genug Beweise, dass Er tatsächlich existiert", antwortete Andrew geduldig und ohne auf ihren Sarkasmus einzugehen. Die Menschen sehen sie nur nicht. Oft wollen sie diese auch nicht sehen. Du hast ja vorhin selber erzählt, dass du Situationen ohne eine Schramme überlebt hast, aus denen du nach menschlichem Denken entweder schwer verletzt oder tot hättest herauskommen müssen."
Kelly war nicht mehr in der Lage, Andrew anzuschauen und schlug die Augen nieder. Sie ahnte, dass er nicht der war, für den sie ihn gehalten hatte.
Wie kannst du dir da so sicher sein?", wollte sie wissen. Weißt du, es wird so viel geschrieben und erzählt, dass ich gar nicht weiss, ob das alles wahr ist oder nicht."
Andrew lächelte sanft.
Ich sehe ihn jedes Mal, wenn ich eines seiner Kinder heimbringe", meinte er leise.
Die junge Frau hob den Kopf. Da war etwas gewesen, was sie aufgeschreckt hatte.
Was meinst du, wenn du sagst, wenn ich eines seiner Kinder heimbringe?", fragte sie, während ihre Stimme immer ängstlicher klang. Tief in ihrem Inneren wusste sie die Antwort, wusste sie um das Geheimnis des Engels.
Andrew begann in einem sanften goldenen Licht zu leuchten. Kelly sah erstaunt und fassungslos zu ihm. Erschrocken stand sie auf und presste sich an die Wand.
Ich bin ein Engel", sagte er und lächelte wieder.
Du bist ein Todesengel, nicht wahr?", erkundigte sie sich, während ihre Augen ihre innere Angst und ihre Panik wiederspiegelten.
Der Engel wusste, dass dies der schwerste Augenblick seiner Aufträge war, auch wenn jemand so gerne sterben wollte wie Kelly. Die Menschen bekamen Angst, wenn er ihnen sagte, wer er war. Und doch musste er die Wahrheit sagen.
Ja, das bin ich. Aber habe bitte keine Angst, es wird dir nichts geschehen. Ich wurde geschickt, um dir zu helfen, und nicht, um dich heimzuholen."
Nein, lass mich in Ruhe! Gehe weg von mir!", schrie sie, stiess den Engel beiseite und rannte in wilder Panik aus dem Zimmer.
Kelly!", rief Andrew hinter ihr her. Bitte warte! Wir müssen miteinander reden! Bitte bleib stehen, ich möchte dir doch nur helfen!"
Doch sie blieb nicht stehen. So rannte er hinter ihr her. Als er an der Türe ankam, hörte er jemanden um Hilfe rufen.
Als er bei den anderen Mitarbeitern ankam, sah er Kelly auf dem Boden liegen. Sie wand sich vor Schmerzen als er sich neben sie hinkniete. Er nahm ihre Hand in die seine, strich ihr über das Haar und sagte:
Kelly? Habe keine Angst. Ich werde bei dir sein und Gott auch!"
Die junge Frau hatte keine Angst mehr. Andrew strahlte so viel Mitleid, Liebe und Frieden aus, dass sie sich geborgen fühlte. Ausserdem glühte er noch immer in dem sanften goldenen Licht, das ihn auch schon in dem kleinen Raum umgeben hatte. Doch sie war die einzige, die es sehen konnte. Die anderen sahen Andrew als wäre er ein Mensch, der Kelly in ihrer Not beistand.
Werde ich sterben?", fragte sie mit einer schwachen und müden Stimme.
Andrew schüttelte den Kopf und lächelte sie freundlich an.
Nein", antwortete er. Nicht jetzt."
Dann verlor sie das Bewusstsein.
Kapitel 6: Konfrontation
Zwei Stunden später kam Kelly wieder zu sich. Sie benötigte einige Zeit, um sich zurecht zu finden und zu erkennen, dass sie sich einem Krankenhausbett befand. Helles Licht schien ihr in die Augen und so brauchte sie einen Moment, bis sie sich daran gewöhnt hatte und ihre Augen öffnete. Sie war ein wenig verwirrt.
Dann sah sie sich in dem Raum um. Er war relativ klein und neutral möbliert. Links neben dem Bett stand ein Nachtkästchen, an der Wand dem Bett gegenüber ein Schrank und auf der rechten Seite neben dem Bett stand ein Stuhl, auf dem Andrew sass.
Wo bin ich? Was ist passiert?", fragte sie schwach.
Hallo Kelly", grüsste Andrew.
"Andrew? Was machst du denn hier?"
Schön, dass du wieder bei Bewusstsein bist", antwortete er mit einem Lächeln und nahm sie bei der rechten Hand. Du bist zusammengeklappt und ohnmächtig geworden. Ein Krankenwagen hat dich dann ins Krankenhaus gefahren. Kannst du dich erinnern, was davor geschehen ist?"
Kelly schloss die Augen und versuchte sich an die erst vor kurzem vergangene Zeit zu erinnern.
Ich weiss nicht so recht", meinte sie schliesslich. Es ist so viel passiert in den letzten Tagen, dass ich erst einmal alles sortieren muss, was geschehen ist."
Andrew liess ihr Zeit, um wieder vollständig zu Bewusstsein zu kommen. Es war absolut nicht leicht für ihn, die junge Frau so zu sehen und dann noch die Gewissheit zu haben, dass er ihr die Wahrheit über ihren Ohnmachtsanfall sagen musste. Diesen Augenblick wollte er so weit wie möglich hinauszögern, aber noch hier im Krankenhaus musste er es ihr noch schwerer machen, als sie sowieso schon in ihrem Leben hatte.
Kelly sah Andrew an und auf einmal kam die Erinnerung an das Gesehen in der Firma zurück.
Geht es dir wieder besser?", fragte Andrew, nachdem sie keinen Ton mehr sagte.
Sie nickte.
Ja. Und nun erinnere ich mich auch wieder an das, was in der Firma passiert ist. Mein Magen und mein ganzes Inneres taten plötzlich so weh, dass ich nicht mehr richtig atmen konnte. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten und bin daraufhin zu Boden gesackt."
Es fiel ihr sehr schwer, sich daran zu erinnern, wie ihre Arbeitskollegen um sie herum gestanden waren, während sie auf dem Boden lag und sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen konnte. Sie wusste, dass sich einige der Mitarbeiter wirklich Sorgen um sie gemacht hatten, während andere sie nur neugierig und seltsam angeschaut hatten.
Wie bin ich hierher gekommen?", wollte sie wissen.
Sue hat einen Krankenwagen gerufen, der dich dann so schnell wie möglich ins Krankenhaus gefahren hat."
Wie lange muss ich denn im Krankenhaus bleiben?"
Das kann ich dir leider nicht sagen", antwortete Andrew. Ich weiss es wirklich nicht. Da musst du einen Arzt fragen. Er wird dir diese Fragen beantworten."
Kelly beschlich ein ungutes Gefühl, als sie Andrew neben sich sitzen sah. Dann fiel ihr ein, was er über sich erzählt hatte und sie entzog ihm mit einem Ruck ihre Hand. Tränen stiegen ihr in die Augen, während sie ihn ansprach:
Du ... du bist wirklich ein Todesengel?"
Der Engel nickte.
Ja, das bin ich. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich nicht geschickt worden bin, um dich heimzuholen. Du brauchst also keine Angst zu haben, es wird dir nichts geschehen. Sei unbesorgt. Ich wurde von Gott gesandt, um dir zu helfen."
Mir zu helfen?"
Ja. Gott hat deine Gebete erhört. Ich wurde geschickt, um dich bei der Bewältigung deiner Vergangenheit und deiner Sorgen, Nöte und Probleme zu unterstützen."
Kelly konnte noch gar nicht richtig glauben und verstehen, was Andrew ihr sagte.
Gott hat dich wirklich zu mir gesandt?"
Nur zu dir, Kelly. Zu dir ganz alleine. Du bist im Moment mein einziger Auftrag."
Aber warum ausgerechnet zu mir? Warum nicht zu jemandem, der die Hilfe von einem Engel verdient hat?"
Kelly, Gott liebt dich über alles und du bist wertvoll für Ihn. Du bist seiner Hilfe ebenso wert wie die vielen anderen Menschen, denen wir Engel schon in ihrem Leben geholfen haben. Bei Gott gibt es keine Unterschiede, bei ihm sind alle Menschen gleich und er liebt niemanden mehr und niemanden weniger."
Ich kann es trotzdem nicht verstehen, dass er ausgerechnet mich ausgewählt und dich zu mir gesandt hat!"
Du bist aber auch gar nicht neugierig, oder?", meinte Andrew lächelnd.
Das warmherzige Lächeln des Engels erfüllte Kelly wieder ein wenig mit Fröhlichkeit und so brachte auch sie ein Lächeln, wenn auch nur sehr schwach, zustande.
Bitte sage es mir!"
Er überlegte kurz und sagte dann:
Es gibt Menschen, die kommen mit ihrem Leben und den damit verbundenen Sorgen und Problemen gut zurecht. Sie schaffen es, trotz allem ihren Lebensmut und Lebenswillen nicht zu verlieren und auch trotz der momentanen Schwierigkeiten nicht am Leben zu verzweifeln. Viele von ihnen lernen gerade in der Zeit ganz besonders, Gott zu vertrauen. Sie brauchen keinen Engel, der ihnen hilft, wieder auf den rechten Weg im Leben zu kommen.
Ja, und dann gibt es die anderen Menschen, denen die Probleme und Nöte über den Kopf wachsen und die mit den Anforderungen, die das Leben an sie stellt, nicht alleine fertig werden. Viele von ihnen denken, dass sie von Gott verlassen wurden und machen Ihn für alles, was in ihrem Leben schief läuft, verantwortlich, anstatt Ihm zu vertrauen, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird. Solchen Menschen schickt Gott oft einen Engel als Hilfe, mit der jetzigen Situation fertig zu werden und zu lernen, dass sie sich ganz auf Ihn verlassen können, wenn sie alleine nicht mehr zurecht kommen und dass es keine Schande ist, Ihm bei Sorgen und Problemen um Hilfe zu bitten.
Viele dieser Menschen rechnen oft gar nicht mehr mit der Chance auf einen Neubeginn. Gerade da sollen wir Engel ihnen zeigen, dass es immer wieder weitergehen wird, auch wenn es Zeiten gibt, in denen alles nur dunkel und sinnlos zu sein scheint. So bekommen sie immer wieder neuen Mut und neue Kraft und Hoffnung für die weiteren Jahre ihres Lebens. Und manchmal sind die Engel auch da, um die Menschen auf die Zukunft vorzubereiten."
Kelly bekam Angst bei Andrews Worten. So fragte sie mit leicht zitternder Stimme:
Was meinst du damit, wenn du sagst, ihr bereitet Menschen auf die Zukunft vor?" Sie sah ihm in die Augen. Da gibt es doch etwas, das du mir bis jetzt noch nicht gesagt hast. Ich kann es in deinen Augen und in deinem Gesicht sehen."
Es entstand eine kurze Stille, bevor er auf die Frage antwortete:
Ja, du hast Recht, es gibt wirklich etwas, von dem du noch nicht weißt. Aber ich werde es dir sagen, weil du es wissen musst."
Die junge Frau konnte schon am Tonfall des Engels hören, dass es sich um etwas sehr Ernstes handelte.
Bitte sage es mir", bat sie.
Ich weiss, dass es hart für dich ist, aber ... aber du hast Krebs. Leukämie."
Kelly musste erst einmal kurz schlucken, um die Nachricht richtig aufzunehmen.
Werde ich sterben?", fragte sie leise.
Das hängt von dir ab, Kelly, und was du aus dieser Zeit macht", meinte er leise und mit sanfter Stimme. Wenn du leben willst, dann musst du eine Chemotherapie machen."
Andrew konnte nicht nur die Tränen sehen, die über ihre Wangen liefen, er konnte sie auch fühlen.
Ich ...", begann sie stockend, ich weiss nicht, ob ich wirklich leben will. Ich bin mir da ganz und gar nicht sicher."
Sie konnte ihn nicht länger ansehen und schlug die Augen nieder. Sie schämte sich für ihre Einstellung, doch es war genau das, was sie fühlte.
Kelly, bitte sieh mich an. Du brauchst dich dafür nicht zu schämen. Ich kann dich besser verstehen, als du es vorstellen kannst."
Er wartete, bis sie ihn wieder ansah und fuhr dann fort:
Ich weiss, was du fühlst und wie es dir geht. Ich weiss, was du gestern Abend im Forum geschrieben und die anderen Menschen dort gefragt hast. Ich weiss, dass du schon lange in deinem Leben unglücklich bist und immer wieder überlegt hast, ob du es nicht beenden sollst."
Ich weiss, ich sollte nicht so denken, sondern dankbar für alles sein, was ich habe, aber das kann ich nicht. Ich denke, nein, ich bin mir sicher, dass es für alle das Beste ist, wenn ich sterbe. Weißt du, was gestern geschehen ist, was ich gestern getan habe? Weißt du, wie ich meine Mutter verletzt habe? Ich habe mir ihr geredet, als sei sie ein ungezogenes kleines Kind. Nach dem was ich ihr an den Kopf geworfen habe, wird sie wohl eh nie wieder mit mir reden wollen."
Ich weiss, was geschehen ist, aber glaube mir, das ist kein Grund zu sterben. Ausserdem liebt dich deine Mutter und sie möchte nur das Beste für dich, doch sie kann es, ebenso wie du ihr, nicht zeigen." Er lächelte sie freundlich an. Kelly, ich weiss, dass es eine Zeit gab, in der du dein Leben geliebt hast und dass du Hilfe brauchst, um diese Liebe zu deinem Leben wieder zu finden. Deswegen bin ich hier zu dir geschickt worden. Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen, wenn man sie braucht. Ich soll und ich will dir helfen, dass du dein Leben wieder lieben lernst. Und der einzige Platz, an dem du deine Probleme wieder lösen kannst, ist hier auf der Erde. Und Er möchte dir die Chance geben, dass du alles in deinem Leben wieder in Ordnung bringen kannst."
Ich kann nicht glauben, dass es möglich ist, all meine Probleme zu lösen. Bei mir ist alles viel zu verfahren, als dass es dort noch eine Lösung dafür gibt."
Kelly, es gibt eine Lösung für alle Probleme. Vertraue Ihm und Er wird dir dabei helfen, alles in Ordnung zu bringen."
Es tut mir leid, aber das kann ich einfach nicht. Jeden Tag wird es so weitergehen, wie es bis jetzt gelaufen ist und ich habe einfach nicht mehr die Kraft dazu, so zu leben wie bisher."
Ich kann verstehen, dass es schwer zu glauben ist, aber mit Ihm ist wirklich alles möglich. Du musst Ihn einfach nur fragen und um Hilfe bitten und Er wird sie dir ganz sicher nicht verweigern. Er freut sich immer, wenn jemand zu Ihm kommt und Ihn um Hilfe bittet. Versuche es doch wenigstens und vertraue Ihm, dass Er es dann zum richtigen Ende führt. Du kannst nur gewinnen."
Da Kelly nichts sagte, atmete er einmal tief durch und meinte dann:
Du musst für dein Leben kämpfen. Gib Ihm eine Chance, dir dabei zu helfen."
Andrew konnte sehen, wie sie neue Hoffnung und Stärke bekam.
Werde ich wieder vollkommen gesund werden?", fragte sie.
Es fiel ihm schwer zu antworten, nachdem sie wieder ein wenig neue Hoffnung geschöpft hatte, doch er musste ihr die Wahrheit sagen:
Nein. Du bekommst vier weitere Jahre."
Was?", schrie sie auf. Zuerst sagst du mir, dass Er will, dass ich für mein Leben und gegen den Krebs kämpfe, weil Er mir helfen will und dann ..."
Andrew versuchte, seine Hand auf ihre Schulter zu legen, doch sie stiess ihn hart beiseite.
Lass mich in Ruhe und fass mich nicht an!", fauchte Kelly. Du sagst, dass Er mir helfen will und dann erzählst du mir, dass ich, egal was ich auch tue, höchstens noch vier Jahre zu leben habe und dann sterben werde!? Wie kannst du so einfach daherkommen und mir sagen, ich soll kämpfen? Wofür soll ich denn kämpfen? Für vier Jahre? Für vier lange Jahre, die wie die letzten Jahre sein werden? Nein danke, darauf kann ich wirklich verzichten! Ich möchte nicht noch weitere vier Jahre so leben wie bisher. Das will ich nicht und das kann ich nicht und das werde ich nicht!"
Kelly, bitte höre mir zu!", versuchte Andrew die aufgebrachte Frau zu beruhigen. Auch wenn du es nicht so siehst und es für dich nicht so aussieht, sind diese vier Jahre ein Geschenk von Ihm. Nicht jeder bekommt die Chance, seine Probleme zu lösen, bevor er diese Welt verlassen muss. Niemand weiss, wann seine Zeit auf der Erde abgelaufen und wann sein Leben zu Ende ist. Du weißt es aber jetzt und es liegt an dir, das Beste daraus zu machen. Ich weiss, dass du es kannst, diese Zeit zu deinem Vorteil zu gestalten.
Vielleicht erscheinen dir im Moment vier Jahre nicht sehr lang, aber es ist genug Zeit, um alles zu beenden, was du beenden willst und um die Liebe zu deinem Leben wieder zu finden. Du wirst genug Zeit haben, um die Person zu entdecken und dich zu ihr zu entwickeln, die du wirklich bist. Nutze dieses Geschenk aus und du wirst wieder Freude und Glück in deinem Leben finden."
Er nahm sie vorsichtig in die Arme und diesmal liess sie es sich gefallen. Sie begann zu schluchzen und wieder liefen ihr die Tränen über die Wangen. Der Engel strich ihr über die Haare und liess sie einfach weinen.
Er wusste, es würde eine Zeit lang dauern, bis die junge Frau all das Gesagte einigermassen verarbeitet hatte. Ganz besonders, dass es ein Geschenk für sie war, dass sie wusste, dass sie nur noch vier Jahre zu leben hatte.
Zwei Stunden nach Kellys Zusammenbruch erreichten ihre Eltern das Krankenhaus. Monica und Tess hatten mit ihnen gesprochen und ihnen erzählt, was ihrer Tochter in der Firma passiert war. Ausserdem teilten sie ihnen noch mit, und das fiel Monica besonders schwer, dass Kelly an Leukämie erkrankt war.
Tess, Andrew und Monica blieben den ganzen Nachmittag bei Kelly und ihren Eltern und versuchten so gut es ging zu helfen.
Kapitel 7: Heimkehr
Die folgenden Monate waren sehr schwer für Kelly und ihre Eltern, aber auch die drei Engel, Tess, Andrew und Monica, hatten es nicht leicht. Tess und Monica versuchten Carrie und ihrem Mann so gut es ging und so gut sie konnten zu helfen. Sie waren einfach für Kelly Eltern da, wenn diese jemanden brauchten. Die beiden sagten auch sehr oft, dass sie nicht wussten, was sie ohne die beiden Engel tun würden und wie es weitergehen sollte.
Andrew verbrachte sehr viel Zeit bei Kelly im Krankenhaus. Er unterstützte sie und half ihr, wo er nur konnte. Er versuchte, sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen und mit ihr zusammen die verloren gegangen Freude am Leben wieder zu finden.
Trotz der schweren Krankheit geschah in diesen Monaten auch einiges positives. Kelly und ihre Eltern fanden wieder zueinander. Mutter und Tochter entschuldigten sich bei der anderen und beide merkten, wie sehr sie einander brauchten. In den Monaten entwickelte sich ein starkes und festes Band innerhalb der Familie.
Mit Andrews Hilfe entwickelte Kelly langsam einen neuen Lebenswillen, auch wenn es für sie nicht leicht war, sich ihren Problemen zu stellen. Der Engel war sehr stolz auf sie. Es gab viele Momente, in denen sie sich sehr in der Nähe des Todes befand, doch jedes Mal gewann sie den Kampf für ihr Leben. Immer mehr lernt sie, ihr Leben zu lieben und die ihr verbleibende Zeit als Geschenk zu sehen und anzunehmen.Nachdem Kelly aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wohnte sie einige Wochen bei ihren Eltern und kehrte dann in ihre eigene Wohnung zurück. Nun war es Zeit für die drei Engel, sie zu verlassen und sich neuen Aufgaben widmen.
Es tut uns sehr leid, dass ihr nicht noch länger bleiben könnt", sagten Kellys Eltern, als Tess, Monica und Andrew ihnen mitteilten, dass sie gehen mussten. Wir wissen noch gar nicht so genau, wie wir ohne euch fertig werden. Ihr habt uns in den letzten Monaten so viel geholfen und unterstützt, wir können euch gar nicht genug dafür danken."
Es war uns eine Freude, euch zu helfen", sagte Tess.
Werden wir euch mal wieder sehen?"
Ja, wir werden uns wiedersehen."
Kelly begleitete die drei Engel zur Türe, während ihr Eltern im Wohnzimmer blieben. Mit Tränen in den Augen umarmte sie zuerst Tess, dann Monica und am Schluss noch Andrew.
Ich hasse es, auf Wiedersehen zu sagen", meinte sie traurig.
Sei nicht traurig, Kelly", entgegnete Andrew. Wir werden uns wiedersehen."
Ich weiss", sagte sie und befreite sich aus seiner Umarmung.
Hey, sei nicht besorgt deswegen. Ich verspreche dir, dass es nichts gibt, wovor du Angst haben musst. Versprichst du mir auch etwas?"
Was soll ich dir versprechen?"
Nutze die Zeit, die dir geschenkt wurde, zu deinem Besten. Lass mich stolz auf dich sein und denke daran, dass, egal was auch passieren mag, was für Fehler du machen wirst, Er dich immer lieben wird, so wie du bist."
Sie umarmte ihn noch einmal.
Ich verspreche es dir. Ich werde nie wieder irgendeine Rolle spielen. Ich werde nur ich selber sein und auch so mutig sein, zu sagen, was ich wirklich denke und fühle. Und ich verspreche dir noch etwas anderes: ich werde versuchen, den Menschen in dem Forum so gut ich es kann, zu helfen und für sie da zu sein, wenn sie jemand brauchen und nicht mehr weiter wissen. Erinnerst du dich daran, was du mir über Luke erzählt hast?"
Als Andrew den Kopf schüttelte, fuhr sie fort:
Ich konnte den Schmerz in deinen Augen sehen und ich kann nur vermuten, wie Luke und Gott sich gefühlt haben. Ich verspreche, dass ich versuchen werde, ihnen zu helfen und ich werde ihnen von dir und Gott erzählen. Vielleicht gibt es dort eine Person, die ich davon abhalten kann, den grössten Fehler ihres Lebens zu machen."
Ich bin wirklich stolz auf dich!", rief er Kelly noch zu, als die drei Engel das Haus der Familie verliessen.Die nächsten vier Jahre vergingen viel schneller, als Kelly es jemals gedacht hatte. Kurz nachdem die Engel gegangen waren, hatte sie die Abteilung in der Firma gewechselt und arbeitete nun im Einkauf. Ihr neuer Chef war sehr freundlich und verständnisvoll. Sie hatte gelernt, für ihre Überzeugung einzustehen und ihre Meinung zu sagen.
Sie hatte ebenfalls gelernt, ihren Problemen nicht auszuweichen, sondern eine Lösung zu suchen und sie wusste, sie konnte sich auf Seine Hilfe verlassen, wenn sie Ihn brauchte. Sie hatte wieder Freude an ihrem Leben und an ihrem Sein gefunden. Sie hatte auch das Versprechen, den Menschen im Forum zu helfen, nicht vergessen und schrieb regelmässig positive Beiträge und bot den anderen verzweifelten Menschen ihre Hilfe an.
Es gab keinen Tag, an dem sie nicht an die drei Engel dachte, die ihr und ihren Eltern so sehr geholfen hatten und den Frieden wieder in ihre Familie brachten. Seit der Versöhnung hatte es niemals wieder so einen heftigen Streit gegeben wie an diesem Tag, an dem sie den Hilferuf im Forum veröffentlich hatte.
Sie erzählte ihren Eltern sogar, wer Andrew, Tess und Monica in Wirklichkeit waren und was Andrew ihr über die vier Jahre gesagt hatte. Sie verstand nicht ganz, warum die Engel ihnen nie erzählt hatten, wer sie wirklich waren. Kelly hätte niemals gedacht, dass ihre Eltern die wahre Geschichte glauben würde, doch zu ihrer Überraschung zweifelten sie nicht an ihren Worten.An einem schönen Sommertag, Kelly war gerade in der Firma, fühlte sie, dass etwas Schlimmes passieren würde. Sie konnte es sich selber nicht erklären, vor allem, nachdem sie schon mit diesem Gefühl am Morgen aufgewacht war.
Kurz vor der Mittagspause kam ihre Arbeitskollegin zu ihr, um sie zu fragen, ob sie mit ihr zu Mittag essen wollte. Als Kelly aufstand, begann sich alles um sie herum zu drehen und ihre Knie wurden weich. Sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und fiel zu Boden. Bevor alles um sie herum schwarz wurde, dachte sie noch:
Oh nein. Bitte nicht schon jetzt. Ich bin noch nicht bereit dazu."
Als sie wieder zu sich kam, befand sie sich in einem Krankenwagen. An ihrer rechten Seite sass ein Mann mit blonden Haaren und einem blauen Anzug, der in einem sanften Licht leuchtete. Er lächelte sie an und strich ihr über das Haar.
Andrew?", fragte sie schwach.
Hallo Kelly. Ja, ich bin es", antwortete er ihr mit einem Nicken.
Meine Zeit ist nun um?"
Ja. Aber es ist noch nicht ganz zu Ende", sagte der Engel freundlich. Sei unbesorgt. Tess und Monica werden mit deinen Eltern im Krankenhaus sein."
Als sie Andrews ruhige Stimme hörte und seine Hand fühlte, beruhigte sie sich wieder und schloss die Augen. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Sie wusste, dass sie keine Angst vor dem, was geschehen würde, haben musste, dennoch fürchtete sie sich. Es war nicht unbedingt die Angst vor dem Tod, sondern die Angst vor dem Sterben.
Als Kelly in das Krankenhauszimmer gefahren wurde, warteten ihre Eltern schon auf sie. Auch Tess und Monica waren da. Sie leuchteten in dem gleichen sanften hellen Licht wie Andrew, das nur Kelly sah.
Als Carrie Andrew sah, begann sie zu weinen. Dann ging sie zu ihm und meinte:
Kelly hat mir erzählt, dass du ein Todesengel bist."
Der Gedanke, ihre Tochter zu verlieren, bereitete ihr grossen Schmerz.
Ja, das bin ich. Und ich bin hier, um sie nach Hause zu bringen", antwortete er und nahm Carrie in die Arme, um sie zu trösten.
Ich möchte sie nicht jetzt schon verlieren", schluchzte sie und weinte an seiner Schulter.
Ich weiss. Ich wünschte, ich müsste das nicht tun, aber ich habe keine andere Wahl. Es ist an der Zeit. Bitte denkt daran, dass sie zu einem wirklich wunderschönen Platz gehen wird. Das verspreche ich euch!"
Es fällt mir so schwer, sie herzugeben, nachdem wir uns endlich so gut verstehen", entgegnete Carrie.
Andrew trat einen Schritt zurück, so dass Carrie in seine Augen sehen konnte.
Und denkt daran, eines Tages werdet ihr ebenfalls gehen und dann werdet ihr sie wiedersehen."
In der Zwischenzeit war Kelly erwacht. Mit leiser Stimme rief sie:
Mom? Dad?"
Ihre Eltern, sowie die drei Engel, traten ihr ans Bett.
Ja, Liebling. Wir sind hier", sagte Carrie.
Du hast geweint, Mom?"
Ihre Mutter nickte, brachte aber im diesem Moment keinen Ton heraus.
Es tut mir so leid, dass ich euch solche Sorgen mache", reagierte Kelly auf das Schweigen ihrer Mutter.
Nein Schatz, das tust du nicht. Das hast du niemals getan. Wir beide lieben dich über alles und sind sehr stolz auf dich. Wir wissen, dass du gehen musst", sagte Carrie mit einem traurigen Blick zu Andrew. Sei nicht besorgt, wir werden uns auf jeden Fall wiedersehen."
Wieder liefen ihr Tränen über die Wangen. Doch auch ihr Mann konnte seine Tränen nicht zurückhalten, als er sich seiner Tochter zuwandte und sie in seine Arme nahm.
Kelly, ich bin wirklich sehr stolz auf dich. Du hast dein Leben von Grund auf geändert und gelernt, für dich und deine Meinungen einzustehen. Du hast das Beste aus der Zeit gemacht, die dir geschenkt worden ist und deshalb bin ich stolz auf dich. Ich liebe dich! Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um das Kommende zu verhindern, aber ich kann es leider nicht."
Es ist okay, Dad. Ich weiss, dass es keinen anderen Weg mehr gibt", erwiderte Kelly. Aber ich bin ja nicht alleine. Ich bin so froh, dass ihr beide bei mir seid und ich freue mich auch darüber, dass die Engel, die mir so geholfen haben, alles in Ordnung zu bringen, auch bei mir sind."
Sie wollte noch mehr sagen, doch sie merkte, dass ihr die Worte nur noch sehr schwer über die Lippen kamen.
Mom, Dad! Ich liebe euch über alles", sagte sie, während ihre Stimme immer leiser und schwächer wurde.
Das sanfte Licht, das Andrew die ganze Zeit schon umgeben hatte, wurde intensiver und heller. Schliesslich leuchtete er in einem strahlendem weissen Licht, welches sogar seinen blauen Anzug ganz hell erscheinen liess.
Kelly? Es ist Zeit zu gehen", meinte er freundlich und nahm sie an der Hand.
Kelly konnte sein Mitleid und seine Liebe sehen, die er für sie hatte.
Ich .. ich habe Angst. Ich sollte nicht, aber ..."
Der Engel kniete sich nieder, so dass seine Augen auf der gleichen Höhe waren wie die ihrigen und erwiderte lächelnd:
Ich weiss. Aber schau mich an. Ich habe dir versprochen, dass es wunderschön sein wird. Es gibt nichts, wovor du Angst haben musst. Ich schwöre dir, dass du keine Schmerzen haben wirst. Schliesse nur deine Augen und lass es geschehen. Es ist wie am Abend, wenn du einschläfst. Und wenn du dann wieder erwachst, wirst du an einem wunderschönen Ort sein."
Andrew strich ihr sanft über das Haar und über die Wange, während sie langsam ihre Augen schloss und ihren letzten Atemzug tat.
Als der Monitor keinen Herzschlag mehr anzeigte waren beide, Andrew und Kelly, gegangen. Als Carrie realisierte, dass ihre Tochter nicht mehr am Leben war, brach sie in den Armen ihres Mannes zusammen und weinte. Tess und Monica umarmten die beiden, weinten mit ihnen und versuchten, sie zu trösten.
Nun die beiden Engel konnten das helle Licht sehen, in dem Andrew und Kelly Seite an Seite gingen. Der Todesengel hatte einen Arm um Kellys Schultern gelegt und begleitete sie in das immer heller werdende Licht. Beide drehten sich noch einmal kurz um, und lächelten Tess und Monica glücklich zu. Nachdem sie ihnen noch zum Abschied gewunken hatten, verschwanden beide in dem strahlenden Licht.
Andrew hielt sein Versprechen, das er Kelly gegeben hatte, als er sie heimbegleitet hatte. Sie hatte ihn gefragt, ob sie noch einmal an ihren Computer sitzen könnte, um ihren Freuden und den Menschen in dem Selbstmord-Forum zu erzählen, was geschehen war. Sie hoffte, dass es vielleicht einige Menschen gab, die nach ihrem Tod, nach ihrem harten Kampf um ihr Leben, die gleiche Hoffnung finden konnten, die sie selber gefunden und die ihre Stärke gegeben hatte. Sie hoffte, dass ihr Tod jemand das Leben schenken konnte.
Andrew erfüllte ihr diesen letzten Wunsch sehr gerne, denn er hatte ihm noch einmal gezeigt, dass es, auch wenn es manchmal noch so hoffnungslos aussah, immer einen Weg aus der Traurigkeit und der Verzweiflung gab.Eine Woche später war die Beerdigung zu Ende. In diesen Tagen waren Tess und Monica eine grosse Stütze für Kellys Eltern. Sie unterstützten sie, wo sie konnten und halfen ihnen, mit ihrem Schmerz fertig zu werden und damit zu leben, dass ihre Tochter nun nicht mehr am Leben war. Sie gaben ihnen wieder Hoffnung für das weitere Leben ohne Kelly.
Bevor die beiden Engel zu ihrem nächsten Auftrag gingen, verabschiedeten sie sich noch von Carrie und ihrem Mann.
Vielen Dank für eure Hilfe", sagte Carrie zum Abschied. Ich wüsste nicht, wie wir das alles ohne euch geschafft hätten."
Du brauchst uns nicht zu danken", entgegnete Tess. Wir haben es sehr gerne getan. Falls es ganz schwer sein sollte, dann denkt daran, dass ihr nicht alleine seid und dass ihr Kelly wiedersehen werdet. Es geht ihr wirklich gut."
Als sich die beiden umdrehten, waren die Engel verschwunden. Nur eine weisse Taube erhob sich in die Luft und verschwand im Licht der Sonne.Copyright © 20. Februar 2001