Alptraum Schlaf

Ein Crossover von "Nightmare on Elm Street" und "Akte X"

Anmerkung: Der Text des Reimes wurde der deutschen Version des Filmes "Nightmare on Elm Street 3" entnommen.

 

Freitag, 13. Mai, 1:25 Uhr
Springwood, Ohio

Die Frühlingsnacht war sehr warm und wunderschön. Die Sterne am Himmel blinkten und blitzten um die Wette und der grosse Vollmond erhellte die Landschaft mit seinem milchigen Licht. Das Versprechen eines Sommer mit vielen weiteren solcher wunderbaren Tage und Nächte lag in der Luft und die Erfüllung dieses Versprechens war an jenem Tag näher als jemals zuvor.
Das Nachtleben, das in Springwood noch nie sehr lebhaft gewesen war, war noch immer sehr ruhig. Die Tage des Wochenendes unterschieden sich nicht sehr von den anderen Tagen. Manchmal gab es an diesen Tagen ein paar Jugendliche, die versuchten, ein wenig Stimmung nach Springwood zu bringen, doch bis jetzt hatte niemand Erfolg gehabt. Die Tage vergingen ruhig und friedlich, einer nach dem anderen.
So herrschte auch schon in der noch jungen Nacht eine ruhige und friedliche Stimmung. Vereinzeltes Hundegebell und der Gesang der Grillen waren die einzigen Geräusche, welche die Stille der Nacht unterbrachen. Die meisten Menschen des Städtchen waren schon vor sehr langer Zeit ins Bett gegangen.
Die meisten …
Sam Doersch war einer der wenigen Bewohner, die noch keinen Schlaf gefunden hatten. Nervös ging er in seinem Zimmer auf und ab. Seine Haare waren total zerzaust, seine Kleidung zerknittert. In seinem blassen Gesicht hatte er dicke, schwarze Ränder unter den Augen. Er hatte einen Walkman auf den Ohren und liess sich von den harten Klängen der Band Metallica betäuben. Diese waren für ihn zu einem festen Punkt der Nacht geworden, an dem er sich festzuhalten versuchte. Immer wieder murmelte er ruhig vor sich hin:
"Ich kann es tun. Ich muss nur wach bleiben, das ist alles. Ich darf nur nicht einschlafen."
Eine ruhige, verzweifelte Aussage, die ihre Effektivität ganz langsam zu verlieren begann. Seine Füsse taten ihm weg, er fühlte sich wie gerädert. In seinem Kopf schlug es im gleichen Rhythmus wie sein Herz und seine Augenlider fühlten sich wie Sandpapier an. Er überlegte, ob er sich eine Tasse Kaffe machen sollte, verwarf den Vorschlag aber fast im gleichen Augenblick wieder. Die letzte Tasse hatte nicht den Erfolg gebracht, den er sich erhofft hatte, er hatte nur angefangen zu zittern. Und da er etwas Speed nicht vor dem nächsten Tag bekommen konnte, war er bis zum kommenden Morgen ganz auf sich alleine gestellt.
Vollkommen zerschlagen setzte Sam sich auf sein Bett. Dort nahm er die Fernbedienung seines Fernsehers in die Hand und begann fast automatisch ein Programm nach dem anderen durchzuschalten. Er schaltete hin und her und blieb am Ende an einem alten Western mit Clint Eastwood hängen. Dabei versuchte er, seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Film zu lenken. Er mochte Clint Eastwood, und obwohl er den Film schon einige Male vorher gesehen hatte, hoffte er, das dieser ihn in seinen Bann ziehen würde und er einige Stunden nicht an schlafen oder besser nicht schlafen denken musste.
Während er verkrampft auf seinem Bett sass und wie gebannt auf den Fernseher starrte, war ihm gar nicht bewusst, dass er ab und zu schon fast eingenickt wäre, wenn nicht das ohrenbetäubende Geräusch der Gewehrschüsse in seinem übernächtigten Kopf Schmerzen verursacht hätte. Es fiel ihm ungewohnt schwer, diese lauten Töne zu ertragen. In seinem Kopf hämmerte und pochte es, so dass er diesen heftig schüttelte und sich selbst einige Ohrfeigen gab.
"Schlafen ist sehr gefährlich, Sam", versuchte er sich selbst einzureden und sich Mut zum Durchhalten zu machen. "Wenn du achtzehn werden willst, musst du wach bleiben! Du darfst nicht einschlafen! Du musst einfach wach bleiben!"
Um sich das Wachbleiben selber ein wenig leichter zu machen nahm er ein Feuerzeug in die Hand und machte es an. Einen kurzen Augenblick sah er der zuckenden Flamme zu, als ob er von dieser einen Rat bekommen könnte. Dann fuhr er mit der offenen Flamme über sein Handgelenk, bis der Schmerz in sein Bewusstsein drang. Seine Haut war rot und brannte, aber letztendlich lenkte es ihn davon ab, wie müde er war und dass er am liebsten gleich einschlafen würde. Zufrieden versuchte er, sich wieder auf seinen Film zu konzentrieren.
Er blinzelte. Irgend etwas war auf einmal seltsam anders und ihn überkam ein sonderbar ungutes Gefühl. Er konnte sich auch nach intensivsten Überlegungen nicht an den Teil des Filmes erinnern, der gerade über den Fernseher flimmerte. Auch wenn er sich eingestand, dass er den Film schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte, war er sich sicher, dass dort eine Schiesserei in einem zerklüfteten Canyon nicht vorkam.
"Vielleicht ist das ein Directors Cut oder etwas ähnliches", überlegte er, dachte aber nicht weiter darüber nach, sondern lehnte sich wieder gemütlich zurück, um den Film weiter zu verfolgen und zu geniessen.
Eine Person mit einem Gewehr, er nahm an, dass es Clint Eastwood war, hangelte sich die steilen Wände des Canyons herunter und kroch dann zu einem Wagen, der in der Mitte des Canyons stand. Allerdings bemerkte die Person einen dunklen Schatten mit einem Hut nicht, der leise und unbemerkt hinter sie trat.
"Wow. Das ist ja echt klasse!"
Sam vergass die sechs Tage ohne Schlaf vollkommen. Er vergass den bis jetzt sehr mühsam verbrachten Teil der Nacht und an die Müdigkeit, die ihm noch vor kurzem Sorgen gemacht hatte, dachte er ebenfalls nicht mehr. Er beobachtete die aktuelle Szene mit gespannter Aufmerksamkeit. Obwohl die Kamera noch ein ziemliches Stück entfernt war, konnte er schon erkennen, dass die Person mit dem Gewehr nicht Clint Eastwood war. Sie hatte nicht einmal Ähnlichkeit mit dem berühmten Schauspieler.
Auch wenn er den Schauspieler von dieser Distanz aus nicht ganz einordnen konnte, so kam dieser ihm irgendwie bekannt vor. Doch Sam überlegte nicht lange, woher und warum dieser ihm so bekannt vorkam, er war so gespannt, wie der Film weiterging und was als nächstes geschah.
Die dunkle Figur befand sich in der Zwischenzeit schon ziemlich nah hinter der Person mit dem Gewehr. Dann hob sie ihren rechten Arm, und an der Hand konnte man irgend etwas Metallisches aufblitzen sehen. Es war nicht genau zu erkennen, was es war, denn einen Augenblick später schwenkte die Kamera und fuhr ganz nahe an die andere Person heran.
Sam erstarrte. Er blinzelte einige Male ganz kurz, doch das Bild blieb weiterhin bestehen. Es war sein Gesicht, welches ihn dort mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen anstarrte. Unbeschreibliches Entsetzen spiegelte sich in ihnen und in seinen Gesichtszügen.
"Oh mein Gott! Nein!", flüsterte er voller Angst. "Das kann nicht wahr sein! Ich bin wach, ich weiss genau, dass ich wach bin!"
In der Zwischenzeit hatte sich sein Zimmer vollkommen verändert. Er befand sich nun in genau der Landschaft, die er noch vor kurzem im Fernsehen gesehen hatte. Die hohen und steilen Wände des Canyons ragten weit neben ihm hinauf. Aus dem Tageslicht, das er noch in dem Film gesehen hatte, war inzwischen Dämmerung geworden, wobei es auf dem Boden des Canyons dunkler war und es immer heller wurde, wenn man weiter nach oben sah.
Total verängstigt und voller Schrecken sah Sam sich um. Es lief ihm kalt den Rücken herunter, als er einen Blick nach oben warf. Von den Höhen des Canyons begann Blut herunter zu laufen und sich genau an der Stelle, an der er stand, zu sammeln.
Angeekelt sprang er zur Seite, und prompt in die nächste Pfütze hinein. Das Blut spritzte hoch, als er landete. Schnell wollte er noch einen Schritt nach hinten machen, als er auf einmal mit dem Rücken gegen eine Person stiess, die dort regungslos stand.
Sam drehte sich langsam um, doch bevor er zurückweichen konnte, hatte sie ihn schon am Arm gepackt und hielt ihn fest. Tiefste Verzweiflung und unaussprechliches Grauen nahmen von ihm Besitz und es lief ihm eiskalt den Rücken herunter, als er das furchterregend verbrannte Gesicht der Person, welches nur noch aus Narben und zerfetzter Haut zu bestehen schien, über sich sah.
Er schrie. Sein Schrei schien ihm von den Wänden des Canyons wiederzuhallen. Daraufhin brach die Person in ein unheimliches Lachen aus und augenblicklich klang es, als ob viele Menschen auf diese dämonische Art und Weise lachen würden.
Jetzt wandte sich die Person Sam zu. Sie hob ihre rechte Hand und in diesem Moment konnte der Junge genau sehen, dass sie an vier Fingern sehr lange, äußerst scharf aussehende metallische Krallen hatte. Dann schossen die Metallklauen auf ihn zu und wurden ihm tief in die Haut seines Brustkorb gebohrt.
Erneut schrie Sam auf, dieses Mal aber vor Schmerzen. Die Wunden begannen sofort zu bluten. Da die Person die Klauen nicht gleich herauszog, sondern die Metallfinger durch den gesamten Brustkorb unter der Haut entlang zog und somit die Haut und das Fleisch zerriss, tropfte das Blut bald auch auf den Boden. Fast ohnmächtig vor Schmerzen und unfähig zu schreien, musste der Junge das weitere Zerfetzen seiner Haut und seiner inneren Organe ertragen. Alles um ihn herum war voller Blut, nur die Person hatte nicht einen Tropfen abbekommen.
Als sie mit ihren Finger in sein Herz stach, begann die surrealistische Landschaft zu flimmern und verschwand dann ganz. Für einen kurzen Augenblick realisierte er noch die Helligkeit seiner Zimmers, dann wurde es schwarz um ihn.
Kurze Zeit später klopften seine Eltern an die Zimmertüre. Schnell erkannten sie, dass diese verschlossen war. Erst versuchte der Vater sie zu öffnen, indem er sich mit der Schulter dagegen warf. Als diese Versuche ohne sichtbaren Erfolg blieben, holte er eine Axt aus der Garage und schlug die Türe ein.
Beide blieben total erstarrt stehen, als der Blick auf das Zimmer freigegeben wurde. Das Bett war vollkommen mit Blut getränkt. Einige Spritzer befanden sich auch auf dem Fussboden und an den Wänden. Auf dem Bett lag eine vollständig verstümmelte und zerfetzte blutige Gestalt, welche früher einmal wie ihr Sohn ausgesehen hatte. Das, was die Gerichtsmediziner später als seinen Skalp identifizierten, lag auf dem Fernseher, auf den Bildröhre noch immer der Western mit Clint Eastwood lief.

*******

Dienstag, 16. Mai, 10:38 Uhr
FBI-Zentrale, Washington, D.C.

Special Agent Fox Mulder sass in seinem Büro und hatte eine Akte in der Hand, die ihm übermittelt worden war. Er hatte es sich gemütlich gemacht, hatte sein Jackett ausgezogen und seine Füsse auf den Schreibtisch gelegt und blätterte so nach und nach die verschiedenen Seiten durch.
"Selbst für die alltäglichsten Ursachen kann irgend etwas Aussergewöhnliches verantwortlich sein", grübelte Mulder. "Etwas, woran man nicht gleich denkt. Etwas, das auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist. Etwas, das vielleicht trotz allem so offensichtlich ist, dass man gar nicht daran denkt, es in seine Überlegungen zu übernehmen. Man muss nur wissen, wo man danach schauen muss. Aber so lange man das nicht genau weiss, ist es ein wenig schwierig, das Richtige zu finden."
Auf den ersten Blick mochte dieser Fall für viele Menschen, auch für Polizisten und FBI-Agenten, so aussehen wie andere Fälle. Er schien sich selbst für Fox Mulder nicht sehr von anderen Verbrechen zu unterscheiden, denn er beinhaltete das, was so oft in der Welt des Verbrechens vorkam. Es handelte sich um den gewaltsamen Tod eines jungen Mannes, der in einer mittelgrossen Stadt namens Springwood, im US-Bundesstaat Ohio gelegen, lebte, von der Mulder vorher noch nie etwas gehört hatte. Es gab keine Zeugen, kein bekanntes Motiv. Nichts, was darauf hin deutete, dass es sich hier um etwas anderes oder um mehr als einen zufälligen Mord handelte.
Und trotz allem wusste Mulder, dass es etwas gab, das ungewöhnlich war. Der örtliche Sheriff hatte das FBI fast gleich nach dem Auffinden der Leiche angerufen. Diese Tatsache war für Mulder etwas befremdend. Die ganze Sache war irgendwie seltsam, besonders, wenn man darüber nachdachte, dass die örtlichen Behörden normalerweise vermieden, sich an die Bundeskriminalamt zu wenden. Sie versuchten sonst wenigstens, alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen, doch in hier war dies gar nicht in Betracht gezogen worden. Dies war zugegebenermassen ein besonders schauriges und gruseliges Beispiel, aber so schnell klein beizugeben und beim FBI um Hilfe zu bitten, was schon sehr ungewöhnlich.
Obwohl, während er so die Akte durchblätterte, konnte er es in dem Fall von Springwood ein wenig verstehen, dass die örtlichen Behörden so schnell die Verantwortung dafür von sich schoben und das FBI zu Rate zogen.
Dunkel erinnerte er sich daran, dass es vor fast zwanzig Jahren schon einmal eine Mordserie in Springwood gegeben hatte. Der Mörder, er hatte schnell den Namen "Der Springwood Schlitzer" bekommen, war nie gefasst worden. Zwanzig Kinder wurden damals auf brutalste Art ermordet und entstellt und eine solche Mordserie tendiert dazu, ein Narbe in der Psyche dieser Gegend zu hinterlassen. Solch ein furchtbares Ereignis war nicht einfach zu vergessen, selbst wenn man kein photografisches Gedächtnis hatte. Das war etwas, was sich tief in die Seele und in die Gedanken brannte, und woran man bei einem weiteren Mord, der den ersten Informationen nach sehr an die Morde vom damals erinnerte, gleich dachte. Es war verständlich, dass die örtlichen Behörden die Verantwortung dafür so schnell wie möglich an eine höhere Stelle abgeben wollten.
Mulder hätte am liebsten auf der Stelle seine Sachen gepackt und wäre nach Springwood geflogen. Doch er musste auf seine Partnerin Dana Scully warten, die erst vor kurzem als Hilfe zu einer Autopsie gerufen worden war. Durch die langjährige Zusammenarbeit mit ihr wusste er, dass diese pathologischen Verfahren sehr zeitaufwendig waren und er sicherlich noch einige Stunden warten musste, bis Scully fertig war und sie sich gemeinsam auf den Weg machen konnte.
Da er noch genug Zeit hatte, beschloss er, diese sinnvoll zu nutzen und etwas mehr Informationen über diese Stadt zu finden. Etwas Hintergrundwissen konnte man auf jeden Fall immer brauchen, denn dadurch wurden die Angelegenheiten meist ein wenig erleichtert und das konnte niemals schaden.
So klappte er die aktuelle Akte zu und nahm seine Füsse vom Schreibtisch. Während er aufstand, schlüpfte er wieder in sein Jackett und fuhr sich kurz mit den Fingern durch seine braunen Haare.
"Dies ist doch wenigstens mal einer der angenehmeren Gründe, sein Büro im Keller zu haben", murmelte er, während er das Zimmer verliess. "So bin ich ganz in der Nähe der Archive und kann mir den weiten Weg von oben bis nach unten in das Kellergeschoss sparen."

Als seine Partnerin Dana Scully gegen Mittag mit ihrer Arbeit fertig war und nach unten zu Mulder in sein Büro ging, hatte dieser einige Akten auf seinem Schreibtisch ausgebreitet. Er selber war von der Akte des "Springwood Schlitzers" vollkommen in den Bann gezogen worden. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass Scully das Büro betreten hatte. So zuckte er ein wenig zusammen, als sie ihn ansprach.
"Na, vertreiben sie sich mit ein bisschen Unterhaltungslektüre die Zeit, Mulder?", fragte sie mit einem sarkastischen Lächeln auf den Lippen. "Hat der Killer behauptet, dass er von Dämonen besessen war oder ist es nur morbide Neugierde?"
"Nicht dergleichen, Scully", antwortete Mulder, ihren Sarkasmus vollständig überhörend. "Es ist bei weitem nicht so exotisch. Aber setzen sie sich doch erst einmal hin und hören sie sich an, worum es geht."
Nachdem Scully Platz genommen hatte, fuhr Mulder fort:
"Es hat in der letzten Nacht einen brutalen Mord in Springwood gegeben und der örtliche Sheriff hat nun das Gefühl, es könnte sich dabei um einen Nachahmer einer vor zwanzig Jahren stattgefundenen Mordserie handeln, bei der die Opfer geradezu niedergemetzelt worden sind."
Er reichte ihr die aktuelle Akte, in welcher er an diesem Tag als erstes gelesen hatte. Sie nahm ihm die Informationen aus der Hand und öffnete die Akte. Während sie darin blätterte, sprach Mulder weiter:
"Wenn ich den Fall nach dem, was ich in dieser Akte gelesen habe, beurteile, muss ich sagen, dass diese Möglichkeit durchaus existiert. Mit Ausnahme des Alters des Opfers, hat dieser brutale Mord eine grosse Ähnlichkeit mit dem des ursprünglichen Killers ...
"Freddy Krueger", beendete Scully den angefangenen Satz und überflog einige Seiten der Akte. "Anscheinend wurde er dieser Verbrechen niemals überführt und verurteilt. Ist wohl wegen einer Ungereimtheit ohne Strafe davongekommen."
Während sie Mulder die Akte zurückgab, zog sie eine Augenbraue hoch. Es war ihr genau anzusehen, dass sie ahnte, was als nächstes kam und worauf Mulder letzten Endes hinauswollte. Und so fragte sie:
"Denken Sie, dass er wieder getan haben könnte?"
Mulder lachte leicht.
"Sie haben die Akte nicht genau gelesen, Scully. Das ist sehr unwahrscheinlich, besonders da kurz nach dem Ende des umstrittenen Prozesses eine aufgebrachte Menschenmenge über ihn hergefallen ist und er am Ende von ihnen verbrannt wurde. Ja, die Gerechtigkeit ist manchmal schnell und grausam."
"Ich bin wirklich nicht diejenige, die jemand zur Selbstjustiz ermunternd und dann darin bestärkt, aber ich bin der Meinung, dass die Reaktion der Menschen in Springwood unter diesen Umständen sehr verständlich war", entgegnete Scully. "Überlegen sie doch nur mal, wie es ihnen gehen würde. Dieser Mann hatte das Blut von einer Menge unschuldiger Menschen an den Händen, vielleicht sogar von jemand, den sie kennen oder mit dem sie verwandt sind. Und niemand konnte sagen, wie viel mehr Blut noch vergossen worden wäre, wenn ihn keiner gestoppt hätte."
"Und nun sieht es so aus, als würde doch noch weiteres vergossen werden. Zumindest scheint es das zu sein, was der Sheriff von Springwood denkt. Er hat das FBI gebeten, jemanden zu schicken, der ein psychologisches Profil erstellen kann. Aus diesem Grund hat Skinner mich gebeten, dorthin zu fliegen und mir die Sache mal anzuschauen."
Sie war jetzt doch hellhörig geworden. Irgend etwas schien an der Sache dran zu sein, das nicht in den Bereich fiel, der mit einem klaren Verstand und etwas Logik erklärt werden konnte. Mulder musste dies wissen oder zumindest ahnen, sonst hätte er sich nach dem Lesen der neuesten Akte nicht so verbissen die Morde der Vergangenheit angeschaut. Für ihn gab es an diesem Fall etwas, was sie nicht bemerkt hatte.
"Brauchen sie zufällig auch eine Pathologin?"
Mulder grinste über das ganze Gesicht.
"Tatsächlich brauchen sie zufällig gerade jemand. Es scheint so, als wäre ihr Pathologe derzeit im Urlaub."
Er raffte sämtliche Akten zusammen und stopfte alles in seine Aktentasche.
"Sind sie bereit für einen kleinen Trip nach Springwood, Scully?"
"Nach ihnen", sagte sie und verbeugte sich kurz.
Dann nahm sie ebenfalls ihre Aktentasche und folgte ihrem Partner, der das Zimmer schon verlassen hatte.

*******

Mittwoch, 17. Mai, 9:30 Uhr
Springwood, Ohio

Fox Mulder und Dana Scully erhielten ihre FBI-Abzeichen von dem Beamten zurück, welcher an der Polizeiabsperrung stand und ängstlich achtete, dass kein Unbefugter den Tatort betrat. Er zeigte ihnen noch kurz den Weg und wandte sich dann wieder seiner Aufgabe zu.
Dies war der dritte Mord in weniger als einer Woche und sowohl der Sheriff als auch seine gesamte Abteilung waren ratlos. Es hatte bis jetzt noch nichts gegeben, was sich für die Beamten als einen Verdacht herauskristallisiert hätte. Sie hatten keine Vermutung, keine Idee, keine Ahnung, wer hinter diesen Morden steckte und warum derjenige mordete. So lag eine grosse Hoffnung auf dem Rücken der beiden FBI-Agenten.
"Special Agents Mulder und Scully?", fragte der Mann vor ihnen und streckte ihnen seine Hand entgegen.
Scully nahm die ausgestreckte Hand, schüttelte sie und sagte dann:
"Ich bin Agent Dana Scully und das ist mein Partner Fox Mulder."
"Freut mich. Ich bin Sheriff Michael Bordin. Hatten sie einen guten Flug? Ich freue mich, dass sie endlich da sind. Die Menschen werden allmählich nervös und gereizt. Ausserdem hat jeder Angst um seine Familie, Verwandten, Freunde und Kinder. Jeder betrachtet sogar seinen Nachbarn misstrauisch und wenn das so weitergeht, dann verdächtigt bald jeder jeden."
Sheriff Bordin war etwa Ende Dreissig, Anfang Vierzig. Sein schwarzes Haar, welches sich an den Schläfen schon ein wenig grau zu färben begann, war glatt nach hinten gekämmt. Obwohl der Sheriff nicht mehr ganz so jung war, sah er dennoch wie ein Mann aus, der wusste, wie er sich in einem Kampf selber verteidigen und mit seinem Gegenüber fertig werden konnte. Alles in allem wirkte er sehr sympathisch und wie ein Mensch, zu dem man Vertrauen haben konnte. In diesem Moment hatte sein Gesicht einen betroffenen und besorgten Ausdruck.
Dann nahm auch Mulder die angebotene Hand und erwiderte das Händeschütteln.
"Wir wären schon viel früher hier gewesen, doch leider hatte unser Flug Verspätung und so haben wir die weitere Verbindung dann verpasst. Es tut uns wirklich leid, aber wir sind so schnell gekommen, wie wir konnten."
"Das ist schon in Ordnung, Agent Mulder. Die Hauptsache ist, dass sie jetzt da sind und sich dieses sonderbaren Falles annehmen."
Scully wandte ihre Aufmerksamkeit dem Haus zu.
"Haben sie den Körper schon bewegt?"
Bordin schüttelte den Kopf.
"Nein, Agent Scully." Er zeigte auf das Schlafzimmer in der linken oberen Ecke. "Der Körper befindet sich noch immer dort, wo er gefunden wurde. Wir dachten, es wäre am besten, auf sie zu warten, bevor wir sie bewegen oder andere Schritte unternehmen.. Sie finden also alles noch so, wie wir es selber heute morgen vorgefunden haben."
Dann betraten der Sheriff, Scully und Mulder durch die Haustüre das Haus. Im Wohnzimmer sass ein weinendes Paar, welches vermutlich die Eltern des Opfers war. Es wurde gerade von einem Beamten, der ihm gegenüber stand und sich immer mal wieder einige Notizen machte, befragt. Beide, der Mann und desgleichen die Frau, boten einen bejammernswerten und bemitleidenswürdigen Zustand.
Mulder beugte sich zu seiner Partnerin hinüber und fragte:
"Möchte sie mit den Eltern sprechen oder lieber den Körper anschauen?"
Scully zog ihre Handschuhe aus der Tasche und ging in Richtung der Treppe. Am Fusse der Treppe wandte sie sich um und sagte:
"Sie sind der Psychologe, Mulder. Also würde ich vorschlagen, dass sie mit den Eltern reden und ich werde inzwischen einen Blick auf die Tote werfen."
"In Ordnung", seufzte Mulder.
Er mochte es nicht besonders gerne, mit bekümmerten und trauernden Eltern zu sprechen. Jedes Mal, wenn er das machen musste, überkamen ihn die traurige Erinnerungen an zu Hause. Er schob seine eigenen Erinnerungen für einen Moment beiseite, überlegte kurz, was er fragen und sagen wollte, und betrat dann das Wohnzimmer, in dem das Paar noch immer auf der Couch sass.
Er kniete sich auf einen Fuss vor die beiden hin und begann das Gespräch.
"Mr. und Mrs. Kachanski?"
Auf das Nicken der beiden fuhr er fort:
"Ich bin Special Agent Fox Mulder vom FBI. Ich weiss, die Situation ist im Moment sehr schwer für sie, aber ich muss ihnen dennoch einige Fragen stellen. Es ist wichtig für die weiteren Ermittlungen."
Der weitere Gesprächsverlauf verblüffte Mulder vollständig. Die beiden waren überraschend freundlich und dachten über alles, was der Agent von ihnen wissen wollte, nach. Er tat sein Bestes, um seine Fragen kurz und zur Sache gehörend zu stellen. So erfuhr er nach und nach alles, was er wissen wollte.
So wie es den Eltern bekannt war, war ihre Tochter Cindy sehr beliebt gewesen. Sie kannten niemanden, der ihr feindlich gesinnt war oder gar ihren Tod wollte. Sie hatte zwar vor einigen Monaten mit ihrem Freund Schluss gemacht, doch die Trennung war friedlich verlaufen und die beiden waren weiterhin Freunde geblieben. Ihre Schulnoten lagen ein wenig über dem Durchschnitt, sie nahm keine Drogen und hatte, wie jeder andere Jugendliche auch, ihren Teil mit emotionalen Probleme zu kämpfen. Kurz gesagt war sie ein ganz normaler Teenager gewesen.
"Bitte, Mr. Mulder", bat Mr. Kachanski, während er seine schluchzende Frau im Arm hielt. "Bitte, helfen sie, den Mann zu finden, der das unserem kleinen Mädchen angetan hat. Finden sie ihn und bestrafen sie ihn dafür."
Mulder nickte mitfühlend. Er wusste, wie sie sich fühlten. Nun konnte er nicht mehr anders, seine Gedanken wanderten in die Vergangenheit zurück, und zwar zu dem Tag, als seine Schwester Samantha entführt worden war. Genau die gleiche Szene hatte sich danach in seinem eigenen Wohnzimmer abgespielt. In dem Fall waren es aber seine Eltern gewesen, die von Beamten befragt worden waren. Sie versuchten, mutig und stark zu sein, nachdem ihre Welt um sich herum zusammengebrochen war.
Er selbst hatte mit allem alleine fertig werden müssen und dabei lag seine Welt genauso in Scherben vor ihm. Mit seinem Schmerz, mit den stillen Anschuldigungen seiner Eltern, warum er sie nicht beschützt und gerettet hatte, mit allem, hatte er immer wieder auf Trost von ihnen gehofft, diesen aber niemals bekommen. Er hatte jetzt noch schwer an den Lasten der Vergangenheit zu tragen und würde diesen Tag, an dem seine Schwester aus seinem Leben verschwunden war, niemals vergessen können. Er würde ihn immer im Gedächtnis behalten, ganz besonders, da er nicht wusste, was mit ihr geschehen war.
Die Kachanskis hatten es in diesem Fall irgendwie einfacher, sie wussten genau, was mit Cindy passiert war. Sie wussten, dass ihre Tochter tot war. Und auch wenn diese Erkenntnis nicht leicht zu verdauen war, war es dennoch leichter, als mit einer ständigen Ungewissheit herumlaufen zu müssen. Sie konnten um sie trauern, und vielleicht konnten sie irgendwann einmal ihre Leben weiterleben, wenn von dem grossen Schmerz des Todes und der Trauer nur noch ein Fünkchen übrig blieb.
Und dennoch, er musste ihnen helfen. Er musste versuchen, den Täter, der diese bestialischen Morde verübt hatte, zu finden und für diese Taten zu bestrafen. Bei seiner Schwester hatte er hilflos müssen, wie alles seinen Weg ging, hier konnte er eingreifen.

Kurze Zeit später kam Scully die Treppe wieder herunter. Mulder erkannte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, denn sie hatte einen seltsamen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Er sah sie wissend an und ihr Blick, den sie ihm zurückgab, bedeutete:
"Wir müssen reden."
Daraufhin erhob sich Mulder vom Boden, schüttelte sein Bein kurz aus und wandte sich den Kachanskis zu:
"Bitte entschuldigen sie mich einen Moment."
Er ging auf Scully zu und fragte leise:
"Was ist los?"
Seine Partnerin warf einen kurzen Blick über ihre Schulter, um sich davon zu überzeugen, das die Eltern nicht in unmittelbarer Nähe waren und hörten, was sie sagte.
"Das ist sehr seltsam und merkwürdig, Mulder. Ich hatte zwar nur Zeit für einen kurzen Blick, aber das ist wirklich ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich sogar." Sie machte eine kurze Pause, um ihre Gedanken zu sammeln. "Sie wurde mit dem Kabel ihres Telefons erwürgt und dann zerfetzt. Wenn ich die Einstiche ihrer Form und ihrem Winkel nach beurteile, würde ich vermuten, dass sie mit einer schmalen, aber relativ langen, wahrscheinlich leicht gebogenen, Klinge ermordet wurde. Ich bezweifle, dass ihr Tod schnell oder schmerzlos gewesen ist."
"Sie haben die Akte des "Springwood Schlitzers" gesehen. Denken sie, dass es Ähnlichkeiten zwischen den Morden damals und den jetzigen gibt?"
Scully schüttelte den Kopf.
"Ich weiss es noch nicht. Das Telefonkabel ist auf jeden Fall ein neues Element, aber bevor ich ihnen genauere Auskunft geben kann, werde ich warten müssen, bis ich die Autopsie durchgeführt habe. Diese wird sicherlich mehr über die Wunden aussagen und dann sollte ich auch mehr darüber sagen können. Derzeit können wir nur Vermutungen anstellen."
In diesem Moment trat der Sheriff mit leisem Schritt hinter die beiden. Er sah aus, als würde er sich sehr unbehaglich fühlen.
"Entschuldigen sie bitte, Agents. Ich muss unbedingt mit ihnen über diese Situation reden. Ich weiss, es wird sehr ungewöhnlich klingen, aber ich denke, dass es für diesen Fall mehr als notwendig ist."
Noch während er in Richtung der Haustüre nickte, war der Sheriff schon auf dem Weg das Haus wieder zu verlassen. Scully und Mulder tauschten noch einen erstaunten, aber auch neugierigen Blick und gingen ebenfalls nach draussen. Dort wartete der Sheriff schon im Vorgarten auf die beiden FBI-Agenten.
"Was ich ihnen jetzt erzählen möchte, ist streng vertraulich", begann er. "Obwohl ich verstehe und auch nachvollziehen kann, dass sie es in ihr Protokoll aufnehmen müssen, wäre ich ihnen sehr dankbar dafür, wenn sie das Folgende niemandem gegenüber erwähnen würden, während sie in unserer Stadt sind und ihren Ermittlungen nachgehen. Und nicht nur ich würde ihr Stillschweigen überaus zu schätzen wissen."
Er sah die beiden an und wartete auf eine Bestätigung von ihnen. Als er von Mulder und dann auch von Scully ein Nicken als Zustimmung bekam, fuhr er fort:
"Dies ist nicht das erste Mal, dass wir so sonderbare und merkwürdige Tode in Springwood haben. Es hat vor ungefähr zehn Jahren angefangen, zu der Zeit, als ich noch Hilfssheriff war, und so war ich leider noch nicht in der beruflichen Position, dass ich etwas tun konnte. Das erste Opfer war damals ein fünfzehn Jahre altes Mädchen, das mit ihren Eltern in dieser Strasse gewohnt hat. An diesem Abend waren ihre Eltern nicht zu Hause und sie hatte einige ihrer Freunde zu sich eingeladen. Auch ihr Freund, in den sie damals verliebt war, war dabei. Was genau geschehen ist, ist nicht bekannt. Der Polizeibericht sagte aus, dass die beiden, das Mädchen und ihr Freund, auf das heftigste miteinander gekämpft hatten. Als sie letztendlich gestorben war, war ihr Freund dann ganz offensichtlich der Verdächtige, der sie umgebracht hatte."
Der Sheriff machte eine kurze Pause und gab den FBI-Agenten Zeit, die Worte auf sich wirken zu lassen. Im Gedanken an das Vergangene schüttelte er kurz den Kopf, bevor er weitersprach:
"So ein Bild des Tatortes konnte man sich selbst in seinen schlimmsten Befürchtungen nicht vorstellen und so etwas hat man niemals zuvor gesehen. Der gesamte Raum war voll von Blut, genau gleich, wie sie es hier bei diesem Fall gesehen haben. Es war unglaublich. Und die unheimlichste Sache dabei war, dass nicht nur die Wände und die Böden mit Blut verschmiert waren. Nein, sogar an der Decke befanden sich Blutspuren, als hätte irgend jemand das Mädchen darüber gezogen.
Wir haben den Freund am nächsten Tag verhaftet, aber er hatte von Anfang an gesagt, dass er es nicht getan hat und dabei ist er auch geblieben. Und ob sie es glauben oder nicht, das merkwürdigste dabei ist ... ich habe ihm geglaubt. Er war zwar ein Punker, aber er war wirklich nicht der Typ Mensch, der kaltherzig solch ein Blutbad anrichten konnte, das ich in dem Raum gesehen habe. Er sagte, er konnte nicht sehen, wer das gemacht hatte.
So weit es Sheriff Thompson anging, hatten wir unseren Mann. Für ihn war es klar, wer das Mädchen umgebracht hatte, auch wenn der Junge weiterhin dabei blieb, dass er nichts mit dem grausamen Mord zu tun hatte und absolut keine einleuchtende Erklärung für die Blutspuren an der Decke bringen konnte. Ich war ganz und gar nicht dieser Meinung, doch wer war ich schon, dass ich gegen die Entscheidungen meines Bosses vorgehe, wo ich doch selber keine richtigen Beweise für die Unschuld des Jungen hatte, auch wenn ich mir weiterhin sicher war, dass es nichts mit dem furchtbaren Tod des Mädchen zu tun hatte.
Kurz nach seiner Verhaftung und den ganzen Verhören durch den Sheriff hat er sich dann in seiner Gefängniszelle erhängt. Die Tochter des Sheriffs kam gerade in dem Moment in die Zelle, als der Junge starb. Aus dem, was sie hinterher erzählte, konnte ich heraushören, dass es ausgesehen hatte, als würde der Junge gegen das Laken, das er verwendet hatte, um sich selbst zu erhängen, kämpfen."
Mulder hatte bis jetzt aufmerksam zugehört. Nun unterbrach er den Sheriff.
"War die Tochter des Sheriff auch dabei, als das Mädchen umgebracht wurde?", fragte er.
Sheriff Bordin nickte.
"Ja. Sie und ihr Freund, sowie einige Jugendliche, die auf der anderen Strassenseite wohnten. Sie waren beide Mal dabei."
"Hm ...", machte Mulder nachdenklich. "Das ist sehr interessant. Wie war ihr Name?"
"Sie hiess Nancy. Nancy Thompson."
Ein erstaunter Ausdruck flog für kurze Zeit über Mulders Gesicht.
"Mal eine ganz andere Frage und ich hoffe, dass sie mir diese beantworten können. Hatten diese Jugendlichen, oder ein paar davon, Schlafstörungen? Litten sie vielleicht unter Schlaflosigkeit oder hatten sie schlimme Träume ..."
Der Sheriff überlegte einen Augenblick und nickte dann.
"Ja, jetzt wo sie es erwähnen, erinnere ich mich daran, dass ich etwas darüber gehört habe, dass diese Jugendliche unter schweren Alpträumen litten. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass zu dieser Zeit viele mit furchtbaren Alpträumen kämpfen musste, sie waren wie eine weit verbreitete Krankheit. Warum fragen sie?"
"Nur aus Interesse", winkte Mulder ab. "Erzählen sie bitte weiter."
"Nun, kurze Zeit nachdem Nancy zusehen musste, wie der verhaftete Junge starb, wurde ihr Freund umgebracht. Und diesmal sah es aus, als hätte jemand den Körper des Freundes in viele Fetzen zerrissen. Auch wenn das sehr unwahrscheinlich klingt, ist es doch wahr. Er hatte vielleicht noch fünf Millimeter Gewebe auf seinen Knochen und alles schwamm in Blut. So viel Blut ...", er schauderte zusammen. "Ich denke nicht, dass das irgendjemand von uns jemals wieder vergessen wird. Es wäre ein furchtbarer Alptraum gewesen, und doch war alles Realität. Ein entsetzliches Verbrechen!
Wir waren gerade dabei, diesen schrecklichen Platz und die ganze grausame Szenerie dieses Verbrechens zu verlassen, als Nancy schreiend von der anderen Seite der Strasse auf uns zugerannt kam. In angsterfüllter Panik rief sie, dass der Killer in ihrem Haus war. Es war ihr gelungen, seine Kleidungsstücke und damit auch ihn in Brand zu setzen, doch er konnte durch ein Fenster im oberen Stockwerk zu entkommen. Anscheinend konnte er das Feuer selber und ohne tödliche Verletzungen zu erleiden, löschen. Wir haben diesen Kerl niemals erwischt.
Dazu kam dann noch, dass Nancys Mutter wenige Tage später im Schlaf starb. Seitdem war Nancy nicht mehr das Mädchen, welches sie vorher gewesen war. Daraufhin wurde sie für zwei Jahre in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Als sie dort entlassen wurde, ist sie aufs College gegangen. Wir hatten eine lange Zeit nichts mehr von ihr gehört, bis sie zurückgekommen war, um für die gleiche Institution zu arbeiten, in die sie damals selbst eingewiesen wurde.
Ein weiterer, ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich vier Jahre später. Ich war zu der Zeit im Urlaub und deshalb habe ich selbst es nicht wirklich gesehen, aber anscheinend wurden fast zehn Teenager auf eine ähnlich brutale und unheimliche Art und Weise getötet. Es war der gleiche Psychopath, der schon in Nancys Bekanntschaft Angst und Schrecken verbreitet hat. Wir sind uns da sehr sicher, weil einige Zeugen sagten, dass seine Haut schrecklich verbrannt und voller Narben war. Wir haben leider nicht viel von den Jugendlichen, die ihn gesehen haben, erfahren. Er hat seine Mördertour bei einer Party gemacht und die meisten der Besucher standen ziemlich unter Schock und konnten sich hinterher kaum mehr an irgendwelche Einzelheiten oder Ereignisse erinnern.
Zwei Jahre später begann eine Gruppe von Jugendlichen in einem Krankenhaus zu sterben. Auf den ersten Blick erschienen die Todesfälle wie angebliche Selbstmorde. Doch laut Nancy, die zu der Zeit in diesem Krankenhaus arbeitete, wurden alle Jugendlichen ermordet und zwar von dem Killer, der auch schon sie umbringen wollte. Sie wurde von der Krankenhausleitung entlassen, als einer der Jugendlichen ins Koma fiel. Nancy und ihr Vater versuchten, diesen Jugendlichen aus dem Krankenhaus zu bringen, und offenbar sind beide dabei umgekommen. Genauere Details sind mir leider nicht bekannt, seitdem möchte keiner der Betroffenen mehr über die ganze Sache reden. Sogar als es geschehen ist, wollte der Sheriff nichts unternehmen."
Sheriff Bordin seufzte.
"Das ist der Grund, warum ich gleich beim FBI angerufen und um Unterstützung gebeten habe, als der erste Jugendliche auf diese verschwiegene, aber furchtbare und grausame Art und Weise ums Leben gekommen ist. Wir haben denjenigen, der alle diese Jugendlichen abgeschlachtet hat, niemals erwischt. Ich weiss nicht, was Sheriff Thompson zu verheimlichen versuchte, und offen gesagt, interessiert mich das auch gar nicht. Er war ein guter Mensch, ein äusserst fähiger Sheriff und hat eine Menge Gutes für diese Gemeinde getan. Falls herausgekommen wäre, dass er in irgendeiner Form in diese ganzen Todesfälle verwickelt gewesen wäre, hätte dies seinen Ruf vollständig ruiniert. Ich respektieren diesen Mann viel zu sehr, um zuzulassen, dass ihm irgend etwas negatives angehängt wird."
"Was sie uns erzählt haben, werden nur unsere Vorgesetzten erfahren", beruhigte Scully den aufgeregten Mann. "Sie können sich da ganz sicher sein. Wir geben ihnen unser Wort."
Mulders Gesicht hatte einen Ausdruck von tiefster Konzentration.
"Einen Moment bitte, ich bin gleich wieder da", murmelte er.
Dann drehte er sich um und rannte noch einmal in das Haus. Er kehrte einen Moment später wieder zu Bordin und Scully zurück.
"Vielen Dank, dass sie uns das alles erzählt haben, Sheriff", sagte Scully. "Falls sie sich noch an irgend etwas anderes oder mehr erinnern sollten, was von Bedeutung für die Ermittlungen in diesem Fall sein könnte, dann lassen sie uns das doch so schnell wie möglich wissen."
Sie überreichte ihm eine Karte.
"Dias ist die Nummer von meinem Handy. Falls wir nicht im Hotel sein sollten, können sie mich jederzeit darunter anrufen und erreichen."
Der Sheriff steckte die Karte in seine Jackentasche.
"Vielen Dank, Agent Scully. Und wie ich schon sagte, ich möchte diesen Kerl unbedingt erwischen. Wir sehen uns dann auf jeden Fall später?"
"Ich würde sagen, wir treffen uns in ungefähr einer Stunde im Leichenschauhaus, Sheriff", entgegnete Mulder. "Wir müssen noch ein paar Dinge überprüfen, bevor wir die Autopsie durchführen können."
Dann drehte er sich um, drückte seiner Partnerin die Autoschlüssel in die Hand und ging mit ihr zusammen zu dem Wagen. Schweigend öffnete er die Türe und setzte sich hinein. Scully folgte seinem Beispiel. Sie schloss die Türe, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und wandte sich dann Mulder zu.
"Mulder, was geht hier wirklich vor?", fragte sie. "Sie wussten den Namen von der Tochter des Sheriff. Das hat mich sehr erstaunt. Woher kennen sie ihn? Wer ist sie?"
Ihr Partner schwieg für einen Moment. Fast widerwillig antwortete er:
"Nancy Thompson war eine ausgezeichnete Psychologin. Neben ihrer Tätigkeit im Krankenhaus hat sie einige hochinteressante Arbeiten und Studien veröffentlicht. Ich hatte vorher immer mal wieder etwas von ihren Veröffentlichungen gelesen. Es war wirklich brillanter Stoff. Ihr Spezialgebiet waren Träume. Genauer gesagt, sich fortsetzende oder wiederkehrende Alpträume."
"Und was hatte das damit zu tun, dass sie dann vorhin noch einmal zurück ins Haus gegangen sind?"
"Ich musste Cindys Eltern noch etwas wichtiges fragen", antwortete er kurz.
Scully musste sich allmählich zusammenreissen, um ihre Geduld nicht zu verlieren.
"Und was ..."
Es folgte eine Minute der Stille. Scully überlegte schon, ob sie ihre Frage wiederholen sollte, als Mulder letztlich entgegnete:
"Ich habe sie gefragt, ob ihre Tochter unter Alpträumen gelitten hatte."

*******

Donnerstag, 18. Mai, 2:30 Uhr
Hillsgate Motel, Springwood

"... obwohl Träume als ein Weg angesehen werden können, wie das Gehirn die Informationen und Erlebnisse des Tages verarbeitet, so bleibt es eine Tatsache, dass sie ein schwer zu verstehender, aber gleichzeitig auch sehr starker und mächtiger Teil des allgemeinen Unterbewusstseins sind. Während wir träumen, schaffen und verstärken wir alte Wege. All die Monster, alle Helden und Mythen, alle von ihnen bekommen durch unsere Träume neue Kraft und werden von ihnen am Leben erhalten oder wiederbelebt. Ob wir sie nun nur als eine Metapher ansehen oder als eine schmerzhafte und gefährliche Wirklichkeit betrachten, formen unsere Träume Tag für Tag unsere Realität. Und wenn man sich diese Verbindung genau durch den Kopf gehen lässt, stellt sich für uns alle ..."
Mulder unterbrach die Lektüre, vor der er in diesem Moment sass, für einen Moment und rieb sich seine müden Augen. Er stöhnte einige Male kurz auf, während er sich seinen müden und verspannten Nacken rieb. Durch seine trüben Augen sah er die leuchtenden Ziffern seines kleinen Radioweckers, welcher ihm gnadenlos die unverzeihlich späte Stunde anzeigte.
"Halb drei Uhr mitten in der Nacht", stöhnte er. "Wenn ich jetzt noch die Stunden der Zeitverschiebung dazu rechne, dann bin ich bald schon wieder aufgestanden."

Es war mal wieder eine seiner Ideen gewesen, in die er sich verrannt hatte und welche ihm jetzt den Schlaf raubte. Dennoch bereute er nicht, dass er diese Nacht nur wenig Schlaf bekam. Nachdem er und Scully die Kachanskis verlassen hatte, hatte er sich gedacht, es wäre eine gute Idee, die letzten Veröffentlichungen von Nancy Thompson zu erforschen.
Scully wusste, dass es nicht lohnend war, sich auf eine Diskussion mit ihrem Partner einzulassen, wenn diesen Ausdruck in seinem Gesicht hatte. Glücklicherweise konnte er sich genau daran erinnern, in welchen Ausgaben des "Psychologic Review", eine Zeitschrift, in welcher er vor allem früher oft gelesen hatte, sich ihre Arbeiten befanden. Alles in allem waren es dann schlussendlich mehr als 150 Seiten, die Nancy Thompson veröffentlicht hatte. Dazu kamen noch zwanzig oder dreissig Seiten mehr, an denen sie während einer Forschungsreihe mitgearbeitet hatte.
Um alle diese vielen Seiten zu kopieren hatte er sehr viel Zeit gebraucht, aber er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass diese Informationen ausserordentlich wichtig für die Untersuchungen an den aktuellen Mordfällen waren. Schon während sie zum Leichenschauhaus fuhren, hatte er sich in die kopierten Papierberge vertieft. Als sie dann beim Polizeirevier von Springwood ankamen, war Mulder vollständig in seinen Gedanken versunken gewesen.
Die ersten Ergebnisse der Autopsie waren nicht besonders aufschlussreich. Es wurde nur festgestellt, dass die drei Teenager mit vier rasiermesserähnlichen, sehr langen, leicht gebogenen, und ausgesprochen scharfen, Objekten getötet worden waren. Wer auch immer das getan hatte, musste stark sein. Wenn man die Länge und die Tiefe der Schnitte beurteilte, musste derjenige auf jeden Fall stärker als der Durchschnitt sein, denn sowohl die Länge als auch die Tiefe der Schnitte war ungewöhnlich gross.
Ausgesprochen merkwürdig war, dass es keinerlei metallischen Rückstand in den einzelnen Wunden gab. Selbst auf den Knochen, die durch die Schnitte beachtlich beschädigt worden waren, war nichts davon zu finden. Es hatte keiner eine Idee oder auch nur eine Ahnung, was dies zu bedeuten hatte.
Der Rest der Untersuchung war dann nur noch Routine gewesen und nun konnten sie nur warten, bis die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung zurückkamen, in der Hoffnung, dass damit irgend etwas bewiesen werden konnte. So blieb genügend Zeit, um sich mit den Veröffentlichungen von Nancy Thompson zu beschäftigen und zu hoffen, dass sich ein Hinweis finden liess, wie man in den Geist oder in die Psyche des Killer eindringen konnte oder wenigstens ein Anhaltspunkt, wie ein solcher Killer ohne weitere Morde zu erwischen war.

Mulder wandte sich wieder den kopierten Artikeln von Nancy Thompson zu. Die bleierne Müdigkeit, welche ihn immer mehr in ihren Bann zu ziehen versuchte, mit eisernem Willen überwindend, las er weiter:
"... die Frage: ist der menschliche Geist in der Lage gegen diese mythische Urform zu bestehen? Ein Beispiel kann ganz einfach "Der Boogie Man" genannt werden. Er geht mit vielen Namen durch viele verschiedenen Kulturen, aber das Bild von ihm ist jedes Mal dasselbe; ein Horror, ein Schrecken, welcher die Unschuldigen verfolgt, wenn sie verletzbar sind. Jedes Geschlecht hat einen Boogie Man und jede Rasse hat eine Geschichte über diejenigen, die dieses Monster bekämpfen, überlisten oder irgendwie auf einem anderen Weg schlagen können. Aber das Monster kehrt immer zurück ...
Wie können wir, ein einzelner Träumer in einer einzelnen Generation die Stärke einer uralten Kreatur überwinden? Oder, auf eine andere Art und Weise ausgedrückt, wie können wir dem Patienten die Werkzeuge geben, die er oder sie dringend braucht, um sich selbst zu heilen? Vielleicht liegt der Schlüssel zu diesen Werkzeugen darin, dem Patienten zu helfen, sich mit einem anderen Mythos zu identifizieren, etwas, das seinen Geist mit mehr Kraft versorgt, als die Bilder der Alpträume. Dieser defensive Mythos kann durch eine Menge Dinge ermöglicht werden; Religion hat schon oft Menschen mit einem Schutzschild gegen diesen nächtlichen Terror versorgt. Oder auch ein Talisman, wie verschiedene Indianerstämme ..."
Mulder liess das Blatt sinken, als die letzten Buchstaben vor seinen Augen zu verschwimmen begannen. Er schüttelte einige Male den Kopf und versuchte, noch ein paar Zeilen weiter zu lesen, doch er war zu müde, um die aneinandergereihten Buchstaben überhaupt als sinnvolle Worte wahrnehmen zu können.
Daraufhin legte er den Artikel aus der Hand. Dann erhob er sich und ging zu seinem sehr einladend wirkenden Bett. Es war jetzt wohl fast vierundzwanzig Stunden her, seit er geschlafen hatte und die Aufopferung an seinen Beruf und seine Pflicht konnte nur so weit gehen. Mit dem letzten Rest von Energie und Willen, erreicht er das Bett, schaltete das Licht aus und legte sich hin.

"Lass das", knurre Fox. "Mom hat gesagt, dass ich hier die Verantwortung habe, während sie weg sind. Und ich möchte jetzt fernsehen und mir "The Magician" anschauen."
Samantha verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund, sah aber, während sie das tat, weiterhin allerliebst aus, besonders als sie dann noch begann, mit einer lockigen Strähne ihres dunklen Haares zu spielen. Dies war eine Fähigkeit, welche sie trotz ihrer erst acht Jahre meisterhaft beherrschte. Er fühlte plötzlich, wie ihn eine warme Welle der Zuneigung zu seiner kleinen Schwester, die genau vor ihm stand, durchfuhr. Er hatte auf einmal gegen das Bedürfnis zu kämpfen, sie zu umarmen und einfach fest zu halten. Es war schwer, eine Diskussion zu gewinnen, wenn man seinen Gegner umarmte, selbst wenn es die kleine Schwester war.
Auf einmal veränderte sich etwas. Es war nichts äusserliches, nichts, das man auf den ersten Blick sehen konnte. Es geschah in ihm selbst. Ein Gefühl der Furcht kroch in ihm hoch und nahm von ihm Besitz. Er wusste nicht warum, aber er hatte plötzlich Angst vor ihr und Angst vor dem, was kam. Irgend etwas Schlimmes, etwas Furchtbares würde geschehen. Ein Teil in ihm schrie, das Zimmer zu verlassen, von diesem Ort wegzugehen und Samantha irgendwohin mitzunehmen, wo sie in Sicherheit war, aber er konnte nicht. Er war vollkommen hilflos. Seine nächsten Worte klangen jämmerlicher als jemals zuvor, und er betete voller Inbrunst zu Gott, dass es diesmal anders sein möge.
Samantha hörte auf zu sprechen und für einen Moment krampfte sich in Fox alles zusammen. Angsterfüllt und unfähig, etwas zu sagen oder zu unternehmen, wartete er auf das Licht. Jenes Licht, welches in einem Augenblick sein ganzes Leben für immer verändert hatte.
Dieses Mal jedoch, und das zum aller ersten Mal, wurden seine Gebete erhört. Samantha drehte sich um und begann auf die Haustüre zuzugehen. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck, als würde sie schlafwandeln oder träumen.
Für einen Moment war Fox wie gelähmt. So etwas war noch niemals zuvor geschehen! Dies war vollkommen anders! Nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, folgte Fox seiner Schwester so schnell es ging in die nächtlichen Strassen der Nachbarschaft ...
Nur stimmte irgend etwas nicht. Dies war nicht seine Nachbarschaft, die Strassen waren ihm vollkommen unbekannt. Und es war Tag. Verwirrt blickte Mulder an sich herunter und bemerkte, dass er ein Erwachsener war, der einen normalen Anzug, eine Krawatte und einen Trenchcoat trug. Verstört sah er sich nach seiner Schwester um.
Er entdeckte sie ungefähr einen halben Block entfernt, wo sie mit einem leeren Gesichtsausdruck mit einem Sprungseil spielte. Er ging so langsam, fast in Zeitlupe, auf sie zu, wie sie sprang. Als er näher kam, beachtete sie ihn gar nicht, sondern begann in einem merkwürdigen und unheimlichen Singsang zu sprechen:
"Eins ... zwei ... Freddy kommt vorbei ..."
Mulder kniete sich vor seine Schwester hin. Irgend etwas stimmte nicht mir ihr! Er konnte nicht verstehen, was es war, doch sie schien sich in einer Art von tranceähnlichem Zustand zu befinden. Er sprach sie mehrmals an, trotzdem reagierte sie nicht. Er wusste nicht einmal, ob sie ihn überhaupt wahrnahm. Samantha schien ihn wirklich nicht zu bemerken, sondern sprang weiter und setzte dabei ihren gruseligen Reim fort:
"Drei ... vier ... Verriegle deine Tür .... Fünf ... sechs ... Jetzt holt dich gleich die Hex ..."
Nun hatte er richtig Angst. Er verstand nach wie vor nicht, was um ihn herum vorging, aber er wusste, dass es eine sehr echte Furcht war, die in seine Eingeweide kroch und ihn erschaudern liess. Er befürchtete, dass sie unter einen fremden Macht oder etwas Ähnlichem stehen musste, von sich aus, und da war er sich sehr sicher, würde sie sich nicht so sonderbar verhalten. Sie begann, zu etwas oder jemandem zu gehören, von dem er nicht wusste, was oder wer es war.
"Samantha", sagte er ganz leise. "Sam, bitte wach auf."
"Sieben ... acht ... Es ist gleich Mitternacht ..."
Sein ihm angstmachendes Entsetzten herunterschluckend, stand er auf und streckte eine Hand nach seiner Schwester aus. Als er ihren eiskalten Arm berührte, sah sie ihm das erste Mal in die Augen. Er konnte einen kalten Dolch panischer Angst fühlen, der ihm ins Herz gestochen wurde.
"Neun ... zehn ... Wir wollen nicht schlafen gehn ..."

Mulder fuhr hoch und sass mit einem Schlag wach in seinem Hotelbett. Sein Bettzeug war mit Schweiss durchtränkt und seine Hände zitterten heftig. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus und warf dann einen Blick auf seinen Reisewecker. 5:47 Uhr.
Mühsam quälte er sich aus dem Bett und schleppte sich langsam ins Bad. Er beschloss, eine Dusche zu nehmen, die er jetzt gerade dringend brauchen konnte. Trotz der frühen Stunde dachte er nicht daran, so schnell wieder ins Bett zu gehen und zu schlafen. Ganz besonders nicht in dieser Nacht. Der Traum war einfach zu realistisch gewesen. Fast so, als wäre die Wirklichkeit näher als er es sich dachte.

*******

Freitag, 19. Mai, 8:59 Uhr
Büro des Sheriffs, Springwood

Scully warf einen Blick auf Mulder, der ihr gegenüber sass. Er sah an diesem Morgen besonders schlecht aus und sie machte sich ein wenig Sorgen um ihn, auch wenn sie dies ihm gegenüber niemals zugeben würde.
"Sie sehen heute morgen furchtbar aus, Mulder", sagte sie ganz frei heraus. " Haben sie denn überhaupt geschlafen?"
Mulder sah von der Akte auf, welche er schon seit zehn Minuten überflog und aus welcher er versuchte, einige Informationen aufzunehmen. Ein ironisches Lächeln überflog seine Lippen.
"Ich habe geschlafen. Ich habe ...", er unterbrach sich einen Moment selber, um zu überlegen, "fast eine und eine halbe Stunde letzte Nacht geschlafen. Ist das nicht genug?"
Sein Partner starrte ihn einen Augenblick ungläubig an.
"Gestern haben sie schon gesagt, dass sie nur wenig mehr als zwei Stunden geschlafen haben. Sie meinen das doch nicht etwa ernst, dass sie in den vergangenen achtundvierzig Stunden nicht einmal vier Stunden Schlaf gehabt haben?"
Mulder nickte andeutungsweise.
"Mehr oder weniger. Ist das ein Problem?"
"Nur, wenn sie sich Sorgen über ihren Gesundheitszustand machen, wie er derzeit ist."
Scully beugte sich vor und sah ihm in die Augen. Dann schüttelte sie den Kopf.
"Mulder, sie tun sich selber oder diesem Fall wirklich keinen Gefallen, wenn sie vollkommen übermüdet sind. Ausserdem begünstigen sie, dass sie sich bis zur völligen Erschöpfung arbeiten werden. Sie sind doch auch nur ein Mensch und keine Maschine und brauchen einfach eine Zeit der Ruhe und der Entspannung, in welcher sie wieder Kraft für den neuen Tag mit all seinen Problemen schöpfen können."
Mulder lehrte seinen Kaffeetasse mit einem letzten schnellen Schluck.
"Es gibt nichts, worüber sie sich Sorgen machen müssten, Scully. Ich gehören eben nicht zu denjenigen, die einen sehr festen Schlaf haben und das wissen sie auch. Ich hatte nur ein paar schlimme Träume, das ist alles", meinte er und ging mit einem kurzen Schulterzucken darüber hinweg. "Es ist nichts wichtiges. Das ist normalerweise in ein paar Tagen vorbei."
‚Aber irgendwie nur für eine Weile’, fügte er in Gedanken für sich selber noch hinzu.
Scully sah ihn zweifelnd an.
"Wenn sie das so sagen, Mulder."
In diesem Moment begann das Fax zu klingeln und lenkte die Aufmerksamkeit der beiden FBI-Agenten auf sich.
"Mit ein bisschen Glück sind das die toxikologischen Ergebnisse. Das Zentrallabor in San Francisco hat gesagt, sie könnten uns die ersten Resultate schon heute zukommen lassen."
Während Scully auf den Ausdruck der ersehnten Faxe wartete, stand Mulder auf, um sich noch eine weitere Tasse Kaffe zu holen. Es war eine sehr grosse Willensanstrengung für ihn, diesen Teil seines Geistes zu unterdrücken. Schlafentzug war für ihn nicht fremd, obwohl die Gründe hinter dem Verlust seiner Schlafes noch niemals eine so grosse Belastung wie in diesem Fall gewesen waren. Er hatte schon in der Vergangenheit immer wieder Alpträume gehabt. Wenn er sich so daran dachte, was er in seinem Beruf schon alles gesehen hatte, nun, das waren Alpträume unvermeidbar. Aber irgend etwas schien an den Träumen der letzten Nächte anders zu sein ...
Seufzend schenkte er sich eine weitere Tasse Kaffee ein und warf drei Stück Würfelzucker in die braune Flüssigkeit. Er durfte nur dem aktuellen Fall die Berechtigung geben, seinen Geist und seinen Verstand in Beschlag zu nehmen, das war alles. Im Kopf eines verdorbenen, brutalen und unheimlichen Killers herumzuwühlen war mehr als genug, um auch jedem anderen den Schlaf zu rauben. Ganz besonders bei diesem. Es schien überhaupt keinen Grund für erschreckende Brutalität der Morde zu geben. Keine Rechtfertigung, höchstens reines sadistisches Vergnügen.
Es hatte seit gestern keine neuen Todesfälle gegeben, aber Mulder war sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Killer wieder zuschlug. Dieser Bastard hatte viel zu viel Freude daran, sein Kunstwerk zu vollenden, dass er auf keinen Fall nun damit aufhören würde, so viel war klar. Jeder Mord war mit einem ganz bestimmten Stil, einer ganz bestimmten Kreativität durchgeführt worden. In jedem Fall war der Körper des Opfers mit den gleichen rasiermesserähnlichen Schnitten nach dem gleichen Schema bedeckt. Einer war skalpiert und dann zerstückelt worden. Der nächste hatte einen tödlichen Stromschlag von seiner elektrischen Gitarre erhalten. Und dann war da noch Cindy, die mit dem Telefonkabel erwürgt worden war, bevor ihr Körper verstümmelt wurde. Krankhafte Neugierde gab ihm einen Grund zu überlegen, was als nächstes kommen würde.
Mulder drehte sich um und ging wieder in Richtung des Büro. Als er den Raum betrat, stiess er mit einem jungen Polizeibeamten zusammen, der das Zimmer gerade verlassen wollte.
"Entschuldigen sie bitte, Sir", meinte dieser. "Ich weiss, es ist ein wenig gegen die Vorschriften, aber mir wurde gesagt, dass sie ein Psychiater sind?"
"Psychologe, aber das ist nah dran", antwortete er bedächtig. "Warum?"
"Nun, wir haben jemanden, der vom Dach der hiesigen Highschool springen möchte. Unsere Leute und der Berufsberater der Schule haben in der letzten Stunde versucht, mit ihm zu reden und ihn dazu zu bringen, wieder nach unten zu kommen, aber bis jetzt hatte noch keiner Erfolg. Und ich glaube auch nicht, dass ihn jemand von ihnen davon überzeugen kann, nicht zu springen. Als ich sie hier gesehen habe, habe ich gehofft, dass sie vielleicht Erfahrung mit einer solchen Situation haben ..."
Der Beamte sah ihn erwartungsvoll an. Für ihn war der FBI-Agent die letzte Chance, den Schüler zu retten. Mulder hatte aufmerksam zugehört und nahm die Angelegenheit sofort in die Hand. Die Müdigkeit, die er noch vor kurzem in sämtlichen Knochen gespürt hatte, war auf einmal wie weggeblasen.
"Okay. Geben sie mir eine Minute Zeit, damit ich meiner Partnerin sagen kann, was sich hier abspielt. Wir treffen uns dann draussen vor der Tür."
Ohne einen Blick zurückzuwerfen, rannte er zu Scully, die noch immer vor dem Faxgerät stand und einzelne Blätter studierte. Sie war so vertieft in ihre Lektüre, dass sie Mulder gar nicht kommen hörte und ein wenig zusammenzuckte, als dieser auf einmal neben ihr auftauchte und sie ansprach.
"Scully, wir haben einen Schüler an der Highschool, der vom Dach springen will. Sie haben mich gefragt, ob ich dazu bereit wäre, ihnen zu helfen und versuchen kann, ihn zum Abbruch seines Vorhabens zu bringen. Auf jeden Fall müssen wir mit den Mitschülern reden, und es wäre eine grosse Hilfe für mich, wenn sie mich dabei unterstützen könnten."
Hastig ergriff er sein Jackett und wandte sich der Türe zu. Ohne ein weiteres Wort verliessen die beiden das Polizeirevier und stiegen in den wartenden Streifenwagen. Der Beamte schaltete die Sirene ein und steuerte das Auto geschickt durch den relativ dichten, morgendlichen Verkehr.
Obwohl Mulder den grössten Teil seiner Ausbildung in anormaler Psychologie gemacht hatte, war er dennoch dazu gezwungen gewesen, zu lernen, wie man einen Springer davon abbringen kann, sein Vorhaben auszuführen. Glücklicherweise war er in der Vergangenheit bisher immer erfolgreich gewesen. So war er voller Hoffnung, dass dieser Trend sich auch an diesem Tag fortsetzte.

*******

10:02 Uhr
Highschool von Springwood

An der Highschool angekommen, verliess Mulder das Auto als erster. Schnell rannte er zum verantwortlichen Beamten, um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Keiner wusste und keiner konnte sich erklären, wie der Jugendliche dort hinauf gekommen war, da alle Türen und Notausgänge, die auf das Dach führten, normalerweise verschlossen waren. Er hatte ihnen vollkommen klar gemacht, dass er sofort springen würde, wenn ihm jemand zu nahe kommen würde. Es sah so aus, als würde er es wirklich ernst meinen, und so hatte es bisher noch niemand geschafft, Fortschritte zu machen.
Mulder hoffte, dass er diese gefährliche Situation ändern konnte. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Beamten betrat er die Schule. Dort rannte er zu den Treppen und bahnte sich mit etwas Mühe seinen Weg durch die wartende Menge.
"Räumen sie diesen Bereich so schnell wie möglich", waren seine ersten Worte, als er das Dach erreicht hatte. "Er ist im Moment wahrscheinlich sehr nervös und ihm einen Schrecken einzujagen ist das letzte, was wir tun wollen. Wenn wir ihn noch nervöser machen, wird er mit ziemlicher Sicherheit springen, und das ist das letzte, was wir möchten."
Widerwillig kehrten die letzten auf dem Dach verbliebenen Schüler in das Gebäude zurück und liessen Mulder mit dem Jugendlichen allein. Der Agent konzentrierte sich ganz auf seine vor ihm liegende Aufgabe.
‚Joey McIntyre’, rief er sich selbst in das Gedächtnis zurück. ‚Ein junger Mann mit offensichtlich sehr ernsten Problemen, der keinen anderen Weg aus der Sackgasse, in der er sich befindet, mehr sieht.’
"Joey?", rief Mulder mit freundlicher Stimme. "Joey? Kannst du mich hören? Mein Name ist Fox Mulder. Ich bin hier , um dir zu helfen."
Ganz langsam begann er auf den Jugendlichen zuzugehen.
"Bleib weg von mir!", schrie Joey, als er den Mann kommen sah.
Der FBI-Agent blieb sofort stehen und wartete ab.
‚Vorsichtig’, sagte er zu sich selber. ‚Ganz vorsichtig. Dieser Junge befindet sich derzeit in höchster Gefahr.’
Mulder war nahe genug an den Jugendlichen herangekommen, um ihn sich genauer anzuschauen. Er war wahrscheinlich fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Sein schulterlanges braunes Haar war ungekämmt und sein Gesicht war leichenblass. Es sah aus, als würde eine Maske von Hysterie darüber liegen. Den unnatürlichen glasigen Blick in seinen Augen einschätzend, war der Junge wahrscheinlich auf Drogen oder etwas ähnlichem. Um was es sich allerdings handelte, das konnte der Agent nicht mit Sicherheit sagen. Das Gesicht war ausgemergelt und die Augen lagen tief in den Höhlen. Kurz gesagt, er sah ganz furchtbar aus. Er sah aus, als hätte er seit vielen Tagen nicht mehr geschlafen.
"Ich werde dich nicht verletzen oder dir schaden, Joey", versicherte Mulder. "Ich werde dir auch sonst nichts tun. Ich möchte dir nur helfen, sonst nichts. Bitte, lass mich dir helfen.
Joey sah ihn nun direkt an. Wut und Zorn schoss über sein Gesicht.
"Mir helfen?!? Wie kannst du mir helfen?!? Niemand kann mir helfen. Du hast keine Chance, keiner hat die. Du kannst ihn nicht aufhalten! Niemand konnte das bis jetzt, niemand kann das und niemand wird das in Zukunft können!"
Der Junge wandte sein Gesicht wieder ab. Tränen begannen über die hageren Wangen zu fliessen.
"Er wird mich umbringen, genauso wie er es auch mit den anderen gemacht hat. Er hat es mir gesagt; ich bin der nächste. Nichts und niemand kann mich jetzt noch retten."
Eine Möglichkeit sehend, holte Mulder sein Abzeichen aus der Tasche.
"Joey? Sieh mich an. Bitte!"
Der Jugendliche schaute hoffnungslos zu ihm auf.
"Ich bin ein Agent vom FBI. Wir beschützen dich und wir können dich auch vor ihm beschützen. Wir werden ihn ganz sicher erwischen. Ich verspreche es dir."
Joey schüttelte den Kopf und entgegnete dann mit unheimlich ruhiger Stimme:
"Du kannst mich nicht beschützen. Nicht vor ihm. Niemand kann mich beschützen. Er wartet auf mich und wenn ich komme, dann wird er mich umbringen. Genau so, wie er die anderen umgebracht hat." Joeys Stimme sank, bis sie kaum mehr als ein Flüstern war und begann dann mit unheimlich klingender Stimme zu singen. "Eins ... zwei ... Freddy kommt vorbei ..."
Mulder fror. Kalte Schauer jagten über seinen Rücken und Furcht kroch in ihm hoch. Die Gefühle seiner Träume der letzten beiden Nächte trafen ihn wie ein Schmiedehammer.
"Was hast du gerade eben gesagt?"
Etwas in der Stimme des Agenten drang durch den Nebel der Angst des Jungen. Er sah auf und fuhr ein wenig lauter fort:
"Drei ... vier ... Verriegle deine Tür ..."
Ein leichter Hoffnungsschimmer leuchtete in seinen Augen auf.
"Neun ... zehn ... Wir wollen nicht schlafen gehn", beendete Mulder den Reim. "Was hat das zu bedeuten? Wo hast du das gehört?"
Der Junge setzte sich auf die Dachkante.
"In meinen Träumen. Genau bevor er bekommen ist. Vor fast zwei Wochen. Als er angefangen hat zu kommen ... habe ich aufgehört zu schlafen. Aber irgendwann werde ich einschlafen, und wenn ich das tue, dann wird er mich ermorden, so wie er die anderen getötet hat. Er wird mich umbringen und mir meine Seele stehlen."
"Du kanntest Sam, Jack und Cindy?", wollte Mulder wissen.
"Du siehst ...", sprach Joey weiter, als hätte keine Unterbrechung stattgefunden "... wir haben zuerst gedacht, dass es nur ein Alptraum ist. Doch als Sam gestorben ist, da wussten wir, dass es real gewesen ist. Und dass er wirklich existiert."
Der Agent fühlte erneut ein Frösteln, welches sich über seinen Rücken zog.
"Wer ist er, Joey?"
Der Junge blickte nach oben. Er wirkte sehr erschöpft.
"Der verbrannte Mann mit dem grünen und roten Pullover. Der eine mit den Rasierklingen an den Fingern und einem merkwürdigen dunklen Hut. Sein Name ist Freddy, Freddy Krueger", wisperte Joey schwach. "Und nun kommt er wegen mir."
Er rollte sich auf dem Bodes des Daches zusammen und begann zu schluchzen.
Mitleid mit diesem armen, vollständig verängstigten Jungen füllte Mulders Herz. Vorsichtig ging er zu ihm hin und hob Joey auf. Dann begann er ihn weg von dieser gefährlichen Dachkante zu tragen. Er hatte etwa den halben Weg zurückgelegt, als der Jugendliche anfing, in den Armen des Agenten heftig zu zucken.
Stolpernd legte Mulder den Jungen auf den Boden des Daches. Mit einer überraschenden Beweglichkeit rollte Joey über den Dachboden und zog sich selbst in eine stehende Position zurück. Als der Agent aufsah, spiegelte sich in den Augen und im Gesicht des Jungen blankes Entsetzen wider.
"Hilf mir!!", schrie der Junge hysterisch.
Mulder streckte seine Hand aus, um ihn zu packen. Er wollte auf jeden Fall verhindern, dass dieser Junge sich etwas antat.
Joeys Hand schoss in Mulders Richtung und schlug diesen quer über das gesamte Dach. Der Agent landete schlussendlich vor der Türe des Treppenaufgangs, durch den er das Dach betreten hatte. Betäubt und sprachlos musste er mit ansehen, wie der Junge gegen seinen eigenen Körper zu kämpfen schien und dann mit steifen und mechanischen Schritten dem Ende der Dachkante immer näher kam. Für einen Moment sah es fast so aus, als wäre eine digitalisierte Computergrafik anstelle von Joeys Körper eingeblendet worden.
Mulder fühlte, wie sich die Türe hinter ihm öffnete und mehrere Polizisten auf das Dach der Schule stürmten. Er selber konnte nur zusehen, wie der hilflose Junge dem äusserten Rand des Gebäudes immer näher kam. Seine Hände ausgestreckt, um nach den Polizisten und Mulder zu greifen, stand Joey genau auf der Kante und hatte seinen Rücken dem leeren Fall hinter sich zugewandt. Ehrliche und ohnmächtig machende Furcht in seinem Gesicht flehte Mulder an, und seine Augen baten um Hilfe.
Doch niemand konnte ihm mehr helfen. Genau in dem Moment, als Mulder aufstand und auf den Jungen zuging, begann Joey McIntyre zu fliegen.
Mulder könnte schwören, dass er gesehen hatte, wie der Junge mindestens dreissig Meter in die Luft empor gehoben wurde, bevor er nach unten fiel und auf dem ganzen Weg in die Tiefe bis zum Aufprall auf dem harten Boden laut schrie. Er war sich ebenfalls sicher, dass er ein heiseres Lachen im Wind vernommen hatte, und zwar genau in dem Augenblick, als Joey in die Luft geflogen war. Und genau in dem Augenblick, als der Körper des Jungen mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufgeschlagen war, war sich Mulder ebenfalls sicher, dass er das Scheuern einer Stahlklinge gehört hatte.

Während der Rückfahrt zum Polizeirevier sprachen weder der Beamte, noch die beiden FBI-Agenten ein einziges Wort. Den ganzen Weg über herrschte Stille im Wagen. Besonders Mulders Gedanken hingen noch ganz stark dem an diesem Vormittag Geschehenen nach.
Die Gespräche mit den Freunden der toten Teenager hatten nur das bestätigt, war Mulder schon vermutet hatte: Jeder von ihnen hatte eine Zeitlang unter schlimmen Alpträumen gelitten. Mit jedem Schüler, den sie befragten, wurden Mulders Überlegungen bestärkt und das flaue Gefühl in seinem Magen wurde stärker. Ja, sie hatten alle davon geträumt, dass jemand versuchte, sie umzubringen. Ja, sie hatte alle vermieden, für Tage schlafen zu gehen. Joey eingeschlossen.
Jeder, mit dem er und Scully sich unterhalten hatten, hatte ihm etwas gesagt, das er gar nicht wissen wollte. Er erkannte, dass jeder von ihnen und jeder der toten Mitschüler von den gleichen Alpträumen heimgesucht wurden, die auch er hatte, seitdem er nach Springwood gekommen war. Er hatte ehrlich Angst davor, eine Vermutung abzugeben, was dies zu bedeuten hatte.
Dazu kam noch, dass Mulder sich absolut sicher war, dass sie überwacht wurden. Während er einen Schüler befragt hatte, war er sicher, dass er einige Male das Glänzen einer Kameralinse aus einem Gebäude auf der anderen Strassenseite bemerkt hatte. Er hatte sogar, und da war er sich genauso sicher, einen in schwarz gekleideten Mann über den Schulhof rennen sehen, der dann in einer kleinen, schmalen Gasse verschwunden war.
Der FBI-Agent hoffte sehr, dass ihn nur der fehlende Schlaf paranoid und ängstlich machte. aber er machte sich grosse Sorgen darüber und er fürchtete sich davor, falls dies nicht der Fall sein sollte.

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13:17 Uhr
Büro des Sheriffs, Springwood

Die beiden Agenten hatten das Auto kaum verlassen und sich in den Raum, in dem sie schon heute morgen gewesen waren, begeben, als einer der Beamten auf sie zugelaufen kam. Er hielt einige Blätter in seiner Hand.
"Agent Scully?", fragte er. "Diese Faxe sind vorhin für sie gekommen. Ich glaube, es sind diejenigen aus San Francisco, auf die sie schon gewartet haben."
Scully dankte dem Mann freundlich, nahm die Berichte und folgte dann ihrem Partner, der in der Zwischenzeit schon sein Jackett ausgezogen und sich hingesetzt hatte.
Mulder hatte bereits eine Theorie, aber bevor er nicht die Laborergebnisse gehört hatte, bildete er sich noch keine Meinung darüber. Obwohl an diesen Todesfällen absolut nichts normal gewesen war, hatte er noch immer die Hoffnung, dass diese Tode durch einen natürlichen, wenn auch vollständig gestörten und verrückten Geist verursacht wurden.
Dennoch hatte er nach der Untersuchung der Tatorte und der Körper der Jugendlichen den heimlichen Verdacht, dass diese Todesfälle viel mehr als nur ein Tribut für die Morde des "Springwood Schlitzers" waren. Die Momente waren nicht nur ähnlich. Es waren alle sämtlich die gleichen, bis hin zu den Schnittwinkeln und ihrer brutalen Effizienz. Abgesehen von der krankhaften Art der Kreativität, zeigte der Killer mit jedem Mord, dass er davor Angst hatte, dass man ihn nur als einen Nachahmer sehen könnte.
Scully überflog den Bericht aus San Francisco, während Mulder noch einmal die Schlitzer-Akte durchsah. Die Abteilung des Sheriffs von Springwood hatte im Fall des "Springwood Schlitzers" nicht sehr viele Informationen an die Presse weitergegeben. Sie hoffte somit, sämtliche Möglichkeiten einer Nachahmungstat zu verhindern. Es war nicht öffentlich und auch nicht allgemein bekannt, dass Freddy Krueger ein bevorzugtes Werkzeug für seine Arbeit hatte; es handelte sich hierbei um einen metallenen Handschuh mit scharfen und rasiermesserspitzen Finger.
Sogar nach seinem Prozess und seinem Tod fühlten sich die Verantwortlichen nicht in der Lage, die Fakten über ihn der Allgemeinheit mitzuteilen. Und nun, nach jedem Todesfall, mit Ausnahme von Joey McIntyre am Morgen dieses Tages, wiesen die einzelnen Körper der anderen Opfer die gleichen Merkmale eines Rasiermessers auf. Die Schnitte lagen überall mit gleichen Abstand nebeneinander. Sofern einer der Polizisten, der mit dem Krueger-Fall zu tun hatte, der Killer war, würde er dennoch einige Insiderquellen benötigen, um an die notwenigen Informationen zu kommen, wie er die Wunden genau kopieren konnte. Vielleicht war die ganze Sache sogar eine Erfahrung aus erster Hand?
Auch aus diesem Grund konnte sich Mulder des Verdachts nicht erwehren, dass es einen engeren Zusammenhang zwischen den ersten Morden des "Springwood Schlitzers" und den Todesfällen der vergangenen Tage gab, dass eine engere Beziehung vorhanden war, dessen Tragweite noch keiner von ihnen verstehen konnte. Die Vielfältigkeit und der Einfallsreichtum im Bezug auf die Morde glichen sich im weiteren Sinne mehr, als dass sie sich unterschieden. Und sie mussten unbedingt eine Möglichkeit finden, den Killer zu stoppen, bevor noch mehr Teenager ihr junges Leben lassen mussten.
Scully holte die Gedanken ihres Partners wieder in die Realität zurück.
"Mulder, werfen sie mal einen Blick darauf", meinte sie und hielt ihm einige Blätter hin. "Jeder dieser Jugendlichen hatte massive Dosen von anregenden Mitteln genommen."
Er nahm ihr die Berichte aus der Hand und warf einen Blick darauf. Erstaunt und fragend blickte er Scully an, die ihm auch sogleich Antwort auf seine nicht gestellte Frage gab.
"Die Menge, welche diese Kinder genommen haben, liegt weit über dem Normalen. Wenn ich nun nach den extrem hohen Spiegeln von Koffein, Amphetaminen und Toxinen in ihrem Blut urteile, dann würde ich vermuten, dass sie alle annährend eine ganze Woche lang nicht mehr geschlafen hatten." Sie schüttelte ungläubig ihren Kopf. "Das ist wahnsinnig! Diese lange Zeitspanne von Schlafentzug ist extrem gesundheitsschädlich. Warum um alles in der Welt haben sie sich das trotz der Alpträume angetan?"
Scully war sehr aufgeregt. Als Ärztin konnte sie nicht verstehen, wie man seine Gesundheit aufs Spiel setzen konnte, nur weil man Angst vor ein paar Alpträumen hatte. Mulder schwieg einen Augenblick und wartete kurz, bis sich seine Partner in wieder ein wenig beruhigt hatte. Er starrte auf seine leicht zitternden Finger, die mit einem Kugelschreiber spielten, als er schliesslich zu sprechen begann:
"Ich habe eine Theorie ..."
Scully war ihm einen geduldigen Blick zu und wartete darauf, dass ihr Partner weitersprach.
"Jeder dieser toten Jugendlichen hat in regelmässigen Abständen unter unangenehmen und schlimmen Träumen gelitten. Ich habe mit einigen von ihren Freunden gesprochen und ich sehe nun ein Schema in diesen Träumen. In jedem Fall gab es keine Verbindung mit den anderen, bis sie dann alle von der gleichen Person geträumt haben. Sie haben von jemanden geträumt, der sie umbringen möchte. Nachdem sie einige Nächte davon geträumt hatten, haben sie das Schlafen aufgegeben, bis sie ermordet wurden."
"Oder haben, wie im Falle des jungen McIntyre, Selbstmord begangen", sagte Scully leicht zurückschreckend.
Obwohl Mulder mit dem Tod des Jungen anscheinend sehr gut zurecht kam, war sie sich nicht sicher, ob er sich selbst die Schuld an dem gab, was geschehen war. Merkwürdigerweise schien ihn der Vorfall sogar in seinen Ideen und Überlegungen im Bezug auf diesen Fall zu bestärken und zu bestätigen.
"Ich glaube nicht, dass Joeys Tod Selbstmord war."
Scully warf ihrem Partner einen etwas verwirrten Blick zu. Mulder war nicht derjenige, der zu Ablehnung und Dementi neigte, besonders dann nicht, wenn er selbst daran beteiligt gewesen war.
"Wie meinen sie das? Sie waren doch dabei. Sie haben mit ihm gesprochen und dann gesehen, wie er gesprungen ist. Sie erinnern sich doch bestimmt noch daran, dass er sie gegen die Türe vom Treppenaufgang gestossen hat, bevor er heruntergesprungen ist. Sämtliche Zeugen sagten übereinstimmend aus, dass er vollkommen hysterisch war und als sie versucht haben, nach ihm zu greifen, ist er gesprungen. Fall abgeschlossen."
"Sie haben Recht, ich war dabei. Sie waren viel zu weit entfernt vom Geschehen, aber ich bin genau neben dem Jungen gestanden. Und ich sage ihnen, sein Verhalten hat absolut nicht zu diesem Profil, das sie eben beschrieben haben, gepasst. Seine Bewegungen waren zu kontrolliert, sie waren fast mechanisch genau. Ich habe mich schon vorher mit Hysterie beschäftigt, Scully. Das Offensichtliche passt mit dem Tatsächlichen in dem Fall absolut nicht zusammen, es gibt keinen Zusammenhang. Menschen bewegen sich nicht wie Roboter, wenn sie die Kontrolle verlieren." Er schüttelte den Kopf. "Überlegen sie mal, Scully. Er hat nicht versucht, vom Dach zu springen, bis ich versuchte habe, ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er eingeschlafen ist."
"Was wollen sie damit sagen, Mulder?"
"Genau das, was ich gesagt habe. Jeder einzelne dieser Jugendlichen hat den Schlaf gemieden, als wäre er Gift", antwortete er, und nahm noch einmal die Faxe in Hand. "Jeder einzelne von ihnen hat alles mögliche, alles was ihm eingefallen ist, getan, um zu verhindern, dass er einschläft. Einige von ihnen hatten schon seit über einer Woche nicht mehr geschlafen. Das haben sie selbst gesagt, nachdem sie die toxikologischen Berichte erhalten und durchgelesen haben."
Mulder starrte auf eines der Blätter, als würde es ihm Antwort auf seine ungeklärten Fragen geben oder seine schon getroffenen Vermutungen besiegeln.
"Alle Opfer hatten gefährlich hohe Mengen von Amphetaminen und anderen aufputschenden Substanzen in ihrem Organismus. Überlegen sie mal, Scully. Warum? Viele Klassenarbeiten? Discobesuche? Nein. Sie hatten alle schreckliche Angst vor dem Einschlafen. Und haben alles dafür getan, um dieses zu verhindern."
Scully war skeptisch.
"Sie haben alle unter Alpträumen gelitten ...,"
Mulder machte mit seinen Ausführungen weiter, als hätte sie nichts gesagt.
"Über eine Woche, Scully! Sie wissen, was das für Auswirkungen auf das menschliche Gehirn, seinen Geist und seinen Verstand hat? Sogar die extremsten Fällen von nächtlichem Terror führen zu biologischen, physischen und psychischen Veränderungen, Scully. Gleichzeitig können aber diese Veränderungen wiederum die Grundlage für den nächtlichen Terror sein. Das wissen sie besser als ich. Der Weg, wie diese Jugendlichen mit allen Mitteln versucht haben, den Schlaf zu vermeiden, grenzt an Fanatismus. Oder sie waren besessen von der Angst, wenn sie einschlafen, dann würden sie sterben. Und das war ja dann letztendlich auch der Fall."
Seine Partnerin konnten nicht glauben, was sie hörte.
"Mulder, wissen sie, was sie da reden?! Meinen sie wirklich, dass die Tatsache, dass diese Jugendlichen eingeschlafen sind in irgendeiner Form zu ihrem Tod beigetragen hat? Mulder, sie wurden alle von einem sehr kranken Menschen umgebracht, nicht vom Sandmännchen. Der einzige Grund, aus dem das Einschlafen gefährlich sein könnte, ist auch der offensichtlichste: Irgendjemand könnte sich an sie heranschleichen."
Scully unterbrach sich selbst für einen Moment, um sich ein Tasse mit Kaffee zu holen. Dann fuhr sie fort:
"Wenn sie wirklich für eine solch ausgedehnte Zeitspanne den Schlaf vermieden hatten, ist dieser Zeitraum, in dem sie glauben, dass irgendjemand es bewerkstelligen kann, in ihre Schlafzimmer einzudringen, ohne dass sie ihn bemerken, nur ein Bruchteil der gesamten Zeit, in der sie schlafen."
"Das mag sicher richtig sein. Dennoch erklärt es nicht die Sache mit Joey. Ich habe eine Weile mit dem Jungen gesprochen und er hat mir gesagt, dass jemand versucht, ihn umzubringen und wenn er einschläft, würde er sterben." Mulder sah für einen Augenblick sehr traurig aus. "Und sehen sie, genau das ist passiert. Er hat noch in letzter Minute um Hilfe geschrieen, Scully. Er wollte nicht springen, er wollte sich nicht umbringen. Er wollte Hilfe, er wollte jemanden, der ihn zum Abbruch seines Vorhabens bringt. Aber niemand konnte verstehen, was mit ihm geschehen war."
"Und sie tun es?"
Er machte für einige Augenblicke eine Pause, bevor er sehr vorsichtig fortfuhr. Er war sich nicht ganz sicher, ob er selber an das glaubte, was er hier zu sagen versuchte.
"Ja. Ich tue es. Ich glaube, dass irgendwie irgend etwas in den Träumen dieser Jugendlichen verantwortlich für ihren Tod ist. Das irgendwie, wenn sie einschlafen, der Killer zu ihnen kommen kann, sie ermordet und sie dann spurlos wieder verlässt. Ich denke, dass diese Alpträume der Jugendlichen, die sie haben, bevor sie versuchen, nie wieder einzuschlafen, ein Schlüssel zu der Lösung dieses Falles sind."
Sie wunderte sich masslos über ihren Partner. Obwohl sie ihm stillschweigend vertraute, war ihre Geduld mit seinen befremdenden Theorien bis zum Reissen gespannt.
"Mulder, das ist absolut lächerlich! Ihre Theorie ist absoluter Blödsinn. Die Jugendlichen wurden von einem Wahnsinnigen ermordet und nicht von einem Monster unter dem Bett. Wie kann ein Traum jemanden umbringen?"
"Das kann ich ihnen leider nicht sagen, weil ich es nämlich selber nicht weiss. Aber die Tatsache, dass diese Jugendlichen kaum eines natürlichen Todes gestorben sind, bleibt bestehen. Und das wissen sie genauso gut wie ich. Die Art, wie sie alle gestorben sind, kann nicht natürlich sein", sagte er und seine Stimme bekam einen erschöpften Klang. "Diese Art des Schadens, wie wir ihn an den Körpern der Toten gefunden haben, braucht Zeit, Scully. Ziemlich viel Zeit sogar. Sie wissen das und ich weiss es ebenfalls. Und vom ersten Schrei der Opfer bis zur Entdeckung der toten Körper war niemals genügend Zeit um diese Art der Verstümmelung durchzuführen. Selbst wenn doch reichlich Zeit vorhanden war, wäre keiner in der Lage, dies zu tun. Und das dann auch noch schnell und leise, sowie spurlos und was auch immer, zu verschwinden, ist keinem Menschen möglich. Jeder menschliche Täter hat auch menschliche Schwächen, wie sie aus Erfahrung wissen, und so kann das, was hier in Springwood in den letzten Tagen geschehen ist, nicht die Tat eines Menschen sein."
"Vielleicht gibt es mehr als einen ...", überlegte sie unsicher.
"Serienkiller arbeiten selten in Gruppen, wenn überhaupt. Und wenn sie es doch einmal tun, dann gibt es normalerweise ein Zeichen dafür in ihren Taten. Diese Morde wurden alle von einer einzigen Hand verübt, sprich, von einem einzigen Killer", beharrte er. "Okay. Nur eine Überlegung, Scully. Nehmen wir mal für einen Moment an, dass es zwei oder mehr Mörder sind. Das erklärt immer noch nicht, warum es keinerlei Anzeichen von einem Kampf und auch keinen anderen Beweis für die Anwesenheit eines Menschen gegeben hat. Kein metallischer Rückstand der Klingen, keine Fingerabdrücke, keine Hautfetzen unter den Nägeln der Opfer. Verdammt, es gibt an keinem der Tatorte auch nur ein Haar, das nicht dorthin gehört! Wir haben uns diese Ort mit einem Mikroskop angeschaut, genauso wie die Körper und haben nichts gefunden. Rein gar nicht, was darauf schliessen lässt, dass ein Mensch seinem krankhaften Drang zu Morden nachgegangen ist."
Scully sah nachdenklicher aus, als sie es zugeben würde. Sie war sich absolut nicht sicher, was sie von Mulders Ausführungen halten sollte.
"Scully", sagte Mulder sanft. "Ich weiss, das dies schwer zu glauben ist, aber tun sie es. Glauben sie es, denn ich werde ihre Hilfe brauchen. Ich brauche sie. Sie könnten wenigstens die Möglichkeit, dass ich vielleicht recht habe, in Betracht ziehen, wenn sie sonst nicht mehr tun können. Geben sie mir eine Chance, Scully."
Sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel, was ihr Partner angedeutet hatte. Spooky mochte sein Spitzname auf der Akademie gewesen sein, aber Fox Mulder hatte niemals Anzeichen einer offensichtlichen Geisteskrankheit gezeigt. Zugegebenen, einige seiner Anschauungen und Überzeugungen waren fraglich. Aber sie hatte seit dem Tag, an dem sie ihm als Partnerin zugeteilt worden war, genug gesehen, das ihm wenigstens einen Vorteil trotz der ganzen Zweifel gab. Scully war sich sicher, dass es eine rationale und logische Erklärung für das gab, was derzeit geschah, aber sie war bereit das anzuhören, was er zu sagen hatte und wenn es auch nur aus Respekt für einen Freund war.
"Was für Hilfe brauchen sie?", fragte sie schliesslich.
Er hatte den Zwiespalt und die Diskussion gesehen, die sich in ihrem Kopf abgespielt hatte. Mulder war sich im klaren darüber, wie dies aussehen musste und wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie ihn Spinner genannt hätte. Die Tatsache, dass sie ihm genug vertraute, um zuzuhören, gab ihm ein Gefühl der Erleichterung.
"Joey hat mit mir über seinen Alptraum gesprochen, Scully. Er hat angefangen, einen Kinderreim, den er in seinem Traum gehört hatte, zu singen. Ich habe den Vers gleich erkannt, denn auch ich habe ihn in meinem Träumen schön gehört. In der ersten Nacht, nachdem wir hierher gekommen sind und wiederum in der letzten Nacht. Ich habe ihn also in beiden Nächten, die wir hier in Springwood verbracht haben, vernommen."
"Und was hat das zu bedeuten? Heisst dass, das sie der nächste sein werden?"
Mulder seufzte.
"Im Moment weiss ich das wirklich nicht. Glauben sie mir, das würde ich selber gerne wissen. So werden sie sicherlich verstehen, dass ich Gewissheit brauche, da ich es leider nicht weiss. Aber für den Fall, dass heute Nacht irgend etwas passiert, möchte ich gerne, dass sie bei mir sind, wenn ich einschlafe und ein Auge auf mich haben." Er grinste sie ein wenig anzüglich an. "Na, haben sie Interesse, später zu mir ins Bett zu kommen, Dr. Scully?"
Ein sarkastisches Lächeln flog über ihr Gesicht.
"Da sie ja sowieso schlafen werden, sehe ich keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte. Sie sollten harmlos genug sein."
Ein trockenes Glucksen entwischte seiner Kehle.
"Sie klingen da ein wenig zweifelnd ..."
Scully rollte mit den Augen. Doch sie entgegnete nichts mehr, sondern kehrte zu den toxikologischen Berichten zurück, um sie vollends auszuwerten.
Mulder Lächeln verblasste, nachdem seine Partnerin sich umgedreht hatte. Er fühlte sich jämmerlich und hatte ein schlechtes Gewissen, weil er ihr nicht alles, sondern nur einen Teil, gesagt hatte. Doch er wollte sein Urteil nicht fällen, bevor er seine Theorie nicht absolut sicher bestätigt sah.
Er war sich des Risikos durchaus bewusst, das er einging. In dieser Nacht würde er mit Sicherheit erfahren, ob das, was er vermutete, auch wirklich der Wahrheit entsprach: Freddy Krueger hatte den Tod überlistet und mordete wieder!

*******

22:51 Uhr
Hillsgate Motel, Springwood

"Gut, ich fasse noch einmal kurz zusammen. Alles, was sie von mir wollen, ist, dass ich sie aufwecke, wenn sie einen Alptraum bekommen. Habe ich das richtig verstanden?"
Mulder nickte zustimmend.
"Ja, wenn sie den Eindruck haben, dass ich irgend etwas anderes als einen normalen Traum zu haben scheine, dann wecken sie mich unbedingt auf, wie auch immer sie das tun müssen. Und was auch immer sie tun ..."
"... schlafen sie nicht ein", vollendete Scully mit einem beruhigenden Lächeln den Satz. "Ich weiss. Sie haben es mir schon einmal gesagt."
"Vielen Dank, dass sie das auf sich nehmen, Scully."
Das Lächeln, welches er ihr zuwarf, wirkte ein wenig ängstlich. Dann stieg er in sein Bett und schlüpfte unter die Bettdecke.
"Ich hoffe, ich liege mit meinen Vermutungen falsch, auch wenn das für sie bedeutet, dass sie den Schlaf einer Nacht ganz umsonst verpassen."
"Es wird nicht ganz umsonst sein", sagte sie mit einem sarkastischen Lächeln auf den Lippen. "Sobald sie aufwachen und absolut gar nichts ist geschehen, werden sie sehen, dass nicht alles eine X-Akte ist. Einige Monster sind nur Erfindungen der menschlichen Phantasie und auch das wird ihnen dann klar werden."
Mulder lachte.
"Ich denke, ich sollte mich weniger mit den Kobolden befassen. Wenigstens müssen diese nicht vor Gericht gestellt werden. Normalerweise auf jeden Fall nicht."
Scully nahm ihr Buch in die Hand, streckte ihren Arm aus und knipste Nachttischlampe an seinem Bett aus. Dann entgegnete sie:
"Mulder, sie reden totalen Unsinn. Ich glaube, sie sollten langsam schlafen. Ich werde da sein, wenn sie mich brauchen."

Er erkannte einige der Gebäude, als er das kleine Mädchen, welchem er gefolgt war, erreicht hatte.
"Ich muss in der Nähe des Stadtrandes dieser Stadt sein", sagte er zu sich selber, während er sich daran zu erinnern versuchte, was geschehen war, doch das Denken fiel ihm so unglaublich schwer.
Mulder erinnerte sich daran, dass er in die Elm Street zurückgekehrt war, zurück zu dem alten verwahrlosten Haus, welches hinter ihm undeutlich, aber dennoch sehr bedrohlich in den Himmel ragte. Ein paar Meter die Strasse herunter konnte er ein kleines Mädchen sehen, welches ohne Unterbrechung Seilsprang.
"Samantha!", rief er, so laut er konnte.
Das Mädchen unterbrach ihr Spiel. Sie sah ihn an, drehte sich um und rannte dann weg. Er hatte das Gefühl, dass er sie schon seit Stunden quer durch die Strassen verfolgte, obwohl er genau wusste, dass er erst vor ein paar Minuten die unheimliche und beklemmende Szenerie betreten hatte. Während er so durch die Strassen lief, dachte er sich immer wieder, dass diese Stadt nicht so gross war, wie sie zu sein schien.
Das Kind rannte in einer alte, vollständig ausgebrannte Fabrik. Mulder folgte ihr unmittelbar auf den Fersen. Er war sich vollkommen sicher, dass dieses Mädchen seine Schwester Samantha war! Wenn sie doch wenigstens nur einmal stehen bleiben und mit ihm sprechen würde anstatt ständig dieses Spielchen mit ihm zu spielen. Er musste sie doch unbedingt warnen! Doch wozu? Er hielt mit den Nachdenken inne. Das Mädchen rannte weiter und verschwand in den Schatten des alten Gebäudes. Er folgte ihr so dicht wie möglich, bis tiefe Dunkelheit ihn umgab und verschlang.
Langsam bewegte sich Mulder in der Finsternis. Jeden einzelnen Schritt setzte er mit grösster Vorsicht. Seine Ohren waren bis zum Äussersten gespitzt, um die Schritte des kleinen Mädchens zu hören. Wenn er die Lautstärke dieser Schritte richtig interpretierte, was sie nur ein kleines Stück von ihm entfernt. Er streckte seine Arme aus, um nach ihr zu greifen. Doch sie lachte nur und wich seiner Geste aus.
In einiger Entfernung, aber genau in der Richtung, in die er blickte, konnte der FBI-Agent ein rötliches Licht glühen sehen. So vorsichtig wie möglich bewegte er sich drauf zu, bis er einen lauten, in dem leeren Gebäude unheimlich widerhallenden, Schrei hörte, der mit jedem Echo immer beklemmender klang.
Sämtliche Sorgen um seine eigene Person, sowie sämtliche Rücksichtnahme auf sich selbst, verliessen Mulder, als er diesen Schrei vernahm. Er handelte fast instinktiv. Mit einem Griff in sein Jackett holte er seine Pistole heraus und rannte dann, ohne sich den Gefahren in der Dunkelheit bewusst zu sein, in die Richtung, aus welcher er den Schrei gehört hatte.
Das Geräusch, welches er wahrnahm, als er um die Ecke zum Boilerraum bog, klang wie wenn Fleisch zerrissen werden würde. Kurz nach der Ecke blieb er stehen, als er genau vor sich etwas bemerkte. Er konnte trotz der Dunkelheit eine Gestalt ausmachen, die sich über etwas Kleines und Blutiges, das auf dem Boden lag, beugte. Aus einem Reflex heraus, hob er seine Waffe, zielte und schrie:
"FBI! Keine Bewegung!"
Das Licht war nur sehr schwach und die Gestalt stand mit dem Rücken zu ihm, doch Mulder konnte ohne Probleme sehr schnell erkennen, dass es sich um einen Mann handeln musste. Er war gross, vielleicht sogar ein wenig nach vorne über gebeugt. Er war mit einem grün und rot gestreiften Pullover sowie einem dunklen dreckigen Hut bekleidet. Langsam drehte er sich herum, so dass der Agent sein Gesicht sehen konnte, welches zu einem bösen Grinsen verzogen war.
Mulder keuchte vor Entsetzen, und machte unabsichtlich einen Schritt nach hinten. Mit leichenblassen Gesicht starrte er sein Gegenüber fassungslos an. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, hätte ihn auf dieses furchterregende und grausam entstellte Gesicht vorbereiten können. Das Fleisch war verbrannt und narbiges Gewebe schälte sich von seinen Wangen. Kalte, sadistisch blickende Augen, funkelten ihm aus diesem grauenvollen Gesicht entgegen. Das uneingeschränkte Böse. Das Entsetzen verbreitende Grauen. Bei diesem Anblick durchfuhr Mulder ein Schock aus abartiger panischer Angst und Abscheu.
"Hey Fox. Schön, dass du endlich kommt. Wir haben schon auf dich gewartet", lachte er dämonisch und warf Mulder den verstümmelten Körper des kleinen Mädchens zu.
Der Agent erkannte mit Schrecken seine kleine Schwester Samantha und es schien ihm, als würde sie ihn aus dem Körper auf dem Boden des Raumes ebenfalls anstarren. Abscheu und eine irrsinnige Wut überkamen ihn, von der er bis jetzt nicht gewusst hatte, dass er sie besass. Dann sah er wieder auf. Erneut hob er seine Waffe, entsicherte sie und richtete sie genau auf das furchtbare Gesicht ihm gegenüber.
"Du hast sie umgebracht, du elender Bastard!", schrie er.
Der Mann hatte sich garantiert nicht bewegt. Dennoch wurde Mulder die Waffe aus der Hand geschlagen, als ihn eine Hand am Hals packte, ihm die Luft abschnürte und den Agenten gegen einen Boiler schlug.
"Was ist denn los Fox? Hast du die Schnauze voll von mir?"
Der Mann hob die rechte Hand. Mulder konnte die Stahlklauen an den Fingern sehen, welche matt rot in dem Licht des Feuer leuchteten. Ein entfernter Teil von Mulders Verstand nahm dies mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis. Er wusste nun, wen er vor sich hatte und darin war er sich ganz sicher. Dieser Mann war tatsächlich Freddy Krueger!

Scully bemerkte mit einer gewissen Befriedigung, dass ihr Partner ohne besondere Vorkommnisse eingeschlafen war. Etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet, denn noch immer glaubte sie nicht ein einziges Wort von Mulders absurder Theorie. Sie war sich sicher, dass es auch im Laufe der weiteren Stunden keinerlei Probleme geben würde.
Im Bezug auf diesen Hintergrund überlegte sie kurz, ob sie nicht doch ein kleines Nickerchen machen sollte. Sie entschied sich schliesslich dagegen, denn Mulder zu enttäuschen und damit auch sein Vertrauen zu ihr zu zerbrechen, wollte sie wegen einer solch unbedeutenden Angelegenheit nicht. Das waren ihr ein paar Stunden Schlaf dann doch nicht wert. So seufzte sie nur ein wenig und vertiefte sich in ihr Buch.
Fast eine Stunde war in der Zwischenzeit vergangen, bis Scully von ihrem Buch aufsah, um nach Mulder zu sehen. Seine Augen sagten ihr, dass er sich nun im R.E.M. Schlaf befand. Dann liess sie ihren Blick über ihn wandern, um sich davon zu überzeugen, dass sein Atem flach und regelmässig war.
Die FBI-Agentin hatte sich gerade wieder hingesetzt, als sie hörte, dass er zu keuchen begann. Sie überlegte hin und her, ob sie ihn nun aufwecken sollte oder nicht. Ihre innere Diskussion dauerte so lange, bis er nach Luft zu schnappen begann und damit war die Sache für sie entschieden. Jetzt war es an der Zeit. Scully ging zu ihm hin und streckte ihre Arme aus, um ihn wachzurütteln. Dabei bemerkte sie erstaunt, wie sich immer mehr eine grosse dunkelrot-violett farbige Quetschung um seinen Hals zu bilden begann.
Die Umgebung begann vor Mulders Augen zu verschwimmen und allmählich dunkler zu werden. Mit letzter Kraft und aus einem Reflex heraus, trat er mit dem Fuss um sich und genau auf Freddys Knie, in der Hoffnung, dass dieser den harten Griff um seinen Hals löste. Ein sich schmerzhaft anhörendes Grunzen und ein von einer schnellen Bewegung stammender Luftzug sagten ihm, dass sein Angriff erfolgreich gewesen war.
Daraufhin liess er dem Fusstritt einen Faustschlag gegen den Kiefer folgen, als er nach seinen Handschellen greifen konnte. Freddy Krueger sprang diesem unvermuteten und für ihn sehr überraschend kommenden Angriff des Agenten im letzten Moment davon.
"Warum machst du das, Fox Mulder? Das ist nicht sehr nett von dir. Bist heut wohl ein bisschen schlecht drauf, oder? Und das nach dem ganzen Spass, den wir mit Joey hatten. Ich hätte nie gedacht, dass du solch ein Spielverderber bist."
Mulder umkreiste Freddy Krueger ganz vorsichtig und misstrauisch. Dabei liess er seinen Gegner nicht aus Augen und behielt besonders zu den Klingen an dessen rechter Hand einen Abstand, damit der Killer ihn damit nicht verletzten konnte. Er hatte gesehen, was sie an menschlichen Körpern anrichten konnten und er hatte in keiner Weise den Wunsch, diese Erfahrung aus erster Hand zu erleben und zu fühlen.
Dabei fand er noch Zeit, sich im Raum umzusehen. Seit er unbewaffnet war, sah er sich in der Hoffnung um, irgendeine andere Art von Waffe zu finden, um sich selbst zu beschützen und seinen Angreifer abzuwehren. Ein Stückchen entfernt entdeckte er ein Metallrohr und begann darauf zuzugehen.
Freddy Krueger fing zu lachen an. Ein unheimliches und drohendes Gelächter füllte nun den Raum. Dann machte er eine Geste mit seiner Krallenhand und in den Boilern begannen helle Feuer zu brennen. Dann spie das Gefäss neben dem FBI-Agenten eine gefährlich grosse Stichflamme aus, die für einen Augenblick in der Luft stehenblieb. Mulder blieb erschrocken stehen und begann dann, langsam zurück zu weichen.
"Was ist denn los, Fox? Wird es dir ein bisschen heiss unterm Hintern?"
Das Feuer begann sich in einem Kreis zu formieren, der schliesslich die beiden umgab. Es begann die Luft, die Kraft und die Stärke aus Mulders Körper zu saugen. Seine alte Feuerphobie lähmte ihn, als er fühlte, dass sein Trenchcoat zu glimmen begann.
Während er mit der Panik kämpfte, sah er sich hektisch nach einem Ausweg um. Doch jedes Mal, als er dachte, er hätte ein Loch in der Feuerwand gesehen, wurde seine Hoffnung, dieses Flammenmeer zu verlassen, von Freddy Krueger vereitelt. Dieser machte nur eine Geste mit seiner Klauenhand und das Feuer schlug über dem Agenten zusammen.
Scully hatte ihren Partner fast eine Minute lang geschüttelt, war aber erfolglos geblieben. Mit verbissener Entschlossenheit auf ihrem Gesicht, begann sie Mulder zu ohrfeigen. Als es immer offensichtlicher wurde, dass auch diese Methode nicht den gewünschten Erfolg brachte, rannte sie in das Badezimmer. Dort leerte sie einen Plastikmülleimer aus und füllte diesen mit Wasser.
Als sie in das Zimmer zurück rannte und einen Blick auf das Bett warf, blieb sie voller Erstaunen stehen. Mulder, sowie auch das Bett um ihn herum, begannen zu rauchen.
"Wachen sie auf, Mulder! Jetzt!", rief sie, als sie den Eimer mit Wasser über ihren Partner kippte. "Wachen sie auf, Mulder! Jetzt!"
Mulder konnte Scully durch die bedrohlichen Flammen sehen, als eine Öffnung in der Feuersbrunst erschien. Mit einer durch den erlebten Schrecken geborenen untypischen Geschwindigkeit, rannte er auf seine Partnerin zu.
Freddy Krueger brüllte vor Wut, griff nach dem linken Arm des Agenten, als dieser den Feuerring verlassen wollte, und hielt ihn in die offenen flackernden Flammen. Es nahm Mulder fast die Luft, als die Flammen seine Haut verbrannten, doch dann begann er sich zu wehren. Während er mit ihm kämpfte, verpasste Mulder Freddy Krueger einen harten Kinnhaken und wurde dafür seinerseits mit einem brennenden Schmerz belohnt, als die vier scharfen Klingen tiefe Wunden seinen Arm schnitten. Aus seinem Trenchcoat schlüpfend, verschwand er durch die rettende Öffnung.

Mulder sass aufrecht im Bett. Als er aufwachte, versuchte er etwas zu sagen, konnte unter Schock stehend aber nur einzelne Worte stottern. Scully stand neben seinem Bett. Sie sah ihn beunruhigt an, während sie seinen Puls fühlte.
"Es ist alles in Ordnung. Sie sind wieder wach. Sie hatten einen schlimmen Traum, das ist alles", versuchte sie ihn zu beruhigen, nahm ein Handtuch und wollte ihn damit ein wenig abtrocknen.
"Es war nicht nur ein schlimmer Traum, Scully", rief Mulder und sprang aus dem Bett. "Ich hatte recht! Es ist wirklich er! Er war hier."
Aufgeregt riss er Scully das Handtuch aus der Hand und begann sich das Wasser und den Schweiss abzuwischen. Derweil lief er aufgelöst im Zimmer hin und her.
"Wovon sprechen sie, Mulder?", wollte sie wissen und starrte ihren Partner verwirrt an. "Es war niemand hier ausser uns beiden. Sie haben begonnen, um sich zu schlagen und konnten nicht mehr atmen. Daraufhin habe ich das Wasser über sie gekippt. Würden sie sich bitte wieder beruhigen?"
Sie packte ihn am Arm, um ihn dazu zu bringen, das Durchschreiten des Zimmer zu beenden. Er blieb daraufhin zwar stehen, aber ihre Berührung brachte ihn dazu, vor Schmerzen nach Luft zu schnappen. Scully fuhr zusammen und liess ihn sofort los.
"Was ist los, Mulder?", fragte sie besorgt.
Mulder zog den Ärmel seines Sweatshirts ganz behutsam hoch, verzog dabei aber immer wieder das Gesicht vor Schmerzen, und offenbarte seinen verbrannten linken Arm. Scully starrte fassungslos auf die schweren Brandwunden.
"Wenn sie an das glauben, was sie vorhin gesagt haben, dann erklären sie mit doch bitten, wie ich Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf meinem Arm bekommen konnte. Und wenn sie gerade schon dabei sind", fuhr er fort und drehte seinen Arm, wobei vier lange, blutende, klaffende Wunden sichtbar wurden. "Erklären sie mir noch zusätzlich, woher diese Verletzungen stammen."
Erschrocken schüttelte sie den Kopf. Seine letzte, ein wenig spöttische, Bemerkung ignorierend, durchsuchte sie ihre medizinische Ausrüstung. Dann wandte sie sich an ihren Partner:
"Tut mir leid Mulder, aber ich werde sie in ein Krankenhaus bringen müssen. Ich habe nichts, womit ich diese schweren Verbrennungen behandeln kann."
Vorsichtig strich sie ein wenig Brandsalbe auf die Brandwunden und bandagierte den Arm ganz sanft mit einer Mullbinde.
"Die anderen Wunden sollten unbedingt gesäubert und dann fachmännisch genäht werden. Das kann ich hier leider nicht machen", sagte sie und sah ihm in die Augen. "Ich kann ihnen nicht erklären, woher ihre Wunden kommen, aber ich bin mir sicher, dass es einen vernünftigen und rationalen Grund dafür gibt."
Die Unsicherheit und die Angst in ihren Augen sagte Mulder alles, was er wissen wollte und musste: Sie glaubte nicht ein Wort selbst, dass sie gesagt hatte. Und auf einmal wusste er, was er zu tun hatte. Und er musste es tun, ob er wollte oder nicht.
Die letzten Ereignisse seines Alptraumes hatten ihm klar gezeigt, wie gefährlich und unberechenbar Freddy Krueger war und welche Macht er besass. Er war ein Killer, der noch weniger zu unterschätzen war, als einer aus Fleisch und Blut. Diese Tatsache machte es umso schwerer, ihn einzuschätzen. Doch eine Sache wusste der Agent ganz genau: so lange Freddy Krueger am Leben war, würde er weitermorden!
Scully unterbrach seine Gedanken. Sie hielt ihm eine Jacke hin und sprach:
"Kommen sie Mulder, gehen wir."
"Nein!", widersprach er energisch.
"Was heisst da nein? Ihre Verletzungen sind recht schwer und könnten gefährlich werden, wenn sie nicht in ein Krankenhaus gehen."
Mulder packte seine Partnerin bei den Schultern und sah ihr mit bittendem Blick in die Augen.
"Scully, ich muss dringend zurück und zwar noch heute Nacht! Ich muss zurück. Jetzt! Ich muss ihn aufhalten und vernichten! Ich bin der einzige, der dies tun kann!"
"Sind sie vollkommen verrückt geworden, Mulder?! Wovon sprechen sie denn eigentlich? Wohin wollen sie zurück? Wenn aufhalten?", fragte Scully wild durcheinander, denn im Moment verstand sie absolut nichts mehr.
"Ich muss unbedingt zurück in meinen Traum und mich Freddy Krueger stellen. Es ist die einzige Chance, dem Grauen, dem Morden und dem Horror hier in Springwood ein Ende zu bereiten. Und ich brauche noch einmal ihre Hilfe."
"Oh Mulder!", seufzte Scully. "Sie jagen einem Phantom nach, verstehen sie das doch endlich. Freddy Krueger ist tot und das, Gott sei Dank, schon seit vielen Jahren. Mal abgesehen davon sind sie physisch derzeit gar nicht in der Lage, überhaupt irgendjemand nachzujagen."
Ihr Partner bewegte vorsichtig seinen linken Arm. Er bemerkte gleich, dass die Schmerzen ein wenig nachgelassen hatten.
"Sie brauchen sich da keine Sorgen zu machen, es geht mir wieder besser. Ich werde es auf jeden Fall durchstehen. Aber ich muss dies einfach tun. Bitte vertrauen sie mir einfach."
"Ich verstehe immer noch nicht, warum sie das machen."
"Wenn diese Nacht vorbei und alles zu Ende ist, werden sie es verstehen, Scully. Sie werden dann alles verstehen. Aber so weit ist es leider noch nicht und deshalb würde ich mich jetzt gerne noch einmal ins Bett legen und ein wenig schlafen. Es wäre mir eine grosse Hilfe, wenn sie wiederum auf mich Acht geben und mich aufwecken würden, wenn es unvorhersehbare Zwischenfälle gibt. Und ...", er grinste schelmisch, "... könnte ich vielleicht ihre Waffe haben? Meine ist mir vorhin abhanden gekommen. Ach ja, eine Taschenlampe könnte ich auch noch brauchen."
Scully resignierte. Sie erkannte, dass sie nichts ändern konnte und Mulder das Risiko mit oder ohne ihre Hilfe auf sich nehmen würde, auch wenn es ihr nach wie vor nicht klar war, warum er das tat und was er damit bezweckte. Er hatte sich dies in den Kopf gesetzt und würde es auch ausführen. Sie holte ihre Waffe und eine Taschenlampe und drückte ihrem Partner beides in die Hand.
"Gut, ich helfe ihnen noch einmal. Aber wenn es auch nur Anzeichen dafür gibt, dass es gefährlich wird oder sie in Schwierigkeiten kommen, dann werde ich sie auf der Stelle aufwecken."
"Sie sind ein Schatz, Scully", bedankte er sich. "Aber bitte wecken sie mich erst auf, wenn sie bemerken, dass ich selber nicht mehr in der Lage bin der Gefahr zu entkommen."
"Na gut", seufzte sie, nahm ihr Buch wieder in die Hand und setzte sich hin.
Mulder stieg zurück ins Bett. Ein wenig mulmig war ihm schon zumute, doch nun konnte er nicht zurück. Trotz der Aufregung, die er in seinem letzten Traum durchlebt hatte, schlief er sehr schnell wieder ein. Der Schlafmangel der letzten Tage tat sein Übriges dazu.

*******

Samstag, 20. Mai, 4:26 Uhr
Elm Street

Mulder wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Todesstille umgab ihn, als er erkannte, dass er sich in der alten, ausgebrannten Fabrik befand. Schnell, aber dennoch vorsichtig, hastete er in Richtung des Boilerraumes, Scullys Waffe entsichert und fest in der rechten Hand.
Doch in dem Raum befand sich nicht, absolut gar nichts. Es gab keine Anzeichen dafür, dass er hier einen gefährlichen Kampf mit Freddy Krueger gehabt hatte. Es deutete nichts darauf hin, dass vor kurzem überhaupt jemand dort gewesen war. Die Boiler waren alle kalt, der Boden mit Staub bedeckt und den zerfetzten Körper seiner kleinen Schwester konnte er trotz Taschenlampe nicht sehen.
Erschöpft lehnte sich der Agent an die Wand und hielt sich seinen verwundeten Arm. Auch wenn nichts in diesem Raum davon zeugte, dass eine Auseinandersetzung stattgefunden hatte, so erinnerten ihn die pochenden Schmerzen ganz deutlich an das, was geschehen war.
"Freddy Krueger, wo bist du?", schrie er laut, dass es in dem leeren Gebäude widerhallte. "Komm her und zeige dich, du Feigling!"
Zuerst geschah nichts. Es blieb finster und still in den Räumen der alten Fabrik. Doch dann hörte er Stimmen vor dem Gebäude. Gedämpfte Stimmen, die leise sangen.
"Eins ... zwei ... Freddy kommt vorbei ..... Drei ... vier ... Verriegle deine Tür ..."
Als er nahe genug war, um den Text des Liedes zu verstehen, lief es ihm kalt den Rücken herunter und eine Gänsehaut überzog seinen Körper. Er trat ins Freie und konnte nach kurzer Zeit sehen, dass einige Kinder vor dem Gebäude Seilsprangen. Entsetzen kroch in ihm hoch, als er erkannte, dass eines der spielenden Kinder seiner kleinen Schwester Samantha zum Verwechseln ähnlich sah, die er tot und vollkommen zerfetzt auf dem Boden der Fabrik gesehen hatte.
"Neun ... zehn ... Wir wollen nicht schlafen gehen ...", sang das Mädchen und als Mulder auf dieses zuging, lief sie vor ihm davon.
Mulder dachte nicht lange nach, sondern lief hinter ihr her. Kurze Zeit später war er ihr dicht auf den Fersen. Doch immer wenn er dachte, er hätte sie eingeholt, beschleunigte sie und vergrösserte den Abstand wieder ein wenig. Dabei stimmte sie abermals dieses Lied an:
"Eins ... zwei ... Freddy kommt vorbei .... drei ... vier ... Verriegle deine Türe .... Fünf ... sechs ... Jetzt holt dich gleich die Hex ...."
"Samantha!", rief er. "Bitte bleib doch endlich stehen!"
Doch wiederum blieb sie nicht stehen. Diesmal rannte sie zu dem alten, verwahrlosten, aber sehr bedrohlich wirkenden Haus, vor dem sein Alptraum begonnen hatte. Er ahnte es mehr, als dass er es wusste: sie würde ihn zu Freddy Krueger führen!
Plötzlich war das Mädchen verschwunden. Erstaunt blieb der Agent stehen und sah sich um. Dann bemerkte er, dass die Haustüre des Hauses, welche zu Beginn geschlossen gewesen war, weit offen stand. Auf dem Boden vor sich entdeckte er Blutspuren. Er beugte sich nach unten und stellte fest, dass sie frisch und nass waren. Seine Hand umschloss die Waffe noch fester. Seine Schritte sorgfältig setzend, betrat er das Haus.
Ein modriger und verwester Geruch schlug ihm entgegen. Kaum war er durch die Türe gegangen, fiel diese mit einem lauten Schlag hinter ihm ins Schloss. Erschrocken fuhr Mulder zusammen. Obwohl die Fenster mit Brettern vernagelt waren, war es in diesem Haus nicht ganz so dunkel wie in der Fabrik. Doch es wirkte noch weniger einladend und viel unheimlicher als das andere Gebäude.
Die Augen des Agenten hatten sich schnell an die dämmrige Dunkelheit gewöhnt und blickten sich um. Eine Treppe führte nach oben, eine nach unten und ein langer Gang schien im Nichts zu enden. So ungemütlich es auch in der Fabrik gewesen war, in diesem Haus konnte er das Grauen und das Böse fast körperlich spüren und er sehnte sich fast in den ersten Teil seines Traumes zurück.
"Wo steckst du, Freddy Krueger", rief er, während er bedächtig und auf jeden Schritt achtend in Richtung Treppe ging.
Plötzlich tauchte am Fuss der Treppe etwas Weisses auf. Als Mulder langsam näher kam, konnte er erkennen, dass es sich um ein Kind, ein Mädchen, handelte. Das lange weisse Kleid war mit grossen, dunkelroten Blutflecken übersät und das Gesicht war blutüberströmt und so zerschnitten, dass es fast nur noch ein blutige, fleischige Masse war, aus der zwei Augen heraussahen. Die dunklen Haare waren zerzaust und an manchen Stellen schien die blutige Kopfhaut durch.
Übelkeit stieg in Mulder hoch, die er sogleich zu bekämpfen versuchte. Und genau in dem Moment, als er sich angewidert abwenden wollte, fiel das Kind auf den Rücken und wurde von unsichtbarer Hand an den Füssen in den oberen Stock gezogen, eine grossflächige Blutspur auf der Treppe hinterlassend. So furchtbar und erschreckend dieses Erlebnis auch für den Agenten gewesen war, über eine Sache war er sich nun vollkommen im Klaren: Freddy Krueger befand sich ganz in seiner Nähe.
Nachdem er ein paar Mal trocken geschluckt hatte, um so die Übelkeit zu besiegen, folgte er der entstandenen Blutspur. Die Waffe fest in der Hand, achtete er sorgfältig darauf, dass er nicht in das Blut trat, welches im Licht der Taschenlampe sehr gut zu sehen war. Noch bevor er den Treppenabsatz erreicht hatte, rief er:
"Freddy Krueger, du verdammter Bastard! Ich weiss, dass du da bist! Zeige dich endlich!"
Mulders Sinne waren bis zum Äussersten gespannt. Er wusste zwar, was er zu erwarten oder befürchten hatte, aber dieses Wissen machte die Sache nicht leichter. Freddy Krueger war ein überaus gefährlicher Gegner, den er auf keinen Fall unterschätzen durfte. Er war sich sicher, dass dieser noch viel mehr Tricks auf Lager hatte, als er in der alten Fabrik gesehen hatte. Kaum hatte er sich diese Tatsache selber klar gemacht, hörte er auch schon neben sich ein Geräusch, welches wie das Scheuern einer Stahlklinge klang. Im gleichen Augenblick erhielt er einen harten Schlaf auf die linke Hand, worauf die Taschenlampe auf den Boden fiel und erlosch.
Obwohl er nicht wusste, wo und in welcher Entfernung sich sein Gegner befand, holte er mit der rechten Hand aus und verteilte mit Scullys Waffe einen Rundumschlag. Und als ob er es geahnt hätte, traf er damit Freddy Krueger, der ihn gerade von hinten packen wollte, hart am Hals. Daraufhin fiel dieser die Treppe herunter, wobei er einen aggressiven und bedrohlichen Schrei ausstiess.

Scully fragte sich, warum sie Mulders Drängen nachgegeben hatte. Sie hätte lieber standhaft bleiben und ihren Partner in ein Krankenhaus bringen sollen. Stattdessen sass sie in dessen Hotelzimmer, um ihn aufzuwecken, falls er bei seiner Phantomjagd im Schlaf auf Probleme stossen sollte.
Erstaunt hatte sie bemerkt, dass er sehr schnell wieder eingeschlafen war. Nachdem sie einige Zeit gelesen hatte, stand sie auf, um einen Blick auf ihn zu werfen und bemerkte, dass er sich wieder im R.E.M Schlaf befand. Er schien ein wenig angespannt zu sein, atmete aber trotzdem sehr regelmässig und normal. Bei der Überprüfung des Pulses stellte sie fest, dass dieser ein bisschen zu schnell schlug, doch nicht so schnell, dass es unnormal gewesen wäre.
Im Verband um den linken Arm sowie auf den Bettlaken fand sie einige Blutflecken, welche von den vier tiefen Schnittwunden stammten. Das hatte sie befürchtet, denn sie hatte schon auf den ersten Blick gesehen, dass die Wunden viel zu tief waren, als dass sie von selbst heilen konnten. Doch bei näherer Betrachtung war es weniger Blut, als sie es gedacht hatte und so wurden ihre Sorgen wiederum ein bisschen zerstreut.
Sie wollte gerade den alten Verband entfernen, um einen neuen anzulegen, als etwas geschah, womit die Agentin nicht gerechnet hatte. Ihre Partner holte plötzlich mit dem rechten Arm aus und versetzte ihr einen harten Stoss. Sie war viel zu überrascht, um schnell zu reagieren. So stolperte sie nach hinten und stürzte. Dabei fiel sie so unglücklich, dass sie mit ihrem Hinterkopf auf dem Stuhl aufschlug, auf dem sie noch vor kurzem gesessen war, und ohnmächtig zu Boden sank.

Ganz plötzlich brannten unheimlich flackernde Lampen an den Wänden. Mulder musste sich nicht die Mühe machen, hinter Freddy Krueger herzulaufen, denn dieser stand auf einmal vor ihm. Das sarkastische Lächeln auf seinem verbrannten Gesicht war einem bösen und bedrohlichen Ausdruck gewichen. Die kalten Augen schienen eisige Pfeile auf Mulder zu schleudern.
Der Agent hob die Pistole, um auf ihn zu feuern und im selben Augenblick schossen die Stahlkrallen auf Mulder zu. Er erschrak ein wenig über den heftigen Angriff, liess dann die Waffe fallen und zog seine Hand zurück, doch er war nicht schnell genug. Zwei der scharfen Klauen trafen ihn noch auf der Innenseite des rechten Handgelenks und fügten ihm tiefe Schnitte zu, aus denen sogleich das Blut zu fliessen begann. Noch ehe Mulder sich auf etwas anderes besinnen konnte, kam die gefürchtete Krallenhand wieder auf ihn zu, dieses Mal von oben. Wieder war der Agent nicht schnell genug, als er sich nach unten weg duckte und musste einen Schnitt an der rechten Schläfe hinnehmen. Das herunterlaufende Blut störte und beeinträchtigte ihn, doch die Schnitte in seinem Handgelenk bereiteten ihm mehr Schmerzen. Freddy Krueger holte ein drittes Mal aus, doch diesmal war sein Gegenüber darauf gefasst und versetzte ihm aus seiner geduckten Haltung heraus einen Stoss gegen den Brustkorb, bevor er zuschlagen konnte.
Der Killer taumelte einige Meter zurück. Dann brach er in ein höhnisches Lachen aus.
"Oh, hat der kleine Fox keine Lust mehr zu spielen? Wie schade!", meinte er boshaft.
Der FBI-Agent wich keinen Schritt zurück, als Freddy Krueger wieder auf ihn zukam. Er wusste nun, wenn er eine Chance haben wollte, diesen Killer zu besiegen, dann durfte er auch nicht das kleinste Zeichen von Furcht, Entsetzen, Schrecken, Angst und schon gar nicht von Feigheit zeigen. Sämtliche Schmerzen in seinem Körper ignorierend und das herunterlaufende Blut aus dem Gesicht wischend, stand er aufrecht vor ihm, sah ihm fest in die Augen und sagte ruhig und entschlossen:
"Du denkst, du kannst alle besiegen? Da irrst du dich aber gewaltig!"
Freddy Krueger lachte erneut. Diesmal klang sein Lachen dämonisch und spöttisch. Alle brennenden Lichter begannen zu zersplittern und die Scherben flogen auf den Agenten zu. Gleich darauf begann der Boden unter Mulder Füssen weich zu werden, so dass dieser nicht flüchten konnte. Ganz langsam sank er ein. Mulder versuchte, einige Schritte nach vorne oder nach hinten zu machen, doch je mehr er sich bemühte, dort weg zu kommen, desto weicher und klebriger wurde der Boden und desto tiefer sank er ein. Die aus dem vorher stabilen Fussboden entstandene zähe Masse klebte richtiggehend an seinen Füssen und schien ihn mit festen Händen an der Stelle, an der er sich befand, zu halten. So konnte er nur seine Arme schützend über sein Gesicht und seinen Kopf halten, als Tausende von winzigen Scherbensplittern auf ihn prasselten.
Fast im gleichen Augenblick verschwand die weiche Masse unter seinen Füssen und machte einem Loch Platz. Da er in panischer Eile nichts fand, woran er sich festhalten konnte, begann der Agent zu fallen. Er sah nach oben und entdeckte Freddy Kruegers hämisch verzogenes Gesicht über sich. Dann fiel er in die Tiefe, wo sich auch unter ihm schon ein weiteres Loch im Boden gebildet hatte.
Mulder hatte das Gefühl, sein Fall in die unbekannte und dunkle Tiefe würde eine Ewigkeit dauern. Dabei war er nur wenige Sekunden unterwegs gewesen, als er sodann hart auf einem Boden aufschlug und dabei genau auf die Brandwunden seines linken Armes fiel. Ein kurzer Schmerzensschrei entschlüpfte ihm und das Atmen fiel ihm für kurze Zeit sehr schwer, doch dann er biss die Zähne zusammen und liess sich nicht anmerken, wie weh ihm der Aufprall getan hatte.
Erst jetzt kam er dazu, sich umzusehen. Während er das tat, begann Grauen, Entsetzen, Schrecken und auch Furcht von ihm Besitz zu ergreifen. Der Platz, an dem er gelandet war, sah aus wie der Vorhof der Hölle. Eine kreisförmige steinerne Plattform schien über einem tiefen Abgrund zu schweben. Aus diesem glühte es rötlich und gelblich zu ihm herauf und in einiger Entfernung konnte er anklagende Schmerzensschreie hören. An der Stelle, an der die Plattform von der Wand gehalten wurde, befand sich knapp über dem Boden ein eisernes Gitter. Bei näherer Betrachtung sah es so aus, als würde sich dahinter, inmitten der Wand, eine Art grosser Ofen befinden, in dem ein helles Feuer brannte und die Flammen zuckende Lichterspiele veranstalteten.
Mulder versuchte fassungslos und geschockt, die Gefühle der Angst und des Schreckens zu unterdrücken und zu besiegen, doch je mehr er sich mit diesen befasste und je deutlicher ihm bewusst wurde, wo er sich befand, desto stärker wurden sie. Nachdem er noch einen kurzen Blick über den Rand der Plattform geworfen und schemenhaft sich bewegende Gesichter und Körper von Menschen, welche hilfesuchend ihre Arme ausstreckten, gesehen hatte, ahnte er voller Grausen, dass er sich an einem Ort befand, an den sonst keiner freiwillig gehen würde. Dies war ein Platz, wo das absolut Böse die Alleinherrschaft besass. Der Ort, an dem das Grauen geboren wurde. Ein Ort, der nicht mit Worten beschrieben werden konnte.
"Na, Fox? Gefällt dir dieser Platz besser?", fragte eine Stimme neben ihm drohend. Es war Freddy Krueger. "Ich kann ihn sogar noch schöner machen, wenn dir das lieber wäre."
Im gleichen Augenblick tauchten an der relativ niedrigen Decke eine Menge blutverschmierter und zum Teil grausam zerfetzter Körper auf, welche an Seilen aufgeknüpft waren. Mulder wollte gar nicht hinsehen, doch sein Kopf wurde wie von unsichtbarer Hand gehoben. Dann sah er in das schon bekannte, grausam entstellte, furchterregende Gesicht von Freddy Krueger.
"Du bist der Nächste, der sich dort einreihen wird!", prophezeite dieser.
Die Hand, welche seinen Kopf gehoben hatte, glitt an seine Kehle und drückte zu. Mulder, der mit etwas in dieser Art gerechnet hatte, begann schon ein wenig keuchend seine Fäuste kräftig in den Brustkorb und den Magen seiner Gegners zu rammen. Aufgrund der gut gezielten Schläge begann nun auch Freddy Krueger nach Luft zu schnappen und lockerte den Griff. Der Agent schlug den Arm weg, kassierte dafür aber von der Krallenhand vier Schnittwunden im linken Unterarm.
Doch Freddy Krueger wusste genau, wo die Schwäche seines Opfers lag. Plötzlich öffnete sich die Türe des Ofens und hohe Flammen schossen heraus. Sofort formierte sich das Feuer in einem engen Kreis um die beiden herum, wobei um Mulder noch zusätzlich viele kleine Flammen herumtanzten. Ohne dass er sich dagegen wehren konnte, nahm seine Feuerphobie von ihm Besitz und lähmte sowohl seine Gedanken, als auch seinen Körper. Seine Beine gaben unter ihm nach und er fiel zu Boden. Fast unfähig, sich zu bewegen, lag er auf der Plattform und begann hustend, nach Luft zu schnappen. Jetzt schmerzten ihn auch sämtliche, durch die messerscharfen Stahlklauen verursachten, Schnittwunden furchtbar und unerträglich.
"Ich bin unbesiegbar!", höhnte Freddy Krueger triumphierend und sah spöttisch zu Mulder, der von seiner Angst besiegt zu sein schien.
Der Agent kämpfte hart mit sich selber. Es fiel ihm in dieser Umgebung sehr schwer, zu all den anderen Gefühlen, mit denen er hier zurecht kommen musste, auch noch gegen Feuerphobie vorzugehen. Doch er schaffte es zum Teil und war so nach kurzer Zeit wenigstens in der Lage, sich auf allen vieren vorwärts zu bewegen, was er auch tat.
Sein Gegner bemerkte ihn erst, als Mulder seine Knöchel umfasste und versuchte, ihn zu Fall zu bringen. Freddy Krueger holte mit seiner rechten Hand aus, doch als Mulder die Krallen auf sich zu kommen sah, rollte er zur Seite, so dass ihn der andere nur leicht am Rücken verletzte und beim zweiten Versuch den rechten Oberschenkel erwischte. Ohne es gleich zu bemerken, befand sich der Agent auf einmal ausserhalb des Feuerrings.
Da Freddy Krueger nicht sofort realisierte, wohin Mulder verschwunden so schnell verschwunden war, nahm dieser zwei der Eisenstangen, die neben dem Ofen lagen. Schwer atmend und mit zitternder Hand machte er durch die Flammen den Platz aus, an dem Freddy Krueger stand. Flugs stiess die erste Eisenstange ohne Rücksicht auf seine Hände durch die Feuerwand und genau unter dem Brustbein durch den Körper seines Gegners hindurch. Ohne darüber nachzudenken, was er da eigentlich tat, begann der Agent mit der zweiten Eisenstange auf Freddy Krueger einzuschlagen.
Kaum hatte die erste Eisenstange den Körper durchschlagen, verschwand das Flammenmeer augenblicklich. Mulder hatte gar nicht mitbekommen, dass das Feuer erloschen war, er schlug unverdrossen und stetig fest auf Freddy Krueger ein, so dass dieser kaum dazu kam, sich zu verteidigen. Er liess diesem auch keine Sekunde Zeit, sich die Stange aus dem Körper zu ziehen.
Freddy Krueger schrie wütend auf, doch das rührte Fox Mulder überhaupt nicht, dieser schien sich selber überwunden zu haben. Mit seinen kalten Augen konnte er den eisernen Willen, aber auch die fast übermenschliche, aber auch unnachgiebige Willenskraft in dem blutverschmierten Gesicht sehen, mit welcher der Agent auf ihn einprügelte. Die Schläge kamen in kurzen Abständen, waren äußerst gezielt gesetzt und überaus hart.
Freddy Krueger erkannte, dass er sich gerade in der Defensive befand und begann langsam zurückzuweichen, ohne allerdings zu merken, dass sein Rückzug von Mulder in eine bestimmte Richtung geführt wurde. Dieser trieb ihn unerbittlich immer weiter vor die Öffnung des Ofens. Zu spät erkannte er den raffinierten Plan des Agenten.
"Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich besiegen werde!", rief Mulder drohend und machte nur Sekunden später seine gewagte Androhung ernst.
Er holte schwungvoll mit der Stange aus und versetzte Freddy Krueger einen besonders kräftigen Schlag. Dieser Angriff kam so überraschend, dass dieser unwillkürlich einen Schritt nach hinten machte und dabei über eine leichte Erhöhung an der Öffnung in der Wand stolperte. Daraufhin verlor er vollends das Gleichgewicht und stürzte rückwärts in das lodernde Feuer des Ofens. Der wütende Schrei verlor sich in den Tiefen der Wand.
Aus den tiefen und sehr schmerzhaften Wunden stark blutend, sank Mulder, nachdem er die Eisentüre zugeschlagen und wieder verriegelt hatte, erschöpft und ausgelaugt auf die Knie. Die Eisenstange fiel aus seiner Hand und verschwand im unheimlichen Abgrund. Er realisierte gerade noch, wie die Umgebung um ihn herum verschwamm, sich langsam auflöste und er sich auf dem Boden seiner Hotelzimmers wieder fand. Dann verlor er das Bewusstsein.

*******

Dienstag, 22. Mai, 12:18 Uhr
Krankenhaus von Springwood

Irgend etwas piepste in regelmässigen Abständen. Mulder blinzelte heftig. Nur ganz allmählich gewöhnten sich seine Augen an die ungewohnt leuchtende Helligkeit. Als er sie schliesslich ganz öffnete, sah er einige rote Haarsträhnen über sich. Seinen Kopf ein wenig drehend, bemerkte er ein zu den roten Haaren gehörendes, sehr besorgt aussehendes Gesicht.
"Scully?", fragte er verwirrt.
Seine Partnerin beugte sich über ihn und nickte.
"Mulder!", rief sie erleichtert. "Gott sei Dank, sie sind wach."
Er verstand gar nichts. Langsam drangen, über den ganzen Körper verteilt, stechende Schmerzen in sein Bewusstsein. Er bewegte sich ein wenig und konnte fühlen, dass die Schmerzen in der Hauptsache von seinen beiden Armen, seinem rechten Oberschenkel, sowie von seinem Rücken und seinem Gesicht kamen. An all diesen Stellen schienen Verbände zu sein, welche die Schmerzen für ihn noch grösser machten. Sein rechtes Handgelenk war sogar geschient.
"Wo ... wo bin ich? Was ist passiert?", wollte er wissen und versuchte, sich aufzusetzen.
Scully drückte ihn sanft, aber bestimmt, wieder in das Kissen zurück.
"Sie müssen unbedingt noch liegen bleiben. Sie sind im Krankenhaus von Springwood. Wie das passiert ist und wer sie so zugerichtet hat, kann ich ihnen leider nicht sagen", antwortete sie. "Ich habe sie am Samstag früh bewusstlos in ihrem Hotelzimmer auf dem Boden gefunden. Sie hatten eine Menge tiefer Schnittverletzungen, die sehr stark bluteten und genäht werden mussten sowie einige schwere Brandwunden. Ich habe sie sofort einen Krankenwagen gerufen und sie ins Krankenhaus bringen lassen. Sie haben beachtlich viel Blut verloren und lagen, vielleicht auch aufgrund ihrer Kopfverletzung, bis vorhin im Koma. Ihre Verletzungen waren sehr schwer, ich würde sogar sagen, lebensgefährlich. Mulder, was haben sie gemacht? Haben sie etwa versucht, sich umzubringen?"
"Wie kommen sie denn darauf?", entgegnete er erstaunt.
"Sie haben sich mit zwei Schnitten die Pulsader ihres rechten Handgelenks zerschnitten. Meine Beruhigung war dann, dass sie falsch geschnitten haben und so der Blutverlust noch nicht übermässig ausgeprägt war und die Chancen sie zu retten, gut standen."
"Ich habe nicht versucht Selbstmord zu begehen!"
"Was haben sie denn dann gemacht?"
Mulder schwieg einen Augenblick. Genau in diesem Moment überkam ihn die Erinnerung an den mysteriösen Fall, die entscheidende Nacht, Freddy Krueger und der harte Kampf, bis er ihn schliesslich besiegt hatte.
"Scully, ich habe ihn erwischt!", rief er dann aus.
Seine Partnerin betrachtete ihn fragend.
"Wen haben sie erwischt?"
"Freddy Krueger. Er war der Killer, der Sam, Jack, Cindy und auch Joey umgebracht hat, genau so wie ich es vermutete hatte. Ich habe ihn überwältigt und besiegt."
"Mulder, Freddy Krueger ist schon sehr lange tot", entgegnete sie und erinnerte sich daran, dass sie beide eine ganz ähnliche Diskussion vor kurzem geführt hatten. Sie begann zu überlegen, ob die Verletzungen nicht doch einen grösseren Schaden hinterlassen hatten.
"Sehen sie mich an, sehen sie meine Verletzungen an. Das sind genau die Schnittwunden, die wir auch auf den Körpern der Opfer gefunden hatten. Genau die gleichen, mit der gleichen Waffe verübt. Eine lange, leicht gebogene und rasiermesserscharfe Klinge. Oder besser gesagt, vier Klingen von der gleichen Art. Er hat sie mir zugefügt, als ich ihn gejagt hatte. Alle Wunden sind von ihm verursacht, ich habe mir keine selbst beigebracht, auch diejenigen am Handgelenk nicht." Er unterbrach sich kurz, um Scully in die Augen zu sehen. "Oder denken sie wirklich, dass ich Selbstmord begehen würde? Trauen sie mir das wirklich zu?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Eigentlich nicht. Aber was soll ich denn sonst für eine rationale und logische ..."
"In diesem Fall gibt es das nicht", fiel er ihr ins Wort. "Bei dieser Angelegenheit müssen Sie über die mit rationalen und logischen Mitteln erklärbaren Grenzen hinaussehen, um die Wahrheit zu erkennen. Sagen sie mir, hat es in den letzten Tagen einen weiteren brutalen Mord gegeben?"
"Nein."
"Hatten die Jugendlichen weiterhin so furchterregende Alpträume?"
"Bei der letzten Befragung, die der Sheriff und ich heute morgen gemacht haben, wurde diese Frage von allen verneint. Es wurde übereinstimmend ausgesagt, dass seit Samstag keiner mehr unter Alpträumen leidet und der Schlaf sich vollkommen normalisiert hat."
Mulders Grinsen sah noch ein wenig gequält aus.
"Und das wundert sie nicht?"
"Natürlich wundert mich das!", rief sie aus. "Es hat mir sehr zu denken gegeben. Mich würde interessieren, warum wollten sie das denn wissen?"
"Weil es Freddy Krueger war, der sich in die Träume der schlafenden Jugendlichen und auch in meine Träume geschlichen hat und er nun besiegt ist", antwortete Mulder. "Er war verantwortlich für diese furchterregenden Alpträume und dafür, dass seine Opfer nicht mehr schlafen wollten. Ich muss sagen, ich kann das sehr gut verstehen, nachdem auch ich zu denjenigen gehört habe, die er heimgesucht hat. Er hat sich über die Alpträume manifestiert und den Jugendlichen gesagt, dass er sie töten würde. Daraufhin haben diese aufgehört zu schlafen, was ihn nicht weiter gestört hat, denn er wusste, früher oder später schläft jeder vor Erschöpfung und Übermüdung ein, selbst wenn er sich noch so voll mit aufputschenden Mitteln pumpt. Und sobald das geschehen ist, hat er zugeschlagen, sie ermordet und mit Hilfe seiner im Traum verliehenen Fähigkeiten, seinem bösartigen Einfallsreichtum und seinen Stahlkrallen, die übrigens wirklich sehr scharf sind, umgebracht."
Mulder machte einen Augenblick Pause, damit Scully das Gesagte aufnehmen konnte. Er hatte die Hoffnung, dass sie ihm, nachdem er alles selbst erlebt hatte, Glauben schenken würde. Dann fuhr er fort:
"Ich denke, die übermenschliche und übernatürliche Kraft, die Freddy Krueger gehabt hat, kam in der Hauptsache von der panischen Angst der Opfer oder besser gesagt, der Menschen, die von ihm träumten und träumen sollten. Das hat ihn genährt, und je grösser die Angst wurde, desto mehr Macht erhielt er. Nachdem ich die anfängliche Furcht überwunden hatte, war ich auf einmal in der Lage, mich ihm zu stellen. Ich war sogar in der Lage, ihn zu besiegen."
Scully sah sehr nachdenklich aus, als ihr Partner geendet hatte. Irgendwie klang alles, was er bisher gesagt hatte, plausibel und würde auch den Zustand erklären, in dem er sich Samstag früh befunden hatte. Dennoch fiel es ihr sehr schwer, zu verstehen und zu akzeptieren, dass ein solcher Killer, der seine Opfer auf so grausame und furchtbare Weise umgebracht hatte, nicht menschlicher Natur, sondern ein äusserst bösartiges Pendant des "Monsters unter dem Bett" gewesen war.
Sie erinnerte sich an die Nacht, die sie bei Mulder im Zimmer verbracht hatte und wo sie selbst Zeuge ungewöhnlicher Ereignisse geworden war. Ereignisse, die sie nicht erklären konnte. Obwohl es schon davor den Anschein gehabt hatte, dass er sich der Tatsache, dass der Mörder nicht menschlicher Natur war, recht sicher gewesen war, hatte sich diese Theorie durch diese entscheidende Nacht für ihn bestätigt. Sie wusste, nichts mehr konnte ihn nun von diesem Standpunkt abbringen.
Völlig in Gedanken betrachtete sie ihren Partner genau. Ausser den tiefen Schnitten und den Brandwunden hatte er mit ziemlicher Sicherheit keine weiteren Verletzungen abgekommen. Seine Augen glänzten normal, er hatte keine Fieber und war bei vollem Bewusststein. Seine Ausführungen waren klar, zusammenhängend und in sich logisch. Er hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt, um mehr als nur einem Phantom, einem erfundenen Monster hinterher zu jagen, das wurde ihr immer klarer.
"Was ist los, Scully?", unterbrach Mulder ihre verschiedenen Gedankengänge. "Sie sehen mich auf eine so sonderbare Art und Weise an. Ist irgend etwas nicht in Ordnung?"
"Mulder ...", begann seine Partnerin, unterbrach sich dann aber selber, als ob sie vor ihrem eigenen Mut zurückschrecken würde.
"Ja?!"
"Mulder", wiederholte sie, "würden sie mir erzählen, was sie in der Nacht von Freitag auf Samstag erlebt haben?"
"Sind sie bereit, es zu glauben?"
Scully zögerte einen kleinen Moment, dann antwortete sie mit fester Stimme:
"Ja! Ich bin bereit dazu."
Ein erfreutes Lächeln erhellte Mulders Gesicht. Dann begann er mit seinem unglaublichen Bericht.

Copyright © 01. Januar 2002