Das Herz des Ozeans

Crossover von "Titanic" und "Akte X"

 

12. April 1998, 10:45 Uhr
Washington, D.C.

Ruhig und sicher steuerte Special Agent Fox Mulder seinen Taurus durch den dichten Verkehr in Washington. Obwohl es schon fast Mitte April war, lagen die Temperaturen nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. Stellenweise waren die Strassen sogar noch ein wenig glatt von Kälte der Nacht. Immer wieder musste er durch heftigen Schneefall fahren.
„Ich hoffe, das dauert nicht zu lange", meinte seine Partnerin Dana Scully, die neben ihm auf dem Beifahrersitz sass. „Könnten sie die Heizung ein wenig höher drehen? Ich weiss nicht warum, aber ich friere ein wenig."
Mulder nickte.
„Ja, sicher. Jetzt wo sie es sagen, finde ich es auch recht kalt hier im Auto", entgegnete er und nur kurze Zeit später strömte warme Luft in den Innenraum des Wagens.
„Vielen Dank. So ist es wirklich besser", bedankte sie sich. „Und wer, sagten sie, ist dieser Mann, mit dem wir uns treffen?"
„Sein Name ist Doktor Harold Suttner. Er hat vor über dreissig Jahren Molekularbiologie sowie Chemie und Technik studiert. Im Laufe der Jahre hat er einige mehr oder weniger interessante Erfindungen gemacht und einen Teil davon hat er sich patentieren lassen. Doch es war bisher nichts dabei, was ihm den überwältigenden Durchbruch als grosser Erfinder gebracht hätte."
„Und er hat uns angerufen, weil ..."
„Das ist eine Überraschung, Scully", antwortete Mulder, ohne den Blick von der Strasse und dem Verkehr zu nehmen.
Seine Partnerin seufzte ein wenig. Sie ahnte, dass er ihrem Blick bewusst auswich. Sie hatte sich schon öfters auf solche Unternehmungen mit ihm eingelassen. So befürchtete sie auch diesmal eine Sache, von der sie nicht überzeugt war, aber gegen welche sie, nachdem sie in seinem Auto sass, nichts unternehmen konnte.
„Sie wissen, dass ich nicht den ganzen Tag Zeit habe, Mulder. Ich habe heute Nachmittag um halb vier noch einen Arzttermin."
Er warf ihr einen schnellen, aber ein wenig besorgten Blick zu.
„Sind sie okay?"
Über Scullys Gesicht huschte ein Lächeln.
„Ja, mir geht es gut. Es ist nur ein ganz normaler Untersuchungstermin", antwortete sie ihm. „Aber nachdem ich ihn schon zwei Mal wegen meiner Arbeit absagen musste, möchte ich ihn eigentlich nicht noch einmal verpassen."
Ihre ruhig gesprochenen Worte erleichterten und beruhigten ihn. Er war froh zu hören, dass keine Zeichen daraufhin deuteten, dass der Krebs zurückgekehrt war oder dass sie an einer anderen gefährlichen Krankheit litt. Erleichtert lächelte er sie an, während er seinen Wagen auf die Autobahn lenkte.
„Das Labor des Doktors liegt ungefähr eine halbe Stunde von Washington entfernt in Virginia. Und wenn es nur ein übler Scherz oder ein Streich ist, dann wird es bestimmt nicht allzu lange dauern. Ich bin mir sicher, sie verpassen ihren Termin dieses Mal nicht."
„Und wenn es wirklich etwas Interessantes und Ungewöhnliches ist?"
„So aussergewöhnlich waren seine Erfindungen bisher nicht. Und sie würden das auch nicht sagen, wenn sie wüssten, was er als letztes erfunden hat."
Scully sah ihren Partner erwartungsvoll und neugierig an.
„Und was hat er denn zuletzt erfunden?", wollte sie wissen.
Mulder, der diese Frage schon befürchtet hatte und ein wenig zusammengezuckt war, als er sie hörte, sagte vorsichtig:
„Er hat behauptet, dass er eine Zeitmaschine erfunden hat."
„Eine Zeitmaschine?!", wiederholte Scully ungläubig in der Hoffnung, ihren Partner falsch verstanden zu haben.
„Ja", bestätigte er.
„Wollen sie damit sagen, dass ich meinen freien Tag für einen verrückten Erfinder opfere, der behauptet, er könnte Menschen durch die Zeit schicken?"
„Wenn ich es ihnen von Anfang an gesagt hätte, dann wären sie niemals mitgefahren", verteidigte sich Mulder. „Und ich wollte doch gerne, dass sie dabei sind", fügte er noch leise hinzu.
Es kam keine Antwort, keine Reaktion mehr von Scully. Er sah sie unsicher und schüchtern an, doch sie wich seinem Blick aus. Sie schüttelte fassungslos und ganz langsam ihren Kopf und starrte aus dem Fenster. Sie überlegte einen Augenblick, ob sie darauf etwas antworten oder noch etwas sagen sollte, entschied sich aber vorläufig dagegen.

*******

Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Immer wieder dachte Mulder darüber nach, etwas zu seiner Partnerin zu sagen, doch ihm fehlten die richtigen Worte. Als er schliesslich vor ein altes Warenhaus fuhr und dort den Wagen abstellte, brach Scully die Stille:
„Dies ist das Labor?", fragte sie ungläubig.
„Er hatte in der letzten Zeit einige Probleme damit, finanzielle Unterstützung und Hilfe zu finden", erklärte er. „Und so musste er sich nach einer billigen Alternative umsehen."
„Das kann ich mir gut vorstellen", entgegnete sie, während ihre Augen fassungslos an dem halb zerfallenen Gebäude hingen.
Die beiden Agenten stiegen aus dem Wagen und schauderten vor Kälte zusammen. Ein heftiger und eiskalter Wind trieb einzelne Schneeflocken vor sich her. Mulder führte seine Partnerin in das heruntergekommene alte Gebäude.
„Dr. Suttner?", rief er.
„Ich bin hier", antwortete eine leise Stimme.
Mulder und Scully gingen an der alten, mit Spinnenweben bedeckten Ausstattung und staubigen Tischen vorbei. Danach kamen sie in ein ziemlich sauberes Büro. Sonderbare technische Geräte, weder Mulder noch Scully hatten jemals eines davon woanders gesehen, hingen an den Wänden und standen auf verschiedenen Regalen.
„Dr. Suttner, ich bin Agent Mulder vom FBI", stellte er sich vor. „Und dies ist meine Partnerin, Agent Scully."
Der glatzköpfige Mann sah von seinem Mikroskop auf. Er schüttelte die Hand, die Mulder ihm entgegen hielt. Dann erwiderte er Scullys freundliches Nicken.
„Sie wundern sich bestimmt, warum ihr Partner sie hierher geschleppt hat, oder?", bemerkte er.
Um Scully Mund erschien ein leichtes, etwas spöttisch wirkendes Lächeln.
„Mit allem gebührenden Respekt, Sir", sagte sie, „sehe ich es nicht ein, wie sie die Technologie entwickeln konnten, um Menschen durch die Zeit hin und her zu schicken. Dies haben schon viele Menschen vor ihnen versucht, aber alle mussten sich erfolglos geschlagen geben. Das ist einfach nicht möglich."
„Aber ich habe einen eindeutigen Beweis, Agent Scully", entgegnete der glatzköpfige Wissenschaftler geheimnisvoll. „Folgen sie mir bitte. Dann werde ich ihnen zeigen, dass eine Zeitreise doch möglich ist."
Mulder deutete seiner Partnerin mit einer Handbewegung an, dass sie vorgehen sollte, was sie nur sehr widerwillig und ungern tat. Sie überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis sie wieder heimfahren konnten. Sie verstand nicht, warum gerade sie sich hier befand.
Sie konnte sich nicht helfen, aber sie musste bei dem Gedanken an Mulders freudige Begeisterung lächeln, als er heute morgen an ihre Türe geklopft hatte. Obwohl sie nicht genau gewusst hatte, worum es sich handelte, war sie trotzdem nicht in der Lage gewesen, ihm seine Bitte abzuschlagen, ihn zu begleiten. Ausserdem hatte er versprochen, dass es nur wenige Stunden dauern würde. Und einige Zeit mit ihrem Partner zusammen zu sein, war nicht der schlechteste Weg, um einen Samstag zu verbringen.
Dr. Suttner unterbrach Scullys Gedanken.
„Dies, Agents Mulder und Scully, ist BETSY", sagte er, während er stolz auf eine grosse Metallbox deutete. An deren Seiten befanden sich eine Menge verschiedener Skalen und Schalter, aus denen weder Mulder noch Scully schlau wurden.
„Ist sie nicht eine Schönheit?", rief er begeistert aus.
„Wofür steht BETSY?", erkundigte sich Scully.
„Oh, das ist keine Abkürzung. Ich habe sie nach meiner letzten Frau benannt. Sollen wir einen Versuch starten?"
Die Agentin versuchte, einen Blick in die Augen ihres Partners zu werfen. Doch Mulder wich ihrem Blick absichtlich aus. Er gab vor, sich sehr für die Ausrüstung und für die Technik zu interessieren.
„Wie werden wir sie testen?", fragte er Doktor Suttner.
„Mit einer dieser süssen, kleinen Kreaturen hier", antwortete er.
Der Doktor öffnete einen Käfig, in dem sich gut ein Dutzend Mäuse befanden. Er fing eine der kleinen weissen Tiere ein und setzte es in den Apparat. Dann betätigte er einige Knöpfe und verschob verschiedene Schalter. So entstand eine luftdicht verschlossene Türe und die weisse Maus war im Inneren der Maschine eingeschlossen.
„Wohin sollen wir sie schicken?", wollte er wissen. „Was halten sie davon, wenn wir sie nach England senden und zwar genau in die Zeit, in der die Katzen verehrt und angebetet wurden? Dort kann sie dann ein sehr schmackhafter Bissen für irgendein königliches Fellknäuel werden. So wird ihr eine grosse Ehre zuteil."
Scully rieb sich ihre Schläfen. Dann starrte sie zu ihrem Partner, der noch immer sein Gesicht von ihr abgewandt hatte. Mulder begann sich seinerseits allmählich zu fragen, warum er sich und seine Partnerin überhaupt hierher gezerrt hatte.
Trotzdem musste er über sich selber lächeln. Er hatte genau gewusst, wie die Reaktion seiner Partnerin ausfallen würde, wenn er ihr gegenüber Zeitreisen erwähnte. Seine Erwartungen waren absolut nicht enttäuscht worden. Er hatte schon lange wieder auf einen Tag gewartet, an dem er sie mit verrückten oder merkwürdigen Theorien necken konnte und sie diese mit der gewohnten Leichtigkeit zerpflückte und widerlegte. Sie hatten in der letzten Zeit viel zu viele Fälle, die nicht in ihren Bereich fielen, zu bearbeiten gehabt. Er wollte gerne einmal wieder einen Fall aus seinem Fachgebiet übernehmen und Scully damit die Gelegenheit geben, sich mit seinen seltsamen und teilweise auch bizarren Überlegungen auseinander zu setzen.
Ganz ausser Frage stand für ihn, dass er gerne noch etwas Zeit mit ihr verbringen wollte. Vielleicht ergab sich sogar die Möglichkeit, zusammen zu essen, wenn diese Vorstellung vorbei war. Es schien ihm fast, als wäre arbeiten das einzige, was sie derzeit taten. Es würde sehr nett sein, diesen Zustand ein wenig zu verändern und ein bisschen Zeit mit persönlichen Dingen zu verbringen.
Ein heller Lichtblitz riss ihn aus seiner Tagträumerei. Dicker dunkler Rauch stieg um die Maschine herum auf. Scully versuchte, nicht zu husten, während Dr. Suttner das kleine Fenster seines Labors öffnete und frische kühle Luft in den Raum strömte.
„Dieser kleine Zwischenfall tut mir sehr leid", sagte er schnell. „Es gibt noch ein paar winzige technische Fehlerchen, aber nichts, worüber man sich grosse Sorgen machen müsste. Ich versuche gerade, sie zu beheben und dies ist wirklich eine erhebliche Verbesserung. Letzte Woche sind noch ganz andere Dinge passiert ..."
„Und wo ist die Maus?", unterbrach Scully den Doktor.
„Oh ja, die Maus. Richtig. Nun, sie ist jetzt dort, wo ich gesagt habe, dass sie sein wird. Es hat alles funktioniert!", rief er stolz. „Sehen sie selber!"
Der Rauch hatte sich in der Zwischenzeit schon fast aufgelöst. Der Wissenschaftler öffnete die Türe der Maschine. Mulder und Scully sahen sich aufmerksam und gespannt in der Metallbox um. Doch es war keine Spur von der kleinen weissen Kreatur zu sehen.
„Wahrscheinlich hat der Rauch sie umgebracht?", murmelte Scully und räusperte sich, um ihren Hals von dem russigen Schwaden zu befreien.
„Dort drinnen befindet sich überhaupt nichts", stellte Mulder fest.
„Nun, dann wird sie durch irgendeinen kleinen Durchgang geschlüpft und entkommen sein", erwiderte Scully. „Ach, kommen sie Mulder. Denken sie ein bisschen nach. Verschwindende Lebewesen verbunden mit aufsteigendem Rauch spielen eine häufig sehr grosse Rolle in Vorstellungen von sogenannten Zauberern und Magiern."
„Sie glauben mir nicht?", wollte Dr. Suttner wissen.
„Nein, Sir. Es tut mir leid, aber das tue ich nicht", antwortete Scully in der Hoffnung, dass sie wieder gehen konnten.
„Nun, dann würde ich sagen, dass es nur einen einzigen Weg gibt, um ihnen zu zeigen, dass die Maschine wirklich das kann, was ich behaupte. Sie werden mir nur glauben, wenn sie diese Erfahrung selbst machen."
Scully und Mulder tauschten einen kurzen Blick aus. Dann fragte Mulder:
„Sie wollen, dass wir in dieses Ding gehen und uns in irgendeine andere Zeit schicken lassen?"
„Genau", entgegnete Doktor Suttner. „Nur dann werden sie sehen, dass alles der Wahrheit entspricht und mir Glauben schenken. Steigen sie hinein."
„Aber die Türe verschliesst die Maschine luftdicht", rief Scully aus. „Wir werden ersticken."
„Oh nein. Es dauert nicht lange, bis sie an ihrem Ziel angelangt sind. Während dieser Zeit kann nichts passieren, es wird ihnen gut gehen."
Mulder zuckte mit den Schultern und trat in den kleinen Raum.
„Kommen sie, Scully. Vielleicht können wir ein wenig Twister spielen."
Sie seufzte, als der Doktor sie aufforderte, ihrem Partner zu folgen.
„Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen. Gut, dann lassen sie uns gehen", meinte sie, während sie sich neben Mulder in den winzigen Raum quetschte.
„Wohin wollen sie?", fragte Dr. Suttner.
„Überall hin, wo wir nicht als Katzenfutter enden", murmelte Scully.
Mulder grinste.
„Irgendwohin, wo es einen Unterschied macht."
„Kein Problem. Ich werde nun die Türe verschliessen. Es wird jetzt ein wenig unangenehm werde, aber das sollte nicht allzu lange anhalten. Ich wünsche ihnen eine gute Reise!"
Die Tür schloss sich. Scully drehte sich zu ihrem Partner um.
„Ich hoffe, er denkt daran, uns hier heraus zu lassen, bevor die Luft für uns beide zu knapp wird und wir ersticken."
„Machen sie sich keine Sorgen, Scully. Ich habe ihn von Frohike und seinen Leuten überprüfen lassen. Er ist in Ordnung. Vielleicht ein bisschen exzentrisch, aber nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste."
„Warum lassen sie ihm dann seinen Willen?"
„Wer sagt denn, dass ich ihm seinen Willen lasse?"
„Mulder ..."
„Denken sie an die Maus, Scully."
„Ich kann nicht glauben, dass sie ..."
Ein ungewohnt kribbelndes und vibrierendes Gefühl, welches ganz plötzlich durch ihren Körper pulsierte, schnitt ihr das Wort ab. Ein helles Licht blendete die beiden Agenten und machten sie blind für ihre Umgebung. Dichter Rauch füllte die Kammer und sie begannen sich schwach und matt zu fühlen.
Scully griff nach Mulders Hand. Einander gaben sie dem anderen Halt und hielten den anderen fest. Gemeinsam kämpften sie darum, bei Bewusstsein zu bleiben und die Hoffnung, dass alles gut ausging, zu behalten.

*******

Endlich begann der dichte Rauch sich ein wenig aufzulösen. Das Atmen fiel beiden wieder leichter. Ihre Hände lösten sich voneinander. Der unangenehme Geruch des Rauches wurde immer mehr durch einen anderen ersetzt. Es war aber nicht der Geruch von altem Motoröl, welches sie in dem Labor von Dr. Suttner gerochen hatten, sondern ein vollkommen anderer, ein vollständig unerwarteter. Der Duft des Meeres stieg ihnen in die Nase. Eine leichte Brise kitzelte sie in ihren Gesichtern und spielte mit einzelnen Strähnen ihrer Haare.
Auf einmal begriffen sie, dass sie sich nicht mehr dort befanden, wo sie noch vor kurzem gewesen waren. Sie waren nicht länger in dem komischen Apparat, sondern sie befanden sich auf einer Art Deck.
Scully holte tief Luft und sah zu ihrem Partner. Mulder lächelte leicht, als er sich voller Interesse umsah. Er fuhr sich mit den Fingern durch die braunen Haare, um diese wieder ein wenig glatt zu streichen. Dann wandte er sich seiner Partnerin zu.
„Irgend etwas sagt mir, dass wir nicht mehr in Dr. Suttners Labor sind", stellte Mulder fest. „Ja, ich denke, wir sind nicht einmal mehr in Virginia. Ich bezweifle ebenfalls, dass wir uns noch in der Nähe der USA befinden."
„Sehr klug kombiniert, Mulder. Wo zur Hölle sind wir dann?"
„Auf einem Schiff?", wagte er zu äussern.
„Und welches war ihr erster Anhaltspunkt für diese Schlussfolgerung, Sherlock?", spottete sie. Dann seufzte sie tief und fasste ihn kurz am Arm. „Es tut mir leid, Mulder."
„Ist schon in Ordnung", beruhigte er sie. „Sie haben ja recht. Wir müssen wirklich herausfinden, wo wir hier gelandet sind."
„Ich schätze, dieser Dr. Suttner war doch nicht so vertrauenswürdig, wie sie dachten, dass er es wäre."
„Warum sagen sie das?"
„Nun, es ist doch offensichtlich, Mulder, dass er uns unter Drogen gesetzt und dann hierher gebracht hat", erklärte Scully.
„Wir waren die ganze Zeit bei Bewusstsein", entgegnete ihr Partner.
„Das wissen wir aber nicht sicher. Mal ganz abgesehen davon, wie würden sie dies sonst erklären?", konterte sie.
Das Lächeln, welches ihn wie einen aufgeregten kleinen Jungen erscheinen liess, überzog sein Gesicht. Seine grünen Augen funkelten begeistert. Als Scully seinen Blick sah, schien es ihr, als würde er vermuten oder zumindest ahnen, wo sie sich befanden.
Sie gingen das gepflegte und einsame Deck eines offensichtlich riesigen Schiffes entlang. Als sie aber in die Nähe des vorderen Bereiches des Schiffes kamen, befanden sie sich in der Reichweite des Docks. Nun konnten sie Hunderte Menschen erkennen, die an der Reling standen und voller Begeisterung ihren Lieben im Hafen zuwinkten.
„Sehen sie sich doch diese Kleider an, Scully", brach Mulder das Schweigen zwischen den beiden Agenten.
Aufmerksam betrachtete Scully die Bekleidung der vielen Männer, Frauen und Kinder an Bord. Augenblicklich fühlte sie sich, als befände sie sich in einem Film der zwanziger Jahre. Verblüfft schüttelte sie leicht den Kopf.
Ihr Partner lehnte sich zu ihr hinüber und sprach direkt in ihr Ohr:
„Ich schätze, wir hätten den guten Doktor fragen sollen, wie wir wieder in die Gegenwart zurückkehren können."
Sie sah ihn ungeduldig an.
„Das ist ein Schauspiel", sagte sie, doch ihrer Stimme fehlte es an Überzeugung. Sie fuhr damit fort, diese Szenerie rational zu erklären, sei es auch nur, um sich selber zu beruhigen. „Mulder, das ist nicht möglich. Es ist nicht möglich, dass wir uns in der Vergangenheit befinden. Dies muss ein sorgfältig geplanter und gut ausgeführter Scherz sein, der uns in Verruf bringen soll. Vielleicht macht dieser Doktor sogar gemeinsame Sache mit dem Konsortium."
„Das glaube ich nicht", widersprach Mulder bestimmt.
„Und warum nicht?"
„Scully, wir befinden uns definitiv nicht mehr in der Gegenwart, sondern wirklich in der Vergangenheit. Wir sind nicht mehr in dem Jahr, in welchem wir normalerweise leben. Wir befinden uns nicht mehr im Jahre 1998! Das ist ganz sicher!"
„Welches Jahr haben wir dann?"
Mulder sah sich um. Dann überzog ein Ausdruck von Ehrfurcht seine Gesichtszüge.
„Oh, mein Gott!", rief er aus.
„Was?"
„Ich habe nie erwartet, dass es so aussieht. Es ist so gross."
„Was?", wiederholte sie ihre Frage ungeduldig. „Wovon sprechen sie eigentlich? Mulder, sagen sie mir endlich, wo wir uns hier befinden! Mulder!"
Da sie von ihrem Partner keine Antwort erhielt, folgte sie seinem Blick, der noch immer in eine bestimmte Richtung starrte. Ein grosses Zeichen auf dem Schiff verzierte die Reling in der Nähe des vorderen Bereiches.
„Nein", stiess sie hervor. „Nein, das kann nicht wahr sein!"
„Es ist wahr, Scully. Es ist wirklich wahr! Kommen sie mit!"
Er packte sie an der Hand und zog sie näher an das Zeichen. Dabei kamen sie an einigen sehr gut angezogenen Gentlemen vorbei, die sie mit einem herablassenden Blick anstarrten. Den Agenten wurde klar, dass ihre Kleidung sehr seltsam auf die Menschen auf diesem Schiff wirken musste. Dann hörten sie einen der Männer irgend etwas von Passagieren der dritten Klasse, die nicht wissen, wo sie hingehören, murmeln.
„Er sieht aus, als wäre er aus einem Geschichtsbuch", bemerkte Scully. „Und ebenso handelt und spricht er auch."
„Das liegt daran, dass er es ist."
„Aber warum hier?"
„Erinnern sie an daran, was ich Dr. Suttner geantwortet habe, als er uns gefragt hat, wohin wir sollen?", fragte Mulder.
Scully schüttelte den Kopf.
„Ich habe ihm gesagt", fuhr er ruhig fort, „er soll uns irgendwohin schicken, wo es einen Unterschied macht."
„Um die Geschichte zu verändern."
„Genau. Wir müssen sie unbedingt vor dem Eisberg warnen."
„Und wenn ich mich nicht irre, gehen sie nach oben zum Kapitän. Dort sagen sie ihm, dass wir Besucher aus der Zukunft sind und dass er dringend seinen Kurs ändern muss, weil er sonst einen Eisberg rammt?", vermutete Scully.
„Ja, so irgendwie habe ihr mir das vorgestellt. Wenn wir etwas tun können, um all diese unschuldigen Menschen zu retten, ist das nicht einen Versuch wert, Scully?"
„Ich bin mir sicher, er wird ihnen diese Geschichte gleich glauben", meinte sie sarkastisch.
„Nun sehen sie doch nicht alles so negativ, Scully. Wir haben hier die Möglichkeit, etwas zu verändern."
„So schreiben sie die Geschichte, die Vergangenheit, um, Mulder."
„In eine bessere", sprach er, als sie an der Stelle, an der sich schimmernde neue Zeichen befand. Er beugte sich an ein wenig über die Reling. Sein rechter Zeigefinger deutete auf die grossen, dicken Buchstaben des Schiffnamens: TITANIC.

*******

12. April 1912
Irgendwo auf dem Atlantischen Ozean

Sie waren einige Zeit gemeinsam auf dem Schiff umher gewandert. Überall waren ihnen ausgesprochen wissbegierige, aber auch seltsame Blicke zugeworfen worden. Dazu kam noch, dass Mulder sehr begierig darauf war, etwas zu tun. Ausserdem wollte er seinen Verstand mit irgend etwas beschäftigen, um sich selbst von den beunruhigenden Gedanken abzulenken, wie sie ihren Weg zurück nach Hause finden konnten.
„So Scully, was nun?", fragte er, als sie nun ganz vorne am Bug standen.
„Woher soll ausgerechnet ich das wissen, Mulder?!", fuhr sie ihren Partner frustriert an. „Dass wir hier gelandet sind, ist ihr Fehler, nicht meiner. Sie müssen herausfinden, was wir tun müssen, um wieder zurück nach Hause zu kommen. Sie müssen einen Weg, eine Lösung finden."
Sie starrte einen alten Mann in ihrer Nähe wütend an, der daraufhin schnell erschrocken wegsah. Dann murmelte sie vor sich hin:
„Ich kann es noch immer nicht glauben. Das ist die verdammt schlimmste Sache, in die sie uns jemals hineingezogen haben. Und wenn wir hier irgendwann lebend herauskommen, Mulder, dann schwöre ich ihnen ..."
„Beruhigen sie sich, Scully", unterbrach er sie mit einer Zuversicht, die er selbst nicht fühlte. „Wir fahren mit dem schönsten und exklusivsten Schiff der Welt ..."
„Welches vor mehr als achtzig Jahren gesunken ist, nachdem es einen Eisberg gerammt hat! Mulder, seien sie doch vernünftig und denken sie nach. Bitte!", bat sie in einem etwas leiseren und ruhigeren Tonfall. Sie versuchte ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen und zu ihrer normalen ruhigen Gemütsverfassung zurückzukehren. „Könnten wir nicht ..."
Mulder sah mit seinen freudig erregt funkelnden Augen in die ihrigen. Dann trat er hinter sie und sagte:
„Halten sie den Mund, Scully."
„Mulder, was machen sie da? Was haben sie vor?"
Er schlang seine Arme um ihren Körper. Sie begann zu frieren. Plötzlich war sie nicht mehr in der Lage, zu schreien oder auch nur irgend etwas zu ihm zu sagen. Es hatte ihr vollkommen die Stimme verschlagen. Dann hob Mulder sie vorsichtig hoch und setzte ihre Füsse auf der Schiffsgeländer ab. Ein wundervoller Blick über den unendlich weiten, dunkelblauen Ozean lag vor ihr.
Dann fuhr er mit seinen Händen über ihre Arme. Bei ihren Händen angekommen, nahm er diese und streckte ihre Arme weit aus. Scully verstand nicht, was über ihren Partner gekommen war. Sie konnte keinen Grund für diese vollkommen unerwartete Aktion finden und das beunruhigte sie. Und dennoch, all den aufwühlenden Gedanken zum Trotz, gefiel es ihr sehr.
Mulder lehnte sein Gesicht neben das seiner Partnerin. Aus dem Augenwinkel konnte sie sein Lächeln und seine strahlenden und funkelnden grünen Augen sehen. Er wirkte wie ein kleiner Junge, der sich nach langen Überlegungen endlich traute, etwas verbotenes zu tun. Sein Atem kitzelte sie im Nacken, als er in ihr Ohr flüsterte:
„Wir fliegen, Scully."

*******

Am Nachmittag hatte Mulder sich entschieden, zum Kapitän zu gehen und mit ihm zu reden. Er hatte Scully gebeten, mitzugehen, doch seine Partnerin wollte lieber alleine sein. Sie wollte dieser unvermeidlichen Peinlichkeit aus dem Wege gehen. So hatte sie sich für einen Spaziergang entschieden, um ihre Gedanken zu ordnen.
„Verdammt", dachte sie sich. „Wie bin ich nur hierher gekommen? Wie konnte das nur passieren? Oh ja, richtig, das habe ich total vergessen. Ich bin Mulder in diese sonderbare Maschine gefolgt und auf der Titanic gelandet. Und nun werde ich zusammen mit einem Schiff untergehen, dass schon lange bevor ich geboren wurde, gesunken ist!"
Sie war so tief in ihren Gedanken versunken, dass sie die sonderbaren Blicke der anderen Passagiere nicht länger wahrnahm. Sie war mit Sicherheit ein Anomalie in dieser Zeitperiode und dessen war sie sich auch bewusst. Die meisten der Menschen, die in der ersten Klasse reisten, betrachteten sie als einen Passagier der dritten Klasse, der sich am falschen Platz des Schiffes befand. Einige sahen sie an und dachten, sie wäre verrückt. Doch als Rose DeWitt Bukater sie sah, hatte die junge Frau nur bewundernde Gedanken für die FBI-Agentin.
Dann wurde Scully jäh aus ihren Gedanken gerissen. Zwei Arme schlangen sich um ihre Taille und hoben sie in die Luft.
„Raten sie, wer es ist?", rief eine ihr sehr bekannte Stimme, deren Tonfall die offensichtliche Freude an solchen Spielchen verriet.
„Mulder! Setzen sie mich ab! Und zwar sofort!", verlangte sie und versuchte, durch einen ärgerlichen Klang in ihrer Stimme ihre Überraschung zu überspielen.
Mulder seufzte ein wenig.
„Gut. Sie verstehen aber auch gar keinen Spass", sagte er, um einen unbekümmerten Tonfall bemüht. „Wo haben sie nur ihren Humor verloren? Da bin ich wieder und dann ..."
„Waren sie beim Kapitän?", unterbrach sie gespannt. „Konnten sie mit ihm reden? Was hat er gesagt, als sie mit ihm gesprochen haben?"
„Ich habe ihm gesagt, dass er mir aufmerksam zuhören soll. Und dass sich das, was ich zu sagen habe, sehr merkwürdig und sonderbar anhört, aber ..."
„Hat er ihnen zugehört?"
Er schüttelte energisch den Kopf.
„Nein."
„Nein?", wiederholte Scully aufgebracht. „Mulder, dieses Schiff wird in wenigen Tagen sinken. Wenn wir mit ihm zusammen untergehen, dann werden wir sterben. Haben sie sich das schon einmal überlegt? Nein, ich glaube, so weit sind ihre Gedanken noch nicht gegangen. Und wissen sie, was das Schlimmste an der ganzen Sache ist? Dies ist mit Abstand der lächerlichste Platz, um in der Zeit zurückzureisen. Warum konnten wir nicht sonst irgendwo in der Vergangenheit landen? Vielleicht in Hawaii oder ..."
„Scully, das spielt keine Rolle. Wir sind hier, um etwas zu verändern ..."
„Mulder, ihr Ansinnen ist ja sehr ehrenvoll, aber es will uns niemand zuhören!", seufzte sie frustriert und entschied sich, dass sie mehr Zeit für sich brauchte. „Ich werde sie jetzt verlassen. Ich werde mir einen Ort suchen, an dem ich mich wieder beruhigen kann. Bitte folgen sie mir nicht. Ich werde sie später wiedersehen."
Scully verschwand, ohne ihrem Partner einen letzten Blick zuzuwerfen. Mulder blieb vollkommen verwirrt und bestürzt zurück. Verstört sah er hinter ihr her, bis er sie nicht mehr sehen konnte.

*******

Mulder ging ziellos umher, um ein Gefühl für seine Umgebung zu bekommen. Er wusste es zu schätzen, ohne Probleme in der Lage zu sein, mit einem Schiff zu fahren und zur Abwechslung einmal nicht seekrank zu werden. So gefiel es ihm unwahrscheinlich gut, herum zu wandern und die verschiedenen Menschen zu beobachten.
Er kam an einem blonden, jungen Mann vorbei, der auf das weite Meer hinausstarrte. In seiner Hand hielt er einen Block mit einer grossartigen Zeichnung. Mulder setzte sich neben ihn.
„Das ist eine wunderschöne Skizze", begann der Agent das Gespräch.
Der junge Mann wandte seinen Kopf und sah Mulder an.
„Hey, vielen Dank. Nicht jeder denkt so, wenn er meine Zeichnungen sieht."
Mulder zuckte mit den Schultern.
„Kunst ist etwas, das jeder anders definiert. Oh, mein Name ist Fox Mulder."
Er streckte seine Hand aus. Der junge Mann ergriff und schüttelte sie. Dann starrte er wieder hinaus auf das Meer.
„Jack Dawson", sagte er nach einer kurzen Pause.
Plötzlich sah Jack nach oben. Es schien fast so, als wäre er von irgend etwas magnetisch angezogen worden. Der Agent folgte dem Blick des anderen und sah eine junge rothaarige Schönheit, die zu ihnen nach unten starrte. Jetzt war Mulder klar, was für Jack so interessant war.
„Nun, ich denke, wir haben im Bezug auf Frauen den gleichen Geschmack", dachte Mulder sarkastisch. „Wow! Wo zum Teufel kommt diese wunderschöne Frau her?"
Jack riss ihn aus seinen Gedanken.
„Fox, wo kommen sie her?"
Der Agent spürte das Verlangen, diesem Jungen nichts von sich zu erzählen. Doch er bekämpfte diesen Drang und antwortete:
„Aus Washington, D.C.. Und was ist mit ihnen?"
Jack lächelte.
„Nun, ich lebe dort, wo auch immer sich die Gelegenheit ergibt."
Mulder warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Er dachte, dass es besser wäre, Scully zu suchen. Wenn er das Verhalten der Männer auf diesem Schiff in Betracht zog, woher konnte er wissen, dass sie sich nicht in Schwierigkeiten befand.
„Jack, es war nett, sie kennen zu lernen. Wir sehen uns."
„Ja, Fox, hat mich ebenfalls gefreut, sie zu treffen."
Der Agent verliess den jungen Künstler. Dabei dachte er immer wieder an die rothaarige Frau, mit der er zusammen arbeitete. Bei diesen Gedanken wurde der Ausdruck seiner grünen Augen warm und liebevoll.

*******

„Entschuldigen sie bitte, Miss?"
Scully betrachtete erstaunt die hübsche, rothaarige junge Frau, die auf sie zukam.
„Ja?"
„Es tut mir leid, aber ich habe zufällig ihr Gespräch mit ihrem Ehemann gehört."
Die Agentin errötet verlegen.
„Er ist nicht mein Ehemann", korrigierte sie fast ein wenig zu schnell. „Und was genau konnten sie von unserer Unterhaltung hören?"
Das Mädchen lächelte ihr beruhigend zu.
„Ich habe nicht mitbekommen, worüber sie sich unterhielten. Ich habe nur gehört, dass sie beiden sich angeschrieen haben. So sprechen Cal und ich auch die meiste Zeit miteinander. Wenn es ihnen nicht ausmacht, würde ich gerne wissen, wer er ist? Ihr Verlobter?"
Scully musste bei dem Gedanken, dass Mulder ihr Verlobter oder sogar ihr Ehemann sein sollte, lachen. Doch dann wurde sie wieder ernst.
„Nein, er ist nicht mein Verlobter. Er ist nur ein sehr guter Freund von mir."
„Ich bin wirklich unhöflich", entschuldigte sich die hübsche junge Frau. „Ich bin Rose. Rose DeWitt Bukater."
Die Agentin lächelte ihr zu.
„Mein Name ist Scu... Dana. Dana Scully."
"Nun, Dana. Ich muss wissen, und bitte, kann ich fragen, wenn... Nun, ich möchte wirklich nicht unhöflich sein, aber wenn es sie nicht stört, dürfte ich sie fragen ..."
„Rose, fragen sie mich einfach, was sie wissen wollten. Was auch immer es ist, sie müssen mich nicht vorher um Erlaubnis bitten, diese Frage stellen zu dürfen. Das ist lächerlich."
Scully wurde es immer klarer, dass sie sich in einer vollkommen anderen Gesellschaft befand, als sie es normalerweise gewöhnt war. Doch einige Dinge, gerade wie diese minderwertige Behandlung von Frauen, waren schwer zu akzeptieren. Andererseits würde keiner jemals vermuten, dass ihre Überzeugungen in der Ära der „Befreiung der Frauen" gebildet wurden. Sie war dagegen, dass auch nur eine Frau wie eine Person zweiter Klasse behandelt wurde. Und sie war nicht bereit, ihre Meinungen zu der Stellung der Frauen in der Gesellschaft zu verheimlichen, egal, in welcher Geschichtsepoche sie sich auch befand.
Rose dachte über Scullys Erklärung einen Moment nach. Dann ging sie langsam zu Reling und starrte nach unten auf die vielen Menschen an Bord. Ein gutaussehender junger Mann erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie lächelte ihn an während sie ihn unbemerkt beobachtete.
„Warum sind sie so merkwürdig gekleidet? Ich meine, das ist kaum angemessen ..."
Scully schnaubte verächtlich.
„Nicht angemessen? Nun, dies ist die Kleidung, die ich jeden Tag trage."
Rose verschlug es fast den Atem.
„Hosen und ein Männerjackett? Sicherlich wird ihre Mutter damit ..."
„Rose, meine Mutter kontrollierte mich nicht. Ich entscheide selber, was ich jeden Tag anziehe."
Scully musste lächeln. Der Gedanke, dass ihre Mutter ihr noch immer die Kleider herauslegte, wie sie es getan hatte, als sie im Kindergarten war, erschien ihr zu amüsant.
Es dauerte eine Minute um zu begreifen, dass Rose einige Jahre jünger war, als Scully angenommen hatte. Die junge Frau war wahrscheinlich Anfang zwanzig, ganz abgesehen davon, dass sie offensichtlich zur 1. Klasse gehört.
Die Agentin lächelte leicht in sich hinein. Sie konnte sich vorstellen, dass sie bei ihrem reifen Alter von vierunddreissig wahrscheinlich als eine alte Frau betrachtet wurde. Scully bemerkte schliesslich, dass Rose einen jungen blonden Mann anstarrte.
„Ist das Cal?", fragte Scully.
„Ich wünschte, er wäre es", murmelte die junge Frau unhörbar und ganz langsam erröteten ihre blassen Wangen. Dann sagte sie in normaler Lautstärke:
„Nein. Ich kenne ihn nicht, aber er ist …"
Rose gab sich geistig einige Ohrfeigen. Sie war eine verlobte junge Frau, die in ihren zukünftigen Ehemann verliebt war! Und ausgerechnet dieser war der grösste Schuft, den sie jemals in ihrem ganzen bisherigen Leben getroffen hatte. Und da sie sich nicht zu helfen wusste, starrte sie diesen reizenden Passagier der dritten Klasse an.
„Kann ich sie etwas fragen?", unterbrach Rose ihre eigenen Gedanken.
„Sicher. Was ist es denn?", entgegnete Scully und entschied sich, die Etikette nicht noch einmal zu korrigieren.
„Waren sie schon einmal verliebt?"
Scully schluckte hart.
„Hm", überlegte sie. „Wirklich verliebt könnte man das nicht gerade bezeichnen. Ich liebe die Menschen, aber ich war noch niemals verliebt."
Doch dann dachte sie an einen bestimmten Mann. Jener Mann, durch den sie in dieser verdammten Klemme gelandet war. Sie mochte ihn sehr gerne. Und so sehr sie es sich selbst gegenüber leugnete, sie war sicherlich auch ein bisschen in ihn verliebt. Sie war sich nur nicht sicher, wie sehr. Und wenn er dasselbe fühlte ...
„Ja", gab sie zu. „Warum?"
„Wie fühlte es sich an, wenn man verliebt ist?", wollte Rose wissen.
„Von all den verschiedenen Fragen auf dieser ganzen Welt stellt sie mir ausgerechnet die schwierigste", dachte sich Scully. „Sie sagt, sie ist verlobt, aber sie scheint ihren zukünftigen Ehemann nicht sehr zu schätzen und auch über diese Verlobung nicht glücklich zu sein. Ich vermute, dass dies etwas ist, dass sie ihre Mutter kaum fragen kann."
„Das ist für jeden unterschiedlich", wich sie schliesslich der direkten Frage des Mädchens aus.
„Aber ich meine für sie, Dana. Nicht für die anderen, sondern für sie persönlich."
Scully erkannte, dass Rose keine allgemein gültigen Antworten haben wollte. So überlegte sie kurz und entgegnete:
„Rose, wenn sie in jemanden verliebt sind, ist das oftmals sehr kompliziert. Nichts ist leicht und je mehr Zeit sie mit dem Mann verbringen, desto mehr hoffen sie, dass sie immer mehr das Gute in ihm sehen und den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen wollen."
Die Agentin überlegte sich, wo sie die eben gesprochenen Worte gehört hatte. Sie entschied sich für das Fernsehen und so musste sie sich keine Sorgen machen, dass Rose wusste, woher sie stammten.
„Wirklich?", fragte sie und musste auf Scullys Nicken lächeln. „Dann bin ich nicht in Cal verliebt."
Scullys Gesicht spiegelte sowohl Überraschung als auch Bestürzung wider.
„Bitte!", flehte Rose, „bitte sagen sie niemandem etwas davon. Ganz besonders nicht meiner Mutter. Und auch nicht Cal!"
„Aber warum heiraten sie ihn denn? Sie könnten viel glücklicher sein, wenn sie das tun, was sie selber wollen. Sich auf die Karriere konzentrieren oder ..."
Sie brach den Satz bestürzt ab, als sie sah, wie blass die junge Frau wurde, als sie diese Worte hörte. Dann erinnerte sich die Agentin wieder daran, dass sie sich im Jahre 1912 befand. Zu dieser Zeit blieben die Frauen zu Hause, kümmerten sich um den Haushalt, und zogen die Kinder gross. Dieses arme Mädchen hatte wahrscheinlich noch keinen einzigen Tag in ihrem Leben gearbeitet. Als ihr das klar wurde, versuchte die Agentin es auf eine andere Art und Weise.
„Oder, Rose, jemanden zu heiraten, den sie lieben ..."
Rose entgegnete nichts, sondern blieb ruhig. Ebenso wie Scully.
Die Stille wurde von einer der Agentin nur allzu bekannten Stimme unterbrochen.
„Hey Scully! Scully, kommen sie zu mir!"
Mulder schrie sehr laut. Dabei zog er sich die Aufmerksamkeit einiger anderer Passagiere zu, während er in der Nähe der Reling stand.
Rose grinste ein wenig schadenfroh.
„Sprachen wir nicht gerade von denen, die wir lieben?"
Scully drehte sich schnell um. Sie wollte sehen, ob Mulder die Worte von Rose gehört hatte.
„Rose!", warnte sie, konnte aber ein verlegenes Lächeln nicht verbergen.
„Was?", fragte Rose unschuldig.
„Bitte, seien sie still!", verlangte die Agentin, als sie bemerkte, dass Mulder das Warten zu lange dauerte und er auf sie zujoggte. „Er muss nicht alles wissen."
Er lächelte die beiden Frauen an und meinte dann mit Sarkasmus:
„Vielen Dank, dass sie zu mir gekommen sind."
„Seien sie ruhig, Mulder. Das ist Rose."
„Rose, es freut mich, sie zu treffen. Ich bin Fox", sagte er galant, griff nach der Hand des Mädchens und küsste sie leicht.
Fassungslos starrte Scully ihren Partner an. Es war eine grosse Überwindung für sie, nichts zu den ausgesprochen zuvorkommenden Worten zu sagen.
„Hi Fox", antwortete Rose sehr verwundert über seinen ungewöhnlichen Namen. Dann fragte sie sich, was ihre Mutter von ihr denken würde, dass sie mit einem vollkommen Fremden so freundschaftlich und formlos sprach.
„Manchmal reicht es, einen Mann auf ein Schiff zu bringen und augenblicklich ist er höflich, liebenswürdig und verbindlich", flüsterte Scully ihrem Partner zu.
„Seien sie still, Scully", wisperte er und wandte sich wieder Rose zu.
„Sagen sie Rose", begann er. „Scully ist doch eine klasse Frau, finden sie nicht auch?"
Seine Partner boxte ihn hart, vielleicht sogar fast ein wenig zu fest, in den Rücken. Er schrie vor Schmerz auf.
„Oh Mulder, ich denke, da werden sie wohl einen blauen Fleck bekommen", sagte sie mitleidslos und konnte sich ein leichtes Grinsen über den schmerzhaften Ausdruck auf seinem Gesicht nicht verkneifen. „Aber keine Sorge, sie werden es bestimmt überleben."
Mulder blieb ruhig, doch der Ausdruck seiner grünen Augen sagte mehr, als man mit Worten jemals ausdrücken könnte.
Die junge Frau betrachtete die beiden Agenten amüsiert und fragte dann:
„Dana und Fox, wären sie so freundlich und würden mir und meiner Familie die Ehre erweisen und in den nächsten Tagen mit uns gemeinsam zu Abend essen? Ich bin mir sicher, dass sie beide das Mahl sehr viel aufregender und interessanter machen werden."
Scully musste trotz des ärgerlichen Verhaltens ihres Partners lachen. Mulder lächelte zwar, aber sein Lächeln wirkte sehr gequält und sah mehr aus wie eine Grimasse. Scully antwortete schnell für ihn, da er aufgrund der Schmerzen und der inneren Aufregung noch nicht in der Lage dazu war:
„Sicher. Wir werden da sein."
Mulders Lächeln war noch immer ein wenig von Schmerz geprägt. Seine grünen Augen spiegelten den inneren Schmerz, den er fühlte, wider. Er entschied sich, mit Scully später ein ernsthaftes Wort wegen des äusserst heftigen Schlages zu sprechen. Er verabschiedete sich und schlenderte weg, um nach einigen weniger schmerzhaften Abenteuern Ausschau zu halten.
Verblüfft starrte seine Partnerin ihm nach. Diese ausgesprochen ungewöhnliche Reaktion gab ihr ein wenig zu denken. Ein kurzer Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Hatte sie ihn gerade nicht nur körperlich, sondern auch seelisch verletzt?
„Rose, es war mir eine grosse Freude, sie zu treffen. Ich bin mir sicher, wir beiden werden uns wiedersehen", sagte Scully.
„Dana, warum kommen sie mit und essen mit mir zusammen zu Mittag? Sie können meine Mutter und Cal kennen lernen", entgegnete Rose.
„Sicher Rose. Gerne", antwortete sie, dachte bei sich aber genau das Gegenteil.

*******

Scully sass da und liess das Gespräch am Tisch an sich vorbeigehen, ohne richtig zuzuhören, worüber die anderen sprachen. Sie war noch immer von der Erfahrung, auf diesem grossen, einmaligen Schiff zu sein, überwältigt. Sie wusste, dass sie niemandem von dem erzählen konnte, was bald geschehen würde.
Sie fragte sich, wo Mulder war. Er sollte auch irgendwo hier sein, immerhin war es seine Schuld, dass sie sich an Bord der Titanic befanden. Doch nachdem er sich von Rose und ihr verabschiedet hatte, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie würde gerne wissen, wo er sich befand und warum sie dieses essen alleine über sich ergehen lassen musste.
So sass sie nun hier mit Rose und ihrer Begleitung und musste so tun, als würde sie zuhören, wie die anderen sich über nichts unterhielten. Ein Blick auf Rose zeigte ihr, dass die junge Frau genauso gelangweilt aussah, wie sie sich fühlte.
Rose steckte sich eine Zigarette auf einen Halter. Diesen umschloss sie danach mit ihren Lippen und war dann im Begriff, die Zigarette anzuzünden.
„Du weißt, ich mag das nicht Rose", tadelte Mrs. DeWitt Bukater leise.
Scully hatte bemerkte, wie angemessen Rose sich die meiste Zeit zu verhalten schien. Doch sie erkannte, dass sich in dem Mädchen ein wilder Geist befand, der unbedingt befreit werden musste. Es war nicht das Richtige für sie, Cal zu heiraten und Rose wusste das. Sie brauchte jemanden, der ihr half, der ihr die Grenzen zeigte. Das sollte ihre Mutter sein. Doch Mrs. DeWitt Bukater schien ihrer Tochter gegenüber so kalt und distanziert zu sein, dass es für Scully fast ein Wunder zu sein schien, dass Rose so freundlich war.
Rose zündete ihre Zigarette dennoch an. Damit widersetzte sie sich ihrer Mutter wie ein normaler Teenager es sollte. Dann warf sie ihrer Mutter einen herausfordernden Blick zu und blies ihr ein wenig Rauch in das Gesicht.
Obwohl die Agentin gegen das Rauchen war, sah sie in der Handlung den Mädchens einen Akt der Rebellion und nicht mehr. Wissend lächelte sie und erinnerte sich an eine Zeit, in der sie sich ebenfalls gegen ihre Eltern aufgelehnt hatte. Eine Sache war die Entscheidung gewesen, zum FBI zu gehen.
„Sie weiss es", stellte Cal fest, nahm die Zigarette aus dem Halter und drückte sie in einem Aschenbecher aus.
Rose durchbohrte ihren Verlobten mit bösen und ärgerlichen Blicken, doch sie erwiderte nichts.
„Dana, wo kommen sie her?", fragte Mrs. DeWitt Bukater mit einer hochmütig klingenden Stimme.
„Im Moment lebe ich in der Nähe von Washington."
Roses Mutter seufzte erleichtert. Der Vater dieser ihr unbekannten Frau war wahrscheinlich einer der wichtigsten Männer dieses Staates.
„Aber ich wohne nur wegen der Arbeit dort ...", erzählte Scully weiter, doch kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, da wusste sie, dass es genau die falschen gewesen waren.
Mrs. DeWitt Bukaters Augen wurden kalt und hart.
„Arbeit? Sie arbeiten? Und was machen sie, wenn ich fragen darf?"
Verzweifelt suchte Scully nach den richtigen Worten. Sie konnte diesen Menschen kaum sagen, dass sie als Agentin für das FBI arbeitete.
„Uh ... Ich ... Uh …", stotterte sie.
„Was hätten sie denn gerne zum Essen, Miss?"
„Der Kellner hat mich gerettet", dachte Scully erleichtert.
Cals Stimme ertönte mit einer Dominanz, welche die Agentin wirklich zu ärgern begann.
„Wir nehmen beide das Lamm. Englisch. Englisch, mit ein wenig Minzsauce", sagte er und wandte sich dann an seine Verlobte. „Du magst doch Lamm, Zuckerpüppchen.
„Und werden sie ihr das Fleisch auch klein schneiden, Cal?", stellte Molly Brown laut fest und lachte hämisch.
Die Agentin musste bei dem ausgesprochen passenden Kommentar lächeln. Sie versuchte zu glauben, dass sie wirklich neben der „Unsinkbaren Molly Brown" sass. Aber damit hatte sie sehr grosse Schwierigkeiten. Es war einfach zu surreal.
Cal lächelte Mrs. Brown mit einer leicht verzerrten Grimasse an. Scully hätte genau sagen können, was er wirklich dachte. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
Die Agentin bemerkte, dass die Männer am Tisch über irgend etwas diskutierten. Sie überlegte, ob sie zuhören sollte. Doch dann wurde ihr klar, dass sie sich für dieses Gespräch nicht interessierte. Das Ende der Unterhaltung bekam sie aber dennoch mit.
„... Ich wollte damit die reine Grösse zum Ausdruck bringen. Und Grösse bedeutet Stabilität, Luxus und vor allem Stärke", faselte der Mann namens Ismay.
„Haben sie schon einmal von Doktor Freud gehört, Mr. Ismay? Was er über die männliche Besessenheit, was Grösse anbelangt, bemerkte, dürfte sie interessieren", mischte sich Rose in die Unterhaltung ein.
„Was ist denn nur in dich gefahren?", fragte ihr Mutter entsetzt.
„Entschuldigen sie mich bitte", bat Rose mit Feuer in den Augen. Dann erhob sie sich und stürmte nach draussen, sechs verwirrte Menschen zurücklassend.
„Ich muss mich entschuldigen", sagte Ruth ruhig, obwohl sie sich grosse Sorgen darüber machte, was die anderen Passagiere von ihrer Familie dachten.
„Sie ist eine Waffe, Cal! Ich hoffe, sie können mit ihr umgehen", bemerkte Molly.
„Nun, ich sollte von jetzt an wohl besser die Abendlektüre meiner Verlobten überprüfen, nicht wahr?", entgegnete Cal ein wenig verstimmt über das schnelle Verschwinden seiner Verlobten.
Scully wurde blass vor Entsetzen. Übelkeit stieg in ihr auf. Lebten alle diese Menschen so? Mussten sie alle so leben? In diesem Fall war sie unsagbar glücklich, dass sie gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts lebte. Falls sie dort noch existierte.
„Entschuldigen sie mich bitte, Mrs. DeWitt Bukater, Mrs. Brown, Mr. Ismay", bat die Agentin. „Ich denke, ich sollte nach Rose sehen. Und ausserdem fühlte ich mich plötzlich sehr schlecht."

*******

Die Nacht senkte sich schnell über der Titanic. Majestätisch glitt dass Schiff durch das eisige Wasser des Atlantiks. Die Passagiere aus den gehobenen sozialen Schichten hatten einen langen Abend hinter sich. Sie hatten fünf Gänge Menüs, Musik und einen formellen Tanzabend genossen, um ihre erste Nacht an Bord zu feiern.
Man konnte sich darüber streiten, ob diejenigen ohne einen edlen Stammbaum nicht mehr Spass und Freude gehabt hatten. Sie lachten, erzählten sich unanständige Witze, tranken Bier, spielten Poker und hörten laute Musik. Augelassen erfreuten sie sich an ihrem Leben und an der Fahrt über den Atlantik.
Während Rose sich bei der ersten Gruppe befand und Jack ein Angehöriger der letztgenannten war, fühlten sich Mulder und Scully schmerzlich fehl am Platz. Nachdem sie eine schnelle Mahlzeit in einem der Essenräume der unteren Klassen zu sich genommen hatte, stellte sich ihnen die Frage, wo sie die Nacht verbringen konnten. Ein Besuch beim Kapitän mit der Begründung, sie hätten ihr Gepäck und ihre Tickets verloren, hatte der Mannschaft einen weiteren Grund, sie verdächtig zu finden, gegeben. Kapitän Smith hatte sie informiert, dass es keine freie Kabine mehr gab und sie sich damit abfinden müssten.
Mit zusammen gebissenen Lippen hatte Scully den Raum des Kapitäns verlassen. Mulder folgte ihr dicht auf die Fersen. Sie trat hinaus in die frische Meeresluft. Dort fand sie ein wenig Trost in der Erinnerung an ihren Vater, welche durch diese Szene inspiriert wurde. Sie zitterte leicht, während sie zu dem dunklen, klaren Himmel aufsah.
„Ist ihnen kalt?", fragte Mulder freundlich, während er neben ihr stand.
Sie beäugte ihn misstrauisch, als schien sie Zweifel an der Ehrlichkeit seiner Frage zu haben. Doch dann überwand sie ihr Misstrauen und wandte sich ihm zu.
„Ja, ein wenig", antwortete sie und sah wieder zurück auf den Ozean.
Mulder zog sein Jackett aus. Dieses legte er ihr mit einem leichten Grinsen über ihre Schultern. Mit einem kurzen Kopfnicken akzeptierte sie seine freundliche Geste. Dennoch konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, etwas dazu zu sagen:
„Immer ein Gentleman. Richtig, Mulder?"
Sein Grinsen wurde breiter.
„Ich habe doch nur einen Spass mit ihnen gemacht", sagte er mit einer Anspielung auf ihre Begegnung mit Rose.
„Ich weiss", lächelte sie zurück.
Der intensive Blickkontakt zwischen den beiden blieb so lange bestehen, bis Scully schliesslich ihre Augen abwandte. Trotz der Kälte der Nacht war ihr plötzlich sehr warm geworden.
„Diese Nacht ist wirklich schön", wechselte sie elegant das Thema. „Wirklich wunderbar. Und wie durch Zauberei sind sie nicht seekrank."
Mulder warf ihr einen warnenden Blick zu, der seine Partnerin an den ihrigen erinnerte. Sie versuchte, das Lachen zu verkneifen. Dann begannen sie wortlos auf dem mondüberfluteten Deck umher zu gehen, bis sie den hintersten Teil des Schiffes erreichten. Dort blieb Scully plötzlich stehen.
„Hey, Scully? Was ist los?", fragte Mulder verwundert und ein wenig besorgt. „Warum bleiben sie denn stehen?"
„Dort hinten ist Rose", antwortete sie erschüttert. „Zusammen mit dem Jungen, den ich heute Nachmittag gesehen habe."
Der Agent war verblüfft. Als er die beiden mit einiger Anstrengung sehen konnte, bemerkte er, dass es sich um den gleichen jungen Mann handelte, den er am heutigen Tag getroffen hatte. Nach einer kurzen Überlegung entschied er sich, Scully davon nichts zu erzählen.
„So?", entgegnete er. „Und was ist daran so schlimm? Sie sieht alt genug aus, um ..."
„Es hat den Anschein, dass sie von diesem Schiff springen will"; unterbrach sie ihn.
„Scully, ich denke, sie sollten dringend ihre Augen überprüfen lassen. Es ist doch offensichtlich, dass er ihr helfen ..."
„Mulder, sie lässt sich fallen!"
Sie begann auf Rose zuzurennen, doch er packte sie und zog sie zurück.
„Mulder, was machen sie denn da? Ich will ihr helfen, sie braucht mich ..."
Mit einem Nicken deutete Mulder in die Richtung von Rose. Mit ihrem Blick folgte seine Partnerin seiner Geste. Sie erkannte, dass Rose bereits in Sicherheit war – unter dem Jungen.
„Was habe ich ihnen gerade über ihre Augen gesagt, Scully? Sie fällt nicht, überhaupt nicht", sagte er und als Scully keine Antwort gab, sprach er weiter. „Machen sie sich keine Sorgen, es geht ihr gut. Und sie hat mehr Glück als ich. Sehen sie, es kommen ein paar Leute. Es scheint ihr Bruder zu sein oder sonst jemand, den sie zu kennen scheint."
Nachdem der junge Mann sie wieder nach oben in Sicherheit gezogen hatte, waren beide auf das Deck gefallen. Doch während des Vorfalls hatte Rose vor lauter Angst einen lauten panischen Schrei ausgestossen. Ihr Schrei hatte andere Menschen auf ihre missliche Lage aufmerksam gemacht. Und nun kamen ihr Verlobter und einige Gentlemen auf sie zugestürmt.
Unglücklicherweise gab es im Bezug auf diese Situation erst einmal ein kleines Missverständnis. Dieses entstand dadurch, dass der junge Mann, Jack Dawson, in recht eindeutiger Position zu sein schien, wie er sich so über Rose beugte. Doch mit einer kleinen, harmlosen Lüge konnte dieser Irrtum aus der Welt geschafft werden. Aus Dankbarkeit wurde Jack zum nächsten Abendessen eingeladen, obwohl es offensichtlich war, dass Roses Verlobter mit diesem Plan nicht einverstanden war. Doch dies war Rose egal.
Das Deck leerte sich wieder. Die beiden Agenten blieben alleine zurück und dachten über das nach, was geschehen war.
„Ich habe nicht erkannte, dass sie sich so verzweifelt fühlte", sagte Scully leise. „Ich hätte es merken müssen."
„Wie konnten sie das auch wissen?", meinte Mulder beruhigend und war der Meinung, dass sein schwarzer Humor hier nicht angemessen war.
„Ich wusste, dass sie unglücklich war, aber ..."
„Wenn sie gesprungen wäre, dann wäre das nicht ihr Fehler gewesen."
Scullys kühle blaue Augen suchten Mulders warme grüne Augen und sie seufzte resignierend.
„Ich weiss", erwiderte sie nachdenklich. „Ich weiss, dies wird merkwürdig klingen ..."
„Sie sagen so etwas zu mir?", grinste er.
„Rose scheint mir irgendwie vertraut zu sein."
Mulder war gerade am Überlegen, ob er Witze über frühere Leben machen sollte, als er näher kommende Schritte hinter ihnen hörte. Er sah sich um. Rose ging auf die Reling zu, von der sie fast heruntergesprungen wäre.
„Rose?", fragte Scully mit einem leicht besorgten Klang in ihrer Stimme, als sie die junge Frau erreichte.
„Hi Dana", grüsste sie lächelnd. „Fox."
„Sind sie in Ordnung?", wollte die Agentin voller Anteilnahme wissen.
Roses Gesicht wurde etwas blass, voller Sorge, dass die beiden Agenten Zeugen ihres missglückten Selbstmordversuches waren.
„Mir geht es gut", antwortete sie ein wenig nervös. „Ich habe nur meinen Schal vergessen, wie dumm von mir. Ich hatte hier draussen noch einen Spaziergang gemacht." Sie machte eine kleine Pause. „Sie wissen es, nicht wahr? Sie haben es gesehen?"
„Rose, es kann niemals so schlimm sein", sagte Scully freundlich.
Das Mädchen sah verlegen zu Boden.
„Es fühlt sich manchmal sicherlich so an." Sie hob wieder den Kopf und ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht. „Ich fühle mich nun viel besser. Jack hatte recht, ich wollte nicht wirklich springen."
„Jack?", fragte Mulder mit einem wissenden Grinsen auf seinem Gesicht.
„Jack Dawson. Er ist ein sehr netter Junge", fügte Rose hinzu. "Sie beide können ihn morgen Abend beim Abendessen treffen. Er wird ebenfalls da sein. Das wird definitiv ein sehr interessantes Essen." Sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter. „Ich sollte besser zurück gehen. Sie werden sie sonst Sorgen um mich machen."
„Wo sollen wir uns treffen?", wollte Scully wissen. Sie war nicht nur darauf neugierig, wie fehl am Platz sie sich fühlen würden, weil ihr Kleidungsstil nicht angemessen war, sondern auch, weil sie wieder die gleiche Kleidung tragen würden wie am vorherigen Tag.
„Nun, warum hole ich sie nicht einfach vor ihren Kabinen ab?", bot Rose an.
Die beiden Agenten wechselten einen kurzen Blick.
„Was ist?", fragte Rose.
Scully fühlte sie sehr unbehaglich, denn sie wollte nicht lügen. Mulder räusperte sich.
„Es scheint so, als hätte es einige Probleme mit unserem Gepäck und den Tickets gegeben. Wir wissen nicht, wo unsere Kabinen sind und der Kapitän wollte uns nicht ohne weiteres glauben."
„Nun, vielleicht könnte ich ja mit ihm sprechen ..", begann Rose.
„Nein", unterbrach Scully. „Ich befürchte, dass alle Kabinen belegt sind."
„Oh, ich dachte mir, dass dies der Fall ist", bemerkte Rose. Sie wusste, dass die Tickets für diese Reise nicht nur sehr teuer sondern auch sehr schwer zu bekommen gewesen waren. Es bestanden keinerlei Zweifel, dass jede Kabine ausgebucht war. Sie lächelte und zuckte kurz mit ihren Schultern. Dann sprach sie weiter:
„Es gibt nichts, worüber sie sich Sorgen machen müssen. Wir haben einen extra Wohnzimmer, dort können sie bleiben."
„Sind sie sicher?", fragte Scully hoffnungsvoll, denn die Aussicht auf eine Nacht im Freien in der frostigen Atlantikluft gefiel ihr nicht besonders.
„Reden sie keinen Unsinn. Natürlich bin ich mir sicher. Meine Mutter wird nichts dagegen haben. Kommen sie!"
Sie deutete den beiden an, ihr zu folgen. Mulder grinste Scully an, als wollte er ihr sagen, dass alles klappen würde. Doch sie ignorierte ihn. Sie wollte nicht, dass er vergass, wessen Fehler es war, dass sie überhaupt an Bord dieses Schiffes befanden.
Nachdem Rose vor einer der vielen Türen eines langes Ganges stand, winkte sie Scully heran und sagte:
„Wenn sie möchten, dann können sie meiner Mutter erzählen, dass sie verheiratet sind. Obwohl es dennoch für sie beide nicht angemessen sein wird, einen Raum auf diese Art und Weise zu teilen. Sie verstehen, was ich meine?"
Mulder konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Scully versuchte ihr Bestes, ihn nicht anzusehen. Sie war sich sicher, dass sie errötete. Und sie war nicht bereit, ihrem Partner diese Befriedigung zu gönnen.
Rose öffnete die Türe und zeigte ihren neuen Freunden den kleinen, sparsam, aber dennoch sehr geschmackvoll, eingerichteten Raum.
„Wir hatten ihn eigentlich nur reservieren lassen, damit wir nicht so nahe neben Fremden leben müssen", erklärte sie. „Meine Mutter sagt immer, dass wir nie vorsichtig genug sein können und schon gar nicht auf einer Seereise."
„Ich glaube nicht, dass sie uns neben sich billigen wird", entgegnete Scully.
„Oh, sie ist harmlos", lachte Rose. „Sie versucht noch, etwas über sie herauszubekommen. Ihre Kleider sind seltsam und sie kann nicht sagen, welche Art von Hintergrund sie haben. Aber das ist in Ordnung. Ich bin sicher, ihre Vorstellungen von ihnen werden sich morgen nach dem Abendessen ändern."
„Oh ...", begann Scully.
Rose erkannte augenblicklich das Problem.
„Sie haben ja kein Gepäck. Aber machen sie sich darüber keine Sorgen. Wir haben so viele zusätzliche Kleider hier dabei. Ich würde sagen, sie versuchen ein wenig zu schlafen und wir sehen und dann morgen."
„Haben sie vielen Dank, Rose", freute sich Scully. „Gute Nacht."
„Gute Nacht, Rose", fügte Mulder hinzu.
„Schlafen sie gut", lächelte Rose und schloss die Türe leise hinter sich.
Scully sah Mulder an, als ob er wüsste, wie zu handeln wäre.
„Morgen ist ein neuer Tag", meinte er hoffnungsvoll.
„Ein Tag näher am Untergang", erinnerte sie ihn, während sie ihre schmalen hohen Schuhe auszog und sich auf die Couch setzte. „Warum trage ich diese verdammten Dinger eigentlich an einem Samstag?"
„Sie sollten in der Zwischenzeit wissen, dass sie vorbereitet sein müssen, wann immer sie mit Spooky Mulder zusammen sind", sagte er und setzte sich neben sie.
„Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich war vorbereitet. Ich hatte alles, was ich hätte brauchen können – im Auto."
„Was ist ein Auto?"
Sie boxte ihn leicht in den Oberarm.
„Sie haben Autos."
„Das ist ja grossartig, Scully", rief er mit scheinbarer Begeisterung. „Lassen sie uns morgen einen Taurus mieten und herausfinden, wie man einen Eisberg abschleppen kann."
„Tut ihr Rücken noch weh, Mulder?", fragte sie mit einem warnenden Tonfall in ihrer Stimme.
Ihr Partner setzte seinen besten Schmollmund auf.
„Scully, es schmerzt wirklich. Können sie mit meinen Rücken massieren?"
Scully schnaubte.
„Das würde ihnen gefallen! Vergessen sie es. Ich denke, wir sollten jetzt schlafen. Ich wünsche ihnen eine gute Nacht."
Sie legte sich hin und schloss ihre Augen. Auch Mulder war müde. Er seufzte kurz schläfrig auf. Dann streckte er seinen Arm aus und schaltete die Kerosinlampe aus. Vorsichtig machte er es sich auf seiner Seite so gut es ging gemütlich. Doch er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er legte seine Hand auf den Arm seiner Partnerin. Dann sagte er:
„Gute Nacht, Scully!"
Scully lächelte in die Dunkelheit der Nacht.
„Gute Nacht, Mulder!"
Der Agent fror für einen Augenblick. Er entspannte sich wieder, als ihre Hand die seinige fand und drückte. Er erwiderte den Druck und schloss die Augen. Er konnte sich schlimmere Dinge, eine Samstag Nacht zu verbringen, vorstellen.

*******

13. April 1912

Die beiden Agenten hatten eine, sämtlichen Umständen widersprechende, gute Nacht verbracht. Erholt hatten sie das Wohnzimmer verlassen und sich an Deck begeben. Dort neckten sie sich, als würden sie über eine X-Akte in ihrem Büro im Kellergeschoss sprechen.
„Mulder, ich meine es wirklich ernst", beharrte Scully.
Gemeinsam gingen beide das Deck entlang. Nachdem sich die meisten Passagiere bei ihrem Frühstück befanden, war es fast leer. Mulder lächelte. Er wusste, dass sie es ernst meinte, aber sie sah immer so bezaubernd aus, wenn sie wütend auf ihn war.
„Ich weiss, ich weiss, dieses Schiff wird bald sinken. Das habe ich nicht vergessen. Aber inzwischen können wir nichts tun, um den Untergang zu verhindern. Denken sie nicht, dass es viel wichtiger ist, zwei Menschen zusammen zu bringen, die zusammen gehören?"
Scully war ziemlich aufgebracht.
„Mulder! Sie sind wirklich hoffnungslos romantisch!"
Eigentlich hätte es tadelnd klingen sollen. Doch stattdessen klang sie, als wäre sie mit seinem Komplott für Jack und Rose einverstanden.
Mulders Plan war sehr einfach. Er wollte Cal aus dem Weg schaffen, um Jack und Rose die Möglichkeit zu geben, eine kleine Weile alleine zu sein. Ihre wahren Gefühle füreinander würde dann durchbrechen und die Romanze war zum Greifen nahe.
Seine Partnerin dagegen fand diese Überlegungen absolut lächerlich. Sie wusste, dass Rose unglücklich war. Aber es war ihr auf jeden Fall klar, dass dies nicht der Platz für eine Einmischung ihrerseits war. Mulder dachte dagegen, dass zwei Seelen, die füreinander bestimmt sind, auch zusammen gehörten.
Wie auch immer, tief in ihrem Inneren wollte sie, dass Jack und Rose es schafften, den Untergang des Schiffes zu überleben und danach zusammen glücklich waren. Aber sie wusste ebenfalls, dass eine viel grössere Aufgabe nahe war: sicherzustellen, dass Hunderte Menschen nicht im eisigen Atlantik sterben mussten.
„Hey, Mulder, hören sie mir zu. Ich weiss, dass ..."
„Pst, Scully, seien sie ruhig! Da kommen sie!"
Genau in diesem Moment kamen Rose und Jack um die Ecke. Sie lachten fröhlich und gebärdeten sich wie junge Pferde. Sie sahen sonst niemanden und waren schnell wieder verschwunden.
„Noch einmal jung sein, das wäre was. Richtig, Scully?"
„Sprechen sie für sich selber, Mulder. Ich bin noch immer jung."
„Hm. Und wie entscheide ich das, Agent Scully?", neckte er sie und seine Stimme klang bis zu einem gewissen Grad sanft und unschuldig. Doch die quälende Frage darin war für seine Partnerin nicht zu überhören.
Scully sah ihn an, als wäre es das erste Mal. Sie sah ihn wirklich an. Sah in seine grünen Augen und sah seine Seele. Und als sie einen Blick auf seine Seele werfen konnte, spiegelten sich darin keine anderen Frauen, sondern nur sie selber. Eigentlich war es keine Reflektion, sondern der vollkommenste Teil ihrer selbst, so wie Mulder sie sah.
Sie blickte sich nach anderen Dingen um. Irgend etwas anderes, das ihr zeigte, dass Mulder nicht so sehr auf sie angewiesen war. Aber dann erkannte sie, was sich wirklich dort befand. Eine Suche nach der Wahrheit, welche derzeit gar nicht besonders gut verlief. Eine verschwundene Schwester, die vielleicht niemals gefunden wurde. Ein Mann, der mit so vielen Dämonen kämpfte, dass es fast an ein Wunder grenzte, dass er nie in eine Anstalt eingewiesen worden war. Und dann sah sie auch, welche Gnade ihn immer wieder rettete – eine kleine rothaarige Frau, die gegen den Tod gekämpft hatte und sich ihrerseits ebenfalls mit einigen Dämonen abquälte.
„Scully, wenden sie nicht sämtliche Freudsche Theorien bei mir an."
Mulders trockener Humor brachte sie wieder in die Gegenwart zurück. Sie errötete ein wenig und löste ihre Gedanken von dem Starren in die Seele ihres Partner. Dann wandte sie ihren Blick schnell ab und entgegnete:
„Entschuldigung."

*******

„Oh, Dana!", rief eine bekannte Stimme.
Scully hatte eben den wunderbaren und atemberaubenden Sonnenuntergang betrachtet. Nun drehte sie sich um und bemerkte, dass Rose auf sie zukam.
„Hallo Rose. Wo waren sie denn? Ich habe sie ja heute noch gar nicht gesehen?"
Die junge Frau konnte sich vor lauter Glück nicht beherrschen.
„Oh, ich war mit Jack zusammen. Haben sie gewusst, dass er einige Zeit in Paris gelebt hat? Das ist einer meiner Lieblingsplätze und ...", unterbrach sie sich kurz und warf Scully einen vorwurfsvollen Blick zu. „Dana, sie sind ja noch gar nicht für das Essen angezogen. Verzeihen sie, ich bin ein Dummkopf! Kommen sie, lassen sie uns sie umziehen gehen!"
Von all den ungewohnten Dingen, die Scully auf dieser sonderbaren Reise schon zugestossen waren, war dies eines, das ihr am wenigsten gefiel. Gewiss, Rose sah grossartig und wunderschön aus und trug, genauso wie all die anderen Frauen diese extravaganten, prächtigen Kleider. Aber Scully war wirklich nicht danach zumute, nein, sie hasste den Gedanken, wie eine Schönheitskönigin anzogen zu werden. Doch auf der anderen Seite hatte sie nicht so viel dagegen. Sei es auch nur, um den Blick auf Mulder Gesicht zu sehen, wenn er sie in dieser ausgefallen Ausstattung sah. Er würde von all der Pracht und dem Glanz geblendet sein ...

*******

„Sie sehen wie ein Prinzessin aus, Dana", lächelte Rose während sie eine Blume an dem Kleid ihrer Freundin befestigte. „Fox wird es garantiert gefallen. Er wird es lieben."
Scully schnaubte kurz und rückte die Haarspange mit dem Schmetterling in ihrem Haar zurecht.
„Ich versuche doch nicht, Mulder zu beeindrucken."
„Ob sie es versuchen oder nicht, sie werden es. Vertrauen sie mir."
„Und sie sprühen sich extra noch mit dem Parfüm für Cal ein? Oder für Jack?", fragte die Agentin mit einem verschmitzen Lächeln.
„Ich glaube, wir haben uns schon genug über dieses Thema unterhalten. Aber da wir gerade über Cal sprechen, ich muss ihnen da etwas zeigen", lenkte Rose ab und ging in einen nahegelegenen Tresorraum und kam mit einem grossen, sehr teuer aussehenden Stein zurück. Der Schliff des Steines reflektierte das Licht in wunderschönen Facetten. „Sehen sie mal, was für eine furchtbare Halskette er mir gekauft hat. Er sagte, der Stein hatte vorher einem König oder sonst jemandem mit Einfluss gehört. Sie nannten ihn „Le Coeur de la Mer.""
„Das Herz des Ozeans", übersetzte Scully und es war ihr, als hätte sie das schon einmal gehört.
„Er ist viel zu schwer zum Tragen. Es wäre mir viel lieber gewesen, wenn der Stein für einen Ring oder etwas ähnliches verkleinert worden wäre."
„Dann wäre er aber nicht ganz so teuer, exklusiv und wertvoll wie als Anhänger einer Halskette", erwiderte die Agentin.
„Richtig", antwortete Rose während sie die Kette wieder in den Safe legte. „Cal versucht nur, jeden zu beeindrucken und Aufsehen zu erregen. Auf mich macht das absolut keinen Eindruck!"
Scully ging langsam auf sie zu. Sie musste sich erst an ihr neues Outfit und die neuen Schuhe gewöhnen. Es erstaunte sie, dass sie trotz des enggeschnürten Korsetts ohne Probleme Luft bekam. Alles in allem fühlte sie sich nicht ganz so unwohl, wie sie es zuerst befürchtet hatte.
„Das ist ein Picasso, nicht wahr?", fragte sie plötzlich und deutete auf ein Bild.
„Ja", antwortete Rose erstaunt. „Haben sie von ihm gehört?"
„Sicher habe ich schon von ihm gehört. Er ist ...", brach sie ab und erinnerte sich daran, dass er noch nicht berühmt war. „Nun, eigentlich sammelt mein Vater seine Kunst."
„Eine gute Wahl. Cal denkt nicht so, obwohl …" Rose sah plötzlich auf. „Sie sprechen nicht sehr viel über ihre Familie."
Scully fühlte sich befangen, zuckte aber dennoch mit ihren Schultern.
„Nun, ich denke, ich sollte sagen, mein Vater hat seine Kunst gesammelt. Er ist vor ein paar Jahren gestorben."
„Das tut mir leid."
„Er war sogar Kapitän. Er hat für ..." Sie überlegte einen Moment, was sie sagen sollte, das sie sich nicht sicher war, ob die Navy schon existierte. „Er hat für die Regierung gearbeitet."
„Wie interessant. Wir werden dies meiner Mutter weitergeben. Das wird ihr Ansehen beträchtlich anheben. Und ihre Religion wird ihnen auch behilflich sein."
„Bitte?", fragte Scully verwundert.
„Ihr Kreuz."
„Oh!" Sie fühlte sich nun sehr gehemmt. "Meine Mutter hat es mir geschenkt. Es ... es hat mir schon durch einige schwere Zeiten geholfen."
„Ich wünschte, ich hätte auch so etwas wie das", seufzte Rose und warf dann einen Blick auf die Uhr an der Wand. „Ich würde gerne wissen, woher Mrs. Brown Kleidung für Fox und Jack bekommt."
Auch Scully fragte sich das, als sie ein weiteres Mal in den Spiegel sah. Ihr Spiegelbild gefiel ihr immer besser. Rose hatte Recht, dies würde sicherlich ein sehr interessantes Essen werden.

*******

Mulder ging die imposante Mahagonitreppe hinunter. Gedankenverloren liess er seine Finger über das Geländer gleiten. Währenddessen starrte er nach oben zu der grossen Glaskuppel, welche über ihm sichtbar wurde. Dann liess er seinen Blick über die vor Reichtum strotzende Einrichtung wandern und er kam sich auf einmal vollkommen fehl am Platz vor. Ausserdem beschlich ihn ein Gefühl der Furcht, wenn er an das Essen dachte, welches vor ihm lag.
Er richtete seinen Blick wieder auf den Weg, der vor ihm lag. Am Fuss der Treppe sah er Jack stehen, der einige Gentlemen, die sich in seiner Nähe befanden, kopierte. Ein leichtes Lächeln flog über Mulders Gesicht. Dieser junge Mann erinnerte den Agenten an sich selber als er in diesem Alter gewesen war. Er hatte sich niemals mit all den Aristokraten in Martha’s Vineyard wohlgefühlt. Und Jack sah genauso aus wie er – wie ein Aussenseiter.
Die Augen des jungen Mannes blickten innerhalb dem Bruchteil einer Sekunde plötzlich in Mulders Richtung. Der Agent sah sich um und erkannte, dass sich die Person, die Jacks Aufmerksamkeit auf sich zog, genau hinter ihm befand. Roses Anblick versetzte ihn in Erstaunen. Sie trug einen weichen Traum aus roter und schwarzer Spitze. Bei diesem atemberaubenden Anblick schlug sogar Mulders Herz ein wenig schneller.
Als er aber die Frau hinter Rose sah, setzte sein Herz erst einmal aus. Scully sah wirklich bezaubernd und wunderschön aus. Das schlimmste für ihn war, dass er sie nicht einmal ansah. Sie lächelte Jack und Rose zu. Doch dann wandte sie all ihre Aufmerksamkeit dem Mann zu, der ganz plötzlich genau vor ihr auftauchte.
Scully ging mit der gleichen Selbstsicherheit die Treppe herunter, wie sie es immer tat. Doch das Tragen eines Korsetts machte ihren Gang noch ein wenig gerader, obwohl sie dieses verdammte und ausgesprochen unbequeme Ding hasste. Sie trug ein schimmerndes Seidenkleid, welches mit silberner Spitze bedeckt war, von der sie einen Teil als Schleppe hinter sich herzog. Das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde noch breiter, als sie die Ehrfurcht in Mulder Zügen bemerkte.
Nachdem Scully schliesslich den Fuss der Treppe erreicht hatte, amte Mulder Jack nach, der sich schon auf dem Weg in den Speisesaal befand. Sanft nahm er Scullys Hand und hob sie zu seinen Lippen, während er in ihre Augen sah. Dann küsste er zärtlich den weissen Handschuh, in dem sie ihre Hand befand.
„Miss Scully, sie sehen bezaubernd aus."
Seine Partnerin sah sich kurz um und presste dann ihre Stirn gegen die von Mulder, als wollte sie ihm einen Kuss geben.
„Mulder, sie haben es vergessen. Dies hier ist Mrs. Mulder."
Er sah einen Moment sehr verwirrt aus, doch er fasste sich schnell wieder.
„Oh, Liebling, das habe ich wirklich vergessen. Können sie mir noch einmal vergeben?", fragte er und hielt ihr seinen Arm hin.
Sie nahm die Einladung mit einer anmutigen Geste an. Dann begann er, sie in den Speisesaal zu führen.
„Aber sicher doch, Schatz", wisperte sie. „Wissen sie, dass sie wirklich heiss aussehen? So einen Anzug sollten sie öfters tragen."
Scully beobachtete Rose und Jack, die zusammen vor ihnen hergingen. Sie hatten ihre Köpfe zueinander geneigt, so dass es aussah, als würden sie eine Verschwörung planen. Dies erinnerte die Agentin an die Zeit, als sie Mulder das erste Mal kennen lernte.
„Nein", dachte sie bei sich. „Ich glaube, es war später. Als ich ihn das erste Mal getroffen habe, dachte ich, er wäre ein Trottel. Er ist immer noch ein Trottel, aber weniger als ..."
Rose drehte sich plötzlich zu den beiden Agenten um und unterbrach so Scullys Gedanken.
„Dana, Fox. Ich möchte ihnen Colonel Gracie vorstellen. Und, äh, das ist John Jacob Astor, der reichste Mann auf dem Schiff. Sein kleines Frauchen, Madeleine Astor, ist in anderen Umständen und etwa so alt wie ich. Sie versucht es zu verstecken. Ein regelrechter Skandal! Und das ist Benjamin Guggenheim und seine Mätresse. Und Sir Cosmo und Lady Lucille Duff Gordon", stellte Rose einige der Passagiere vor und winkte der letztgenannten zu. „Und Dana, sie haben ja schon Mr. Ismay, Mrs. Brown, meine Mutter und Cal getroffen."
Nach den Vorstellungen und dem Händeschütteln gingen sie zu ihrem Tisch. Scully zog Rose kurz auf die Seite, bevor sie sich hinsetzten.
„Rose, hören sie auf, Jack anzustarren", legte sie der jungen Frau spöttisch nahe. „Sonst kommt Cal am Ende noch auf den Gedanken, dass sie nicht die richtige Frau für ihn sind."
Rose öffnete ihren Mund, um Scully etwas zu entgegnen, entschied sich dann aber dagegen. Statt dessen warf sie der Agentin einen bösen Blick zu.
„Ich könnte das gleich zu ihnen sagen, Dana", meinte sie und setzte sich auf ihren Platz.
„Erzählen sie uns von den Unterkünften der dritten Klasse, Mr. Dawson. Sie sollen auf diesem Schiff recht annehmlich sein", sagte Ruth DeWitt Bukater und durchbohrte Jack mit ihren kalten Augen.
„Die besten, die ich je gesehen habe, Ma’am. Fast keine Ratten", schoss er schlagfertig und mit Genuss zurück.
Ruths Gesichtsausdruck versteinerte sich. Sie wandte sich zu Scully. Diese trat fast im gleichen Augenblick, von allen anderen ungesehen, Mulder unter dem Tisch, um ihm fragend zuzumurmeln, wie viel Kaviar man essen durfte.
„Dana, wie lange sie und Fox denn schon verheiratet?"
Scully dachte einen Moment darüber nach. Als sie gerade eine Zahl sagen wollte, kam Mulder ihr schnell zuvor.
„Seit wenigen Wochen sind es sechs Jahre", antwortete er.
Er sah zu Scully. Diese versuchte herauszufinden, welche Bedeutung Mulders Wahl hatte. Dann wurde ihr klar, dass sie sich vor sechs Jahren und wenigen Wochen das erste Mal getroffen hatten. Sie hätte niemals gedacht, dass er ausgerechnet diesen Zeitpunkt als Grundlage seiner Wahl verwenden würde. Ein freudiges Lächeln erhellte ihr Gesicht.
Rose sah die beiden Agenten interessiert an.
„Sechs Jahre. Das ist schon eine recht lange Zeit."
Scully warf ihr ein Lächeln zu. Dann sah sie zu Mulder und liess seine Finger langsam und sanft durch die ihrigen gleiten.
„Länger als sie es sich vorstellen können."
Rose bekam Schwierigkeiten, zu Scully und Mulder zu blicken. Sie wusste genau, dass die beiden nicht wirklich verheiratet waren. Aber dennoch sahen sie glücklich aus. Rose sehnte sich danach, glücklich zu sein. Doch sie wusste, dass sie niemals mit Cal zusammen glücklich werden konnte. Sicher, er war reich, mächtig und sah auch ganz gut aus, doch das genügte ihr nicht.
Sie sehnte sich nach viel mehr. Sie wünschte sich, frei und glücklich zu sein. Obwohl, in der Zwischenzeit begann sie sich noch nach etwas anderem zu sehnen. Nach Jack. Und vielleicht nach einem Leben ...
„Wunderbar", dachte sie sich und wandte ihr Aufmerksamkeit von den Agenten ab. „Mutter quält Jack schon wieder."
„... Und sie finden dieses wurzellose Dasein ansprechend, ja?", wollte Ruth hochmütig von dem jungen Mann wissen.
„Oh ja, Ma’am, so ist es", gab ihr der junge Mann zur Antwort. „Ich meine ... ich habe alles, was ich benötige, bei mir. Ich habe Luft in meinen Lungen und ein paar leere Blatt Papier. Ich finde es schön, morgens aufzuwachen, ohne zu wissen, was passieren wird. Oder wer mir begegnet oder wohin es mich verschlägt. Vor einige Tagen habe ich noch unter einer Brücke geschlafen. Und jetzt sitze ich hier, auf dem grössten Schiff der Welt und trinke mit vornehmen Leuten wie ihnen Champagner." Jack hielt dem Kellner sein Glas hin und liess sich noch etwas vom dem exklusiven Getränk nachschenken. „Ich finde, das Leben ist ein Geschenk und ich habe nicht vor, etwas davon zu verschleudern. Man weiss nie, was man als nächstes für Karten kriegt. Man lernt das Leben so zu nehmen, wie es gerade kommt. Weil jeder Tag zählt!"
Molly lächelte ihm zu.
„Gut gesagt, Jack."
Rose hob ihr Glas. Dann sah sie zu Jack und wiederholte:
„Weil jeder Tag zählt."
Weil jeder Tag zählt. Weil jeder Tag zählt. Diese Worte waren so einfach aber gleichzeitig auch so kompliziert. Scully war diese Aussage nicht fremd. Ihre Begegnung mit dem Tod hatte dies besiegelt. Nachdem sie eine zweite Chance bekommen hatte, sehnte sie sich danach, alles zu erleben, all das zu tun, was sie bis jetzt noch nicht getan hatte. Es war Ironie, dass sie gerade dabei war, mit der Titanic zu sinken. Dies war sicherlich eine vollkommen andere Erfahrung.

Nach dem Essen standen alle Männer des Tisches auf. Sie machten sich auf den Weg in den Rauchsalon, um sich gemeinsam in die Rauchwolke einer Zigarette einzuhüllen und einen Brandy zu trinken.
„Leisten sie uns Gesellschaft, Dawson?", fragte Colonel Gracie. „Sie wollen doch nicht etwa bei den Frauen bleiben, oder?"
„Nein, vielen Dank. Ich muss wieder zurück."
„Und was ist mit ihnen, Mulder?", wollte Cal wissen. „Kommen sie mit?"
„Es tut mir leid, aber ich passe. Ich rauche wirklich nicht gerne, eigentlich gar nicht", antwortete er. Dann sah er zu Scully und lächelte. „Wir werden noch einen Spaziergang machen. Es war sehr nett, sie alle zu treffen."
Mulder zog seine Partnerin aus ihrem Stuhl. Sie verabschiedeten sich von allen und verliessen gemeinsam den Speisesaal.
„Sie waren so beängstigend ruhig, Mulder", stellte Scully fest, nachdem sich die Türe des Speisesaales hinter ihnen geschlossen hatte. „Ich bin wirklich überrascht, dass sie nicht zu der kleinen Ruhmesparty gehen wollten. Ist mit ihnen alles in Ordnung?"
Ihr Partner sah ihr direkt in die Augen. Ein merkwürdiger Ausdruck lag in den seinigen, den Scully nicht deuten konnte.
„Ich habe nicht wirklich wohl dort drinnen gefühlt. Es gab dort zu viel Macht und Reichtum für mich. Mehr als ich ertragen konnte."
Sie lächelte beschämt.
„Als die Tochter eines Kapitän musste ich so wie Rose sein. Ein untadeliges Betragen wurde von meinem Vater gefordert. Sie wissen schon, gerade zu sitzen, nicht laut zu sprechen. Und am wichtigsten war..."
„Was?"
Sie strich ihm für einen kurzen Moment ganz sanft über das Gesicht.
„Niemals einen ungezogenen Jungen zum Essen einladen."

*******

Obwohl ihre Atemzüge sehr gleichmässig waren, war sich Mulder vollkommen sicher, dass seine Partnerin noch nicht eingeschlafen war. Er wandte sich zu ihr und sagte:
„Ich scheine derjenige zu sein, der unter Schlaflosigkeit leidet, Scully."
Sie lächelte müde, während sie ein Gähnen unterdrückte.
„Sie sind es."
Da sie sonst nichts weiter sagte, stützte er seinen Kopf an seinen Ellenbogen und fragte:
„Machen sie sich Sorgen?"
Sie warf ihm ihren berüchtigten Blick zu und er grinste verlegen.
„Okay, okay. Ich mache mir auch Sorgen. Aber ich hatte das Gefühl, dass es noch etwas ausser dieser verständlichen Sorge gibt, das sie mit sich herumschleppen."
Sie drehte sich herum, damit sie ihm und er ihr direkt ins Gesicht schauen konnte.
„Ihr Verständnis für das menschliche Verhalten beginnt mir Angst zu machen, Mulder."
„Fast unheimlich, nicht wahr?"
„Mulder, ich weiss, sie haben mir vorher nicht geglaubt, als ich ihnen das erzählt habe. Aber Rose scheint mir so vertraut und bekannt zu sein."
Mulder überraschte sie mit seinem folgenden Kommentar.
„Erinnert sie Rose an ihre Schwester?"
„An Melissa? Nein. Nun, vielleicht doch ein bisschen, aber eigentlich auch wieder nicht. Es ist etwas anderes."
„Wie anders?"
„Nun, es ist nicht so, dass ich Rose kennen würde. Es ist, als wüsste ich etwas über sie. Ich denke, ich habe einen Artikel über sie gelesen. Ich vermute, und es könnte ja sogar so sein, dass sie vielleicht noch am Leben ist."
„Rose DeWitt Bukater?"
„Ich bin mir nicht sicher. Es stand mal etwas in der Zeitung. In dem Artikel wurde gesagt, dass einige Wissenschafter Forschungen über die Titanic durchführen. Sie haben sich sogar zu der Stelle begeben, an der die Titanic damals gesunken ist und ein Überlebender hatte sie begleitet. Und ich denke, dass der Name dieser Person Rose war."
„Scully, überlegen sie doch mal. Rose ist ungefähr um die zwanzig Jahre alt, vielleicht sogar ein wenig älter, und das im Jahr 1912. Haben sie sich schon einmal überlegt, wie alt sie in unserer Zeit, also 1998, wäre?"
„Ich weiss, ich weiss", seufzte sie. „Es ist wahrscheinlich auch nur Wunschdenken. Der Begleiter war damals wohl doch das Kind von einem der Forscher. Oder vielleicht ein Nachkomme eines Überlebenden."
Scully zog sich auf ihre Seite der Couch zurück. Sie wollte Mulder ihre Enttäuschung nicht zeigen. Sie schloss ihre Augen und versuchte erneut, Schlaf zu finden. Auch ihr Partner legte seinen Kopf auf das Kissen. Doch sein Verstand blieb hellwach und aktiv.
„Hey, Scully?", fragte er nach ein paar Minuten.
„Hm?"
„Was wäre, wenn Rose geheiratet hätte?"
„Was?", rief sie und setzte sich bei dieser verwegenen Vermutung auf, während sie die Möglichkeiten durchdachte.
„Sie würde einen anderen Familiennamen bekommen haben."
„Da haben sie wohl recht. Aber das hilft mir nicht, um zu erfahren und zu wissen, ob Rose es geschafft habe, den Untergang dieses blöden Schiffes zu überleben."
„Vielleicht aber doch."
„Wie?"
Mulder lächelte. Nun hatte er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Über diese wäre er auch schon am frühen Abend glücklich gewesen, als er die wunderbare Miss Scully in ihrem eleganten Abendkleid in den Tanzsaal begleitet hatte. Sie hatte wirklich reizend ausgesehen. Doch auch in diesem Moment, wo sie ihn mit einem ernsten Ausdruck auf dem ungeschminkten Gesicht und einem zerknitterten Hemd bekleidet, ansah, war sie irgendwie genauso schön.
„Was, wenn der Name des Begleiters Rose Dawson war?", antwortete er.
Scully dachte einen Augenblick nach. Als ihr die Bedeutung von Mulders Worten klar wurde, entgegnete sie aufgeregt:
„Oh mein Gott, Mulder. Sie sind ein Genie."
Er lächelte sie, als sie ihn kurz umarmte. Dann sagte sie:
„Rose Dawson. Das ist der Name der Frau, welche dem Forschungsteam damals geholfen hat. Ich bin mir ganz sicher."
„So hat sie es geschafft."
„Und Jack ebenfalls", lächelte Scully.
Doch irgend etwas in Mulder sagte ihm, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Deshalb erwiderte er nur unbestimmt:
„Ich hoffe es sehr."

*******

14. April 1912

„Und, was denken sie über unser kleines Rendezvous letzte Nacht? Ich dachte, es ...", sagte Mulder.
Scully unterbrach ihn mit einem geduldigen Lächeln.
„Ich habe bisher ja gar nicht gewusst, dass sich das Wort Rendezvous in ihrem Wortschatz befindet, Mulder. Ganz zu schweigen davon, dass sie es kennen."
Sie gingen gemeinsam zum Frühstück mit Rose und Cal. Doch nachdem sie beiden Agenten so spät aufgestanden waren, hatten die anderen ohne sie angefangen. Plötzlich ertönte ein gewaltiger Lärm von deren Promenadendeck.
Scully stürmte zu dem Deck. Mulder folgte ihr schnell hinterher. Cal stürmte von dem Deck in die Kabine, einen frustrierten Ausdruck auf seinem Gesicht. Aber der Gentleman in ihm bekam die Oberhand und er lächelte die beiden an.
„Mulder, schön sie zu sehen. Wir haben sie gestern nach dem Essen vermisst, alter Mann. Und Dana, sie sehen heute morgen wieder bezaubernd aus. Bitte entschuldigen sie mich", sagte er und verschwand sehr wütend aus der Kabine.
Die Agentin eilte auf das Deck und auf Rose zu. Sie sah die junge Frau zusammen mit ihrem Mädchen auf dem Boden knien. Sie versuchten beide hektisch die Teller und das Essen, das Cal auf den Boden geschleudert hatte, aufzusammeln.
Scully setzte sich neben die junge Frau, die nun den Tränen nahe war.
„Rose?"
„Oh, Dana." Sie sah zu Mulder auf, der über ihr zu schweben schien. "Wir hatten einen kleinen Unfall. Wirklich dumm. Ich ...", räusperte sie sich, während sie schnell aufräumte. „Ich muss nachher zum Gottesdienst in den Speisesaal gehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie beide auch kommen würden."
Mulder half Rose beim Aufstehen.
„Sicher Rose. Wir werden da sein", bestätigte er.
Scully warf ihrem Partner einen erstaunten und seltsamen Blick zu. Er ging niemals in die Kirche. Welche Gründe bewogen ihn, es ausgerechnet an diesem Tag zu tun. Sie lächelte der jungen Frau aufmunternd zu.
„Ich werde in einer Minute wieder da sein, Rose."
Rose lächelte, wenn auch ein wenig verkrampft, zurück. Sie hatte sich wieder beruhigt. Sie ging in ihre Kabine, um sich anzuziehen.
„Was zum Teufel war das, Scully? Dies war kein Unfall!"
Seine Partnerin wollte den Gedanken, dass Rose sie angelogen hatte, nicht in Betracht ziehen. Wütend starrte sie Mulder an. Dann fragte sie:
„Wie können sie sich da so sicher sein? Und warum gehen sie in die Kirche?"
Er lächelte ein wenig gequält, während sie gemeinsam das Promenadendeck verliessen.
„Eine Frage nach der anderen, okay? Ich kann es so sicher sagen, weil ..." Er schluckte ein paar Mal hart und sprach dann langsam, mit leicht belegter Stimme, weiter. „Mein, um, mein Vater hatte die Angewohnheit, äh, etwas kaputt zu machen. Und nachdem er, uh ...", er räusperte sich kurz, „etwas Gewalttätiges getan hatte, hatte er ... hatte sein Gesicht den gleichen Ausdruck gehabt, wie Cal ihn eben hatte."
Er konnte seine Partnerin nicht anschauen. Dies zu erzählen, war ihm sehr schwer gefallen und hatte grosse Überwindung gekostet. Der Blick seiner brennenden grünen Augen verlor sich in der unendlichen Weite des Ozeans. Er hielt inne, als er ihre Hand auf seinem Arm spürte. Ihr Druck beruhigt ihn wieder ein wenig.
Ihr Herz hatte sich zusammengekrampft, als sie dieses Eingeständnis von ihm gehört hatte. Sie überlegte, ob sie etwas sagen sollte, doch sie wusste, dass er kein Mitleid wollte. Sie beugte sich vor, so dass sie ihm kurz in die Augen sehen konnte. Dann warf sie ihm ein freundliches Lächeln als Ermutigung zu.
Er wandte seine Augen wieder von ihr ab, doch er nickte leicht. Befreit und erleichtert atmete er tief aus. Er war froh, dass er sich dieses Geheimnis von der Seele geredet hatte, auch wenn es ihm nicht leicht gefallen war.
Nach einer kurzen Pause, in der er seine Gedanken wieder sammeln konnte, fuhr er fort:
„Und die zweite Frage? Ich werde zu Gott beten, das die Titanic nicht sinkt. Für den Fall, dass sie es vergessen haben sollten, Scully. Wir haben heute den 14. April 1912 und wir wissen beide, was das zu bedeuten hat. Das grossartigste Schiff der Welt wird in weniger als vierundzwanzig Stunden auf dem Grund des Ozeans liegen."

*******

Mulder liess Scully in Roses Suite zurück, um sich umzuziehen. Auch die Frauen kleideten sich schnell um. Dabei diskutierten sie über das, was gesehen war.
„… Und dann sagte er mir, ich sei schon praktisch seine Frau, wenn auch noch nicht vor dem Gesetz. Und deswegen soll ich ihn ehren, wie es sich für eine Frau gehört und ihm gehorchen. Ich glaube, er hat recht ..."
Scully konnte sich die folgenden Worte nicht verkneifen, so hart diese auch klangen.
„Rose! Das ist doch lächerlich! Sie sind eine starke junge Frau! Wir befinden uns doch in ... Ich meine, dies ist ..."
Die Agentin brach ab. Die weiteren Worte, die sie noch sagen wollte, blieben ungesagt. Sie hatte auf einmal wieder erkannt, dass sie sich noch immer im Jahre 1912 befand und die Frauen das Wahlrecht erst 1920 erhielten. Es dauerte also nicht mehr lange, bis die Frauen sich auflehnten. Doch das half Rose in ihrer momentanen Situation sehr wenig. So beschloss Scully am heutigen Tag eine Feministin zu schaffen, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie sprach weiter, und diesmal hatte sie ihre Stimme unter Kontrolle.
„Rose, Cal ist der richtige Mann zum Heiraten. Er hat viel Geld, er ist mächtig und nicht zuletzt eine gute Partie ..."
„Dana, ich dachte sie wären auf meiner Seite!", unterbrach Rose aufgebracht. „Und ganz besonders, nachdem ich ihnen erzählt habe, was er getan hat."
Scully lächelte.
„Rose, warten sie noch einen Augenblick, bevor sie etwas sagen. Sie haben mich doch noch gar nicht ausreden lassen. Es gibt noch mehr, das ich ihnen in Verbindung mit Cal noch gerne sagen will. Er manipuliert sie, ist rachsüchtig und nicht zu vergessen, grausam. Es tut mir leid, Rose, dass ich ihnen das sagen muss. Aber dies ist die Wahrheit. Und ich werde ihnen noch etwas sagen. Er liebt sie, selbst wenn er sie verletzt." Sie sah die junge Frau aufmerksam an. „Aber wenn er sie dann sogar schlägt, sie stösst oder sie dazu zwingt, Dinge zu tun, von denen sie genau wissen, dass sie falsch sind, verlassen sie ihn. Sie müssen das nicht ertragen."
„Er ist nicht so, wie sie ihn eben beschrieben haben", sagte Rose ruhig. „Für gewöhnlich nicht. Es ... es war nur ein Ausrutscher."
Die Agentin fuhr fort:
„Und sie müssen unbedingt herausfinden, ob sie ihn wirklich lieben. Oder ob sie in einen, und das möchte ich ihnen gerne sagen, sehr netten und gutaussehenden, Gentleman der dritten Klasse verliebt sind."
Roses Gesichtsausdruck war leer. Sie zwang ihre Lippen zu einem kleinen, äusserst gezwungen wirkenden, Lächeln.
„Dana, ich weiss, ich liebe Cal. Jack ist nur ein guter Freund."
Dann verliess sie die Kabine ohne ein weiteres Wort. Den skeptischen und ungläubigen Blick, den Scully ihr nachwarf, bemerkte sie nicht mehr.

*******

"Eternal Father, Strong to save,
Whose arm hath bound the restless wave,
Who bid'st the mighty Ocean deep
Its own appointed limits keep,
O hear us when we cry to thee,
for those in peril on the sea....."
Scully empfand die Zeilen, welche sie gerade mit all den anderen während des Gottesdienstes sang, als reine Ironie. Am liebsten wäre sie nach vorne gestürmt und hätte allen mitgeteilt, aus welcher Zeit sie und ihr Partner kamen und dass die Titanic in der kommenden Nacht sinken würde. Doch etwas hielt sie zurück. Dabei wusste sie nicht einmal genau, was es war.
Sie war sich nicht sicher, wer von den anderen Passagieren um sie herum Jack gehört hatte. Doch sie konnte ihn draussen vor der Türe sehen. Und er war laut genug, um von innen gehört zu werden. Sie konnte sich vorstellen, dass er versucht hatte, sich Einlass zum Gottesdienst zu verschaffen. Doch aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung und vielleicht auch einer Vorwarnung von Cal an die Männer vor der Türe, wurde ihm der Eintritt verwehrt. Er klang wie ein tobender Verrückter und sah auch fast genauso aus, als er nach Rose Ausschau hielt.
Scully gab Mulder kurz einen Stoss in die Seite. Dann deutete sie nach draussen vor die Türe. Ihr Partner folgte ihrer Geste mit seinen Augen. Nach einem kurzen Blick zog er die gleichen Schlüsse wie sie. Er überlegte sich, ob er das Zimmer verlassen und zu Jack gehen sollte, doch in diesem Moment erkannte er, dass der junge Mann schon dazu gezwungen wurde, den Bereich der ersten Klasse freiwillig zu räumen.
Sowohl Mulder als auch Scully fiel es nach diesem Zwischenfall ein wenig schwer, sich weiterhin auf den Gottesdienst und das Singen zu konzentrieren. Ganz besonders im Gedanken daran, was in wenigen Stunden auf sie zukam.
„Oh, hear us when we cry to Thee
For those in peril on the sea!"

*******

Der Tag war grossartig. Es war einer jener Tage, an denen man sich wünschte, dass die Zeit stillstand, diese aber viel schneller als sonst zu vergehen schien. Mulder und Scully waren gemeinsam über die verschiedenen Decks gewandert. Dabei hatten sie sich immer mal wieder über Dinge unterhalten, über welche sie vorher noch niemals gesprochen hatten. Die Faszination über die erlebten Geschichtsstunden waren trotz des unerbittlich näher kommenden tödlichen Ereignisses ungebrochen.
Erst als einige Wolken aufzogen und die Sonne sich dem Horizont näherte, setzten sie sich schliesslich zusammen auf eine Bank auf dem A-Deck. Sie wussten, dass sie absolut nichts tun konnten. Sie konnten nur warten. Warten auf die Katastrophe, die unweigerlich kommen würde und die für viele Menschen den Tod bedeutete. Das Wissen darum machte es ihnen nicht leichter. Sowohl Mulder als auch Scully war klar, dass sie sich in der gleichen Gefahr befanden, wie alle anderen Passagiere an Bord.
„Ich friere", murmelte Scully nach einer Weile vor sich hin.
Doch Mulder hörte ihre Worte. Er entschloss sich, ihr zu helfen, damit ihr wieder warm wurde.
„Nun, das darf natürlich nicht sein, meinen sie nicht auch?"
Dann schlang er seine Arme um seine Partnerin. Danach zog er sie sanft an sich heran, so dass ihr Kopf schliesslich auf seiner Brust ruhte.
„Besser?", fragte er leise.
Scully konnte nur mit dem Kopf nicken. Es war ihr unmöglich, etwas zu antworten. Ihre Wangen röteten sich. Sie fror nicht mehr. Innerhalb weniger Sekunden war ihr nicht nur warm, sondern sehr heiss geworden. Sie schloss die Augen und genoss das ungewohnte Gefühl, sich in dem Armen ihrer Partners zu befinden.
Mulder sah sich um.
„Sehen sie mal, Scully. Jemand belegt unsere Reling. Oh, es sind unsere Freunde."
Etwas widerwillig öffnete sie ihre Augen wieder. Voller Neugierde verrenkte sie sich fast den Hals, um zu sehen, worüber Mulder sprach. Dabei war sie ängstlich darauf bedacht, seine Umarmung nicht zu verlassen. Ihre Augen erkannten Jack und Rose, die gemeinsam auf der Reling standen. Die Szene erinnerte Scully an ihren ersten Abend mit Mulder an Bord der Titanic und daran, dass er genau das gleiche mit ihr gemacht hatte.
„Ich wusste, ich hätte das urheberrechtlich schützen lassen sollen", rief Mulder aus.
Als die beiden jungen Menschen sich einen langen Kuss voller Liebe gaben, stieg in Scully ein wenig Neid auf. Obwohl sie in der Umarmung eines Mannes, den sie liebte und von dem sie wusste, dass sie auch ihm nicht egal war, sass, hatte er sie noch niemals geküsst. Nicht einmal, als sie auf der gleiche Reling gestanden hatten.

*******

Dunkelheit hatte sich über die Titanic gesenkt. Das Schiff befand sich weiterhin auf ihrem Weg in Richtung Amerika. Diesem Ziel kam sie mit jeder Minute näher, doch sie würde es niemals erreichen. Die meisten Passagiere genossen das Abendessen in den entsprechenden Klassen oder den nachfolgenden Tanz.
Wieder einmal sass Scully alleine und sehr nachdenklich auf einer Bank auf dem kalten Deck in der Nähe des Bugs. Das letzte Mal, als sie mit der Möglichkeit konfrontiert wurde, dass sie sterben könnte, war die Situation vollkommen anders gewesen. Damals war es viel steriler und viel kontrollierter gewesen. Sie hatte es aus klinischer Distanz betrachten können und immer gehofft, dass irgendwie ein Wunder gesehen würde – und es war passiert.
Aber diese gesamte Situation, in der sie sich derzeit befand, war total verrückt. Scully fragte sich immer wieder, ob sie vielleicht doch träumte. Aber alles fühlte sich so real, so wirklich an. Wenn sie es wirklich schaffen sollten und in ihre Zeit zurückkehrten, dann würde ihnen niemand ihre Geschichte glauben. Dr. Suttner wäre dann nicht in der Lage, sich seine Erfindung patentieren zu lassen. Es war vollkommen verrückt, was sie hier erlebten. Und auch wenn sie sich dafür verbürgen würden, dass alles so geschehen und die volle Wahrheit war, würden sie nur noch mehr als Spooky und Mrs. Spooky betrachtet werden.
Ob sie es nun schafften oder nicht, so blieb eine klare Tatsache bestehen: Dies war die Nacht vom 14. April auf den 15. April 1912. Die Nacht, in der laut den später erscheinenden Geschichtsbüchern die unsinkbare Titanic unterging.
Scully schloss ihre Augen. Sie lehnte sich gegen die Bank zurück. Kurze Zeit später hallten Schritte auf dem Deck wieder. Diese verstummten neben ihr, als ihr Partner sich ebenfalls auf die Bank setzte. Nach dem Öffnen der Augen drehte sie ihren Kopf zu ihm. Fragend runzelte sie die Stirn.
„Na, Scully. Alles okay bei ihnen?", scherzte er, aber seine Stimme verriet seine Furcht vor dem Kommenden.
„Vergessen sie diese Frage, Mulder", seufzte sie und schlang ihre Arme enger um ihre Brust. „Es ist vorbei, und das wissen sie."
„Vielleicht nicht", sagte er hoffnungsvoll.
Sie warf ihm ihren berühmte Dana-Scully-Blick zu.
„Wir haben absolut nichts verändert, wir konnten nicht. Es ist unmöglich, die Geschichte neu zu schreiben, auch wenn man selbst ein Teil davon ist. Die Vergangenheit lässt sich eben doch nicht verändern, selbst wenn man genau weiss, was in der nächsten Minute geschehen wird. Wir können einen Unterschied machen, aber nur so viel, wie jeder dieser Menschen es tun kann." Ihre Stimme blieb weiterhin sorgenvoll. „Sie wissen nicht einmal, was auf sie zukommt."
„Wir wissen es auch nicht", beharrte er und legte ein aufmunternde Hand auf ihre Schulter. „Scully, wir können noch immer hier heraus kommen."
„Trotzdem wird die Hälfte der Menschen, die wir auf diesem Schiff getroffen und zum Teil auch kennen gelernt haben, sterben, Mulder."
„Ich weiss", entgegnete er und zog seine Hand wieder zurück. „Aber vergessen sie eines dabei nicht, Scully. Wir sind kein Teil dieser Geschichte. Wir sind nicht dazu bestimmt, hier zu sterben. Nicht auf diese Art und Weise."
„Wer hat das Recht zu sagen, wozu wir bestimmt sind? Wie kommen sie darauf, so etwas zu sagen, Mulder?"
„Ihr Krebs hätte sich nicht nur dafür gebessert, dass sie jetzt auf diese Weise sterben."
Sie suchte seine ernstblickenden grünen Augen. Das Verlangen in ihr, ihm zu glauben, war unsagbar gross, doch sie konnte es nicht. Sie seufzte laut auf und unterbrach dann den intensiven Augenkontakt.
„Gut, nehmen wir an, wir entgehen dem Tod auf diesem Schiff. Doch was ist dann? Bleiben wir für immer hier? Wie können wir achtzig Jahre vor der uns bestimmten Zeit leben?"
Besorgt strich sich Mulder mit der Hand durch seine braunes Haar.
„Das kann ich ihnen nicht sagen, Scully. Aber denken sie mal über die ganze Sache nach. Warum würde uns Dr. Suttner hierher zurückschicken, ohne vorher schon zu wissen, wie wir wieder in unsere Zeit zurückkehren können? Er wollte beweisen, dass seine Zeitmaschine funktioniert. Welchen Nutzen hätte es für ihn, wenn wir in dieser Falle zurückblieben?", fragte er ernst. "Diesen Beweis hat er nämlich erst, wenn wir wieder in die Gegenwart zurückkehren. Ich glaube ehrlich, dass er gerade in diesem Moment, in dem wir miteinander sprechen, versucht, uns zurück in unsere Zeit zurück zu bringen. Vielleicht gab es einige mechanische Fehler oder Probleme an der Maschine. Aber ich bin mir sicher, er wird sie in den Griff bekommen."
„Ich kann nur hoffen, dass es bald sein wird. Viel Zeit bliebt ihm nämlich nicht mehr. Diese Schiff wird sehr bald einen Eisberg rammen und untergehen."
Schweigend sassen sie nebeneinander. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Der Schleier des Todes versetzte die beiden Agenten in eine nachdenkliche Stimmung. Scully schloss ihre Augen. Doch als sich die Agentin schon vorher Auge in Auge mit dem Tod befunden hatte, war ihr bisheriges Leben nicht vor ihren Augen vorbeigezogen.
Nach ein paar gedankenvollen Minuten öffnete sie ihre Augen wieder und sah ihren Partner ein wenig geistesabwesend an.
„Denken sie, dass Rose und Jack uns glauben würden?"
Mulder konnte sich nicht helfen. Er musste einfach grinsen.
„Denken sie darüber nach, eine Filiale der X-Akten im Jahre 1912 zu eröffnen, Scully? Sie wollen zurück zu den guten alten Spooky und Mrs. Spooky Tagen?"
„Im Ernst, Mulder. Was könnte es schaden, wenn wir es versuchen würden?"
Mulder nahm ihre Hand in die seinige.
„Aber was könnten sie tun, das wir nicht tun können?"
Ihr kleiner Hoffnungsschimmer zerrann. Sie wusste, dass er recht hatte. Es gab nichts, was irgendjemand tun konnte. Niemand war in der Lage, etwas zu verändern. Niemand, ausser dem Kapitän. Doch es bestand die Gefahr, dass er selbst mit dem Druck von einflussreichen und grosszügigen Investoren nicht bereit war, die Kesselleistung zu verringern oder den Kurs des Schiffes zu ändern.
„Ich wünsche mir eben, sie wüsste es", sagte Scully ruhig, aber bestimmt. „So könnten sie sich darauf vorbereiten."
„So wie sie es taten?", fragte er mit leicht brüchiger Stimme.
Sie nickte langsam und sah ihm erneut in die Augen.
„Ich war bereit, alles loszulassen, Mulder." Sie drückte seine Hand. „Aber ich wollte es nicht. Es gab so viele Dinge, die ich den Menschen erzählen wollte. Aber ich musste annehmen, ich musste es voraussetzen, dass sie es schon wussten. Es war sehr schwer."
„Sie wissen es."
Sie konnte ihm nicht länger in die Augen schauen. Sie wandte ihren Blick ab, denn diesen Moment erlebte sie zu intensiv, um die Kontrolle über sich zu behalten. Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus und meinte dann:
„Ich würde mir ausserdem wünschen, Rose könnte Jack sagen, was sie wirklich fühlt. Ich wünschte, sie könnten ihr Leben gemeinsam verbringen und müssten sich nicht in aller Heimlichkeit treffen. Sie liebt Cal nicht."
Er betrachtete sie einen Moment lang aufmerksam. Dann fragte er ruhig:
„Sie würden niemals jemanden heiraten, den sie nicht lieben. Nicht wahr, Scully?"
Sie warf ihm einen schnellen Blick zu. Die Bestürzung über diese ausgesprochen persönliche Frage war in ihren Augen deutlich zu erkennen.
„Nein", antwortete sie kurz und ohne zu überlegen.
Dann aber dachte sie über ihr Leben nach. Ja, ihr Berufsleben befriedigte sie und auch mit ihrem Familienleben war alles in Ordnung. Aber fühlte sie sich manchmal nicht einsam? Mehr als sie es vor sich selber zugeben würde. Wollte sie an manchen Tagen nicht eine eigene Familie haben? Ganz bestimmt. War es das denn wert, sich mit irgendjemanden niederzulassen, den sie nicht wirklich liebte, nur um diese selbst ausgewählten Ziele zu erreichen? Vielleicht.
„Ich hatte Teegesellschaften und ein Puppenhaus, so wie jedes andere Mädchen in unserer Nachbarschaft", stellte sie leicht lächelnd fest. „Und das, obwohl ich ein Wildfang war. Ich habe von einem Ehemann, Kindern und einem Haus mit einem weissen Gartenzaun geträumt. Dann wurde ich älter und wollte Karriere machen. Das habe ich geschafft und darüber bin ich glücklich." Da Mulder nicht sehr überzeugt wirkte, sprach sie schnell weiter. „Ich weiss nun, das ich auf dem herkömmlichen Weg keine Kinder bekommen kann und so wird es mit der Familie nicht so einfach werden. Und genauso sicher ist, dass ich nur sehr wenig Verabredungen haben. In Anbetracht dieser Tatsachen, kann ich ihnen die Frage nicht ehrlich beantworten kann. Ich weiss es selbst nicht, Mulder. Wenn ich vielleicht einen netten Jungen kennen lernen würde und er mich lieben würde, dann könnte es gut sein, dass das genug sein würde."
„Nein", meinte er nachdenklich und sah sie mit einem durchdringenden Blick an. „Das ist nicht genug für sich. Sie sehnen sich nach so viel mehr."
„Momentan bin ich zufrieden. Ich habe genug", wiederholte sie und ihre Stimme brach unter seinem intensiven Blick.
Mulder zögerte einen kurzen Moment. Dann streckte er seine Hand aus und strich ihr eine Strähne hinter die Ohren. Danach blieb seine Hand auf ihrer Wange liegen.
„Nein", sagte er erneut, diesmal aber ganz sanft und leise. „Sie sehnen sich nach jemanden, der sie genauso liebt, wie sie ihn lieben."
„Habe ich das nicht schon, Mulder?", fragte sie, ohne über ihre Worte nachzudenken.
Kaum hatte sie das gesagt, schien es ihr, als würde ihr Herz für einen Moment aussetzen. Obwohl die Nacht sehr kalt war, fror sie nicht mehr. Auf einmal war es ihr innerlich sehr warm geworden. Sie fühlte, wie ihre Wangen rot wurden, während sie auf eine Antwort, eine Reaktion ihres Partners wartete. Nervös starrte sie ihn an.
Ganz langsam zog er seine Hand aus ihrem Gesicht zurück. Die entstandene Stille lag schwer zwischen den beiden Agenten. Es war nur das Fahrgeräusch der Titanic und Wasser zu hören. Der Lauf der Zeit schien sich bis auf ein Minimum verringert zu haben. Die Sekunden wurden zu Stunden, während Scully angespannt in den unlesbaren Gesichtsausdruck ihres Partner sah.
Schliesslich, die vergangene Zeit war beiden wie eine Ewigkeit vorgekommen, wurde auch sich Mulder seiner Gefühle bewusst. Ganz langsam nickte er und streichelte nun mit der vorhin so erschrocken zurückgezogenen Hand ihre Wange. Ein wenig zögernd beugte er sich zu Scully. Kurze Zeit später waren ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt.
Sie konnte seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren; und sie war sich sicher, dass er ihr wild schlagendes Herz hören konnte. Aber dies war keine Zeit, um die Distanz zu wahren. Sie hatte genug davon, den Professionalismus zwischen ihnen aufrecht zu halten. Sie liebte ihn und auch er hatte ihr gerade deutlich genug gesagt, dass seine Gefühle ihr gegenüber ganz ähnlich waren. In einem solchen Moment verlor alles andere an Bedeutung.
Scullys sonst ziemlich kühl wirkende blaue Augen strahlten die innere Wärme aus, die sie fühlte und die sie alle äussere Kälte vergessen liess. Auch wenn Mulder kein Wort über die Lippen brachte, seine wunderschönen grünen Augen sprachen ihre eigene Sprache. Ein tiefes Feuer brannte in ihnen. Ein loderndes Feuer, das Scully noch nie zuvor so intensiv gesehen hatte.
Er kam mit seinen Lippen den ihrigen immer näher. Aufmunternd legte sie ihm ihre Hand auf den Hinterkopf. Sie konnte schon seine Lippen auf den ihrigen spüren, als sie jäh unterbrochen wurden. Eine, in der Stille der Nacht besonders laut wirkende, heftig geschlagene Glocke erschreckte sie. Diese holte sowohl Scully als auch Mulder schneller als es ihnen lieb war in die Gegenwart zurück. Bestürzt fuhren sie auseinander. Sie tauschten einen stillen Blick untereinander aus. Scully suchte die Augen ihres Partner. Sie konnte die Besorgnis darin erkennen, als die beiden Agenten eine erschrockene Stimme voller Panik über ihnen hörten:
„Eisberg direkt voraus!!!"

*******

Kapitän Smith hatte gemurrt, als er plötzlich geweckt wurde, um von seinem ersten Offiziers von dem Eisberg hören zu müssen. Aber nachdem er die Berichte über die seinem Schiff zugestossenen Schäden gehört hatte, wusste er, dass sie sich in Schwierigkeiten, in grossen Schwierigkeiten, befanden. Er gab seiner Mannschaft schnelle, direkte Befehle. Auf der einen Seite war er von seinem Wissen überzeugt, dass er richtig handelte. Doch auf der anderen Seite befürchtete er, dass seine Anweisungen viel zu spät kamen.
„Kapitän Smith", grüsste Mulder, als er sich zu der besorgten Crew gesellte.
„Ich habe im Moment wirklich keine Zeit für sie, Mr. Mulder. Wir haben gerade ein kleines Problem", fuhr der Kapitän ihn an. Er war sehr ärgerlich darüber, dass die Vorhersage dieses lästigen Passagiers so schnell wahr geworden war.
„Die Titanic wird sinken", stellte der Agent ruhig fest.
Auf diese Worte hin füllten sich die Augen der Mannschaftsmitglieder mit Angst. Sie drehten sich ihrem Kapitän zu.
„Sie wird nicht sinken", widersprach Smith. „Wir haben noch ausreichend Zeit, um die geeigneten Einstellungen zu finden, das Schiff in einem stabilen Zustand zu halten. Es ist genug Zeit, bis wir Hilfe bekommen."
„Frühestens in vier Stunden, Sir", sagte der erste Offizier.
„Das sollte nicht zu schwierig sein", kommentierte Kapitän Smith. „Nicht für ein solches Schiff wie die Titanic."
Er begann nervös hin und her zu gehen, während er eine Bewertung des Schadens erwartete. Er betete dafür, dass er sich im Recht befand, um diese Sicherheit bestätigt zu sehen.
„Nein", beharrte Mulder starrsinnig. „Vier Stunden sind zu lang, viel zu lang. Sie wird sinken. In vier Stunden wird alles, das ganze Schiff, auf dem Grund des atlantischen Ozeans liegen. Sie müssen unbedingt und so schnell wie möglich die Passagiere darauf vorbereiten, was in kurzer Zeit auf sie zukommen wird. Rose DeWitt Bukater wurde von Mr. Andrews, dem Erbauer dieses Schiffes, gesagt, dass es nicht genügend Rettungsboote an Bord der Titanic gibt. Sie müssen unbedingt damit anfangen, die Rettungsboote klar zu machen. Ich wiederhole mich nur ungern, aber alle Dinge, die sich an Bord befinden, werden dann irgendwann ..."
„Mr. Mulder", unterbrach ihn der Kapitän ärgerlich. „Ich habe absolut keine Zeit für diesen Unsinn, den sie mir hier erzählen. Wären sie so freundlich und würden gehen, damit ich meine Zeit nicht mit ihrem blödsinnigen Gerede vergeuden muss? Wenn sie nicht den Raum nicht freiwillig verlassen, dann werde ich sie heraus eskortieren lassen."
„Ich mache keinen Scherz, Kapitän. Die Situation ist viel zu ernst, um darüber zu scherzen", sagte Mulder eindringlich. "Es ist mein voller Ernst. Dieses Schiff wird untergehen und zwar schneller, als sie es sich vorstellen können. Es gibt nichts, womit dies aufgehalten werden kann, absolut nichts! Sie sollten sich ..."
„Gehen sie! Sofort! Sie behindern uns bei der Arbeit!"
„... bereitmachen. Bereiten sie die Passagiere darauf vor. Finden sie einen Weg, um mehr Rettungsboote zu konstruieren ..."
Der Kapitän nickte einigen Mitgliedern seiner Mannschaft zu.
„Bringen sie hier heraus."
„Nein!", schrie Mulder. „Sie machen einen grossen Fehler! Sie müssen mir zuhören!"
Zwei der Crewmitglieder traten auf Mulder zu. Doch eine unverfrorene und sehr energische weibliche Stimme unterbrach den Tumult.
„Entschuldigen sie bitte, Kapitän Smith", sagte die Frau und trat auf ihn zu. „Könnte ich vielleicht ein Wörtchen mit Mr. Mulder sprechen?"
„Mrs. Brown." Der Kapitän sah ausgesprochen erleichtert aus. "Bringen sie ihn nur hier heraus. Meine Männer haben keine Zeit für so etwas."
Mulde sah aus, als wollte er gegen diese Behandlung protestieren und noch einmal etwas sagen. Doch dann entschied er sich, seine Gedanken besser für sich zu behalten. Molly Brown führte ihn von der beschäftigen und ein wenig verärgerten Mannschaft weg.
„Mrs. Brown, sie ..."
"Molly."
„Molly, sie verstehen nicht. Dieses Schiff ist im Begriff zu sinken."
Sie führte ihn zu einer Bank. Nur sehr widerwillig nahm er neben ihr Platz.
„Sie müssen ein wenig Vertrauen zu der Crew haben, Fox. E. J. Smith ist einer der erfahrendsten und am meisten geschätzten Kapitäne der Welt. Er weiss, was er tun muss, ganz egal, wie die Situation auch zu sein scheint."
„Wir haben einen Eisberg gerammt. Es gibt nichts, was er noch tun kann. Wir müssen uns ganz auf die Rettungsboote konzentrieren", meinte Mulder.
„Nun, sehen sie doch mal nach dort drüben. Ein Teil der Mannschaft hat bereits damit begonnen, die Frauen und Kinder in die Boote zu setzen, um einfach auf der sicheren Seite zu sein. Es ist immer gut, Vorsichtsmassnahmen zu treffen."
„Sie sind alle aus der ersten Klasse", rief er bestürzt aus und ein kleiner hoffnungsloser Seufzer entschlüpfte ihm.
„Zuerst die erste Klasse, dann die zweite und dann die dritte", erläutete sie und fühlte sich ein wenig herabsetzt.
„Es gibt nicht genug Rettungsboote für jeden", entgegnete Mulder eindringlich.
Molly begann sich nun doch ein wenig Sorgen zu machen. Wenn sie noch ein Mädchen gewesen wäre, hätte auch sie zu den Passagieren der unteren Klassen gehört. Doch durch den Erfolg ihres Ehemannes in den Colorado Silber Minen war sie die Leiter des Erfolges nach oben geklettert. Obwohl sie von den anderen Passagieren der ersten Klasse als „neureich" bezeichnet wurde, akzeptierten diese sie als eine von ihnen. Und das, obgleich ihr Benehmen nicht immer den vorgegebenen Regeln entsprach.
„Vielleicht sollten wir mit Mr. Andrews sprechen", schlug sie vor.
Mulder schüttelte den Kopf.
„Rose hat gestern mit ihm gesprochen. Sie hat den Mangel an Rettungsbooten bemerkt und ihn daraufhin angesprochen. Er hat gesagt, dass es nicht genug Platz für alle Passagiere gibt. Nur die Hälfe aller Menschen hier an Bord hat die Möglichkeit, in ein Boot zu kommen."
„Oh mein Gott!", rief Molly aus.
Er nickte, froh darüber, dass sie schliesslich doch einiges von dem verstanden hatte, was in diesem Moment geschah.
„Die Passagiere der dritten Klasse werden keine Chance haben", bestätigte er ihre Gedanken.
„Nun", sagte sie bestimmt. „Es gibt doch etwas, das wir tun können. Wo sind Rose und Dana?"
„Ich hoffe, sie sind zusammen. Ich weiss aber leider nicht genau wo."
„Ich würde sagen, sie gehen in die Kabine der DeWitt Bukaters. Dort haben sie die besten Chancen, um die beiden zu finden. Ich werde mich auf die Suche nach Mr. Andrews machen und sehen, ob er nicht irgendwelche Ideen hat."
Sie drehte sich um und begann sich auf den Weg zu machen, als Mulder ihr noch etwas nachrief. Sie drehte sich erwartungsvoll um.
„Sie sind unsinkbar", lächelte er leicht. Er bewunderte ihren aufkommenden Mut und er wusste, dass Molly Browns Mut belohnt wurde und sie eine der Überlebenden sein würde.
„Wir Browns sind ein ausgesprochen zähes Geschlecht", antwortete sie. „Lassen sie uns hoffen, dass es ansteckend ist."
Er nickte, während sie sich entfernte. Er befürchtete, dass die Geschichte, die Vergangenheit viel schwerer zu ändern sein würde, als er es ursprünglich gedacht und gehofft hatte.

*******

Während Scully den langen Gang, der zu der Kabine der DeWitt Bukaters führte, entlang ging, kam ihr jemand schnellen Schrittes entgegen. Sie erkannte, dass es ihre Freundin Rose war, die sehr beunruhigt und aufgeregt aussah.
„Dana!", rief sie besorgt.
„Rose, was ist los?"
„Es geht um Jack", antwortete das Mädchen ein wenig ausser Atem. „Sie haben ihn beschuldigt, diese furchtbare Halskette, die Cal mir geschenkt hat, gestohlen zu haben."
„Die Kette, die sie im Safe aufbewahrt haben?"
Den Tränen nahe nickte Rose.
„Sie haben ihm Handschellen angelegt und ihn irgendwo hingebracht."
„Wie konnte er denn Zugriff auf den Inhalt des Safes haben?"
Die junge Frau errötete leicht. Dann erklärte sie:
„Er hat ein wunderschönes Bild von mir gezeichnet, während ich diese Kette getragen habe. Danach habe ihn gebeten, die Kette zurück in den Safe zu legen."
„Er hätte also die Möglichkeit gehabt, sie zu stehlen."
„Jack würde das niemals tun!", rief Rose entrüstet aus.
„Sie sind demnach der Meinung, dass er sie nicht genommen hat?"
„Ja, genau das denke ich! Oh, ich bin so durcheinander und verwirrt!"
„Welche Beweise gibt es denn?"
„Die Kette befand sich in seiner Tasche", antwortete das Mädchen und ein wildes Feuer entflammte in ihren Augen. „Ich bin mir sicher, dass Cal sie dort hinein getan hat. Jack würde mir so etwas niemals antun, das weiss ich genau. Dabei sind wir nur zurück gekommen, um meiner Mutter den Zwischenfall mit dem Eisberg mitzuteilen."
„Sie wissen es?"
„Jack und ich haben es gesehen. Wir sind fast daneben gestanden, als die Titanic ihn gerammt hat. Der Eisberg war wirklich riesig. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, dass die Titanic sinken wird."
„Es gibt nicht genügend Rettungsboote", erinnerte Scully sie freundlich.
„Ich weiss. Das ist auch der Grund, warum ich Jack unbedingt finden muss. Ich ..." Sie sah sich vorsichtig um, bevor sie mit einem schüchternen Lächeln fortfuhr. „Wir haben miteinander geschlafen, Dana. In einem Auto, unten im Gepäckraum."
Die Agentin konnte sich nicht helfen. Sie musste einfach über Roses Geständnis lächeln. Dann neckte sie die junge Freundin:
„Das ist kaum angemessen für eine junge Dame."
Rose lachte.
„Ich liebe ihn so sehr, Dana", entgegnete sie. „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie ihn irgendwo auf diesem Schiff eingesperrt haben. Was ist, wenn er ertrinkt, bevor ich gefunden habe? Wo soll ich ihn nur suchen?"
„Ich habe Mr. Andrews vorhin im Bibliothekszimmer gesehen. Er würde bestimmt wissen, wohin sie Gefangene bringen."
„Richtig. Ich werde sehen, dass ich ihn finde. Suchen sie nach Fox?"
Scully nickte.
„Er ist direkt nach dem Unglück zum Kapitän gegangen und mit diesem zu sprechen. Ich würde mich nicht wundern und wäre auch absolut nicht überrascht, wenn man ihn mit Jack zusammen eingesperrt hätte."
Rose nahm ihre Hand in die ihrige und drückte sie nervös. Dann begann sie sich auf den Weg zur Bibliothek zu machen. Doch nach nur wenigen Schritten drehte sie sich noch einmal um.
„Dana?"
Die Agentin trat zu ihr und nahm sie sanft in ihre Arme. Die beiden Freundinnen umarmten sich mit dem Wissen, dass es sehr ungewiss war, dass sie sich jemals wiedersahen. Rose blinzelte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
„Passen sie auf sich auf, Rose", sagte Scully mit von Tränen erstickter Stimme.
„Sie auch. Sie waren eine wunderbare Freundin für mich, Dana. So jemanden wie sie habe ich bisher noch niemals gehabt. Ich hoffe, sie und Fox werden alles gut überstehen."
Die Agentin nickte. Dann löste sie sich aus der Umarmung.
„Es bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit", meinte sie. „Sie müssen gehen und Jack finden. Ich wünsche ihnen beiden alles Gute!"
Rose lächelte. Doch bevor sie davonstürzte, rief sie noch über ihre Schulter:
„Und wenn sie Fox finden, lassen sie ihn nicht gehen!"
Scully atmete tief ein. Dann wischte sie sich ein paar vereinzelte Tränen aus dem Gesicht.
„Darauf können sie sich verlassen", sagte sie leise, bevor sie sich auf den Weg zum Quartier des Kapitäns machte.

*******

Verwirrung und ein chaotisches Durcheinander herrschte unter den Menschen, die sich an Deck befanden. Vollständig angezogene oder auch nur mit einem Nachtgewand bekleidete Passagiere banden sich ihre Rettungswesten um und liefen zu den einzelnen Rettungsbooten. Einige von ihnen lachten über die Angst und die Panik um sich herum, denn in ihrem Herzen waren sie sich sicher, dass die Titanic unsinkbar war. Die Schiffsband spielte leichte, fröhlich klingende Musik, um eine vollkommene Panik zu verhindern. Die auf dem Deck liegenden Eisklumpen wurden von den Kindern zum Fussballspielen verwendet.
Verschiedene Offiziere riefen nach Frauen und Kindern, um die kleinen Rettungsboote auf die Oberfläche des Atlantiks herunter zu lassen. Doch viele Passagiere befürchteten, dass dies eine noch gefährlichere Alternative war als an Bord der Titanic zu bleiben. Einige liessen sich dann doch noch davon überzeugen, in einem der Boote Platz zu nehmen und dass sie nur vorrübergehend von ihren Männern, Brüdern, Vätern und Söhnen Abschied nahmen. Doch vielen schien das Risiko, sich auf der Titanic aufzuhalten, geringer zu sein und bleiben an Deck stehen. Das Ergebnis war, dass unzählige Rettungsboote heruntergelassen wurden, die weit unter ihrer Kapazität besetzt waren.
Sicher und ruhig bewegte sich Molly Brown durch die Menschenmenge. Sie verteilte Rettungswesten an einige der angsterfüllten Frauen und verängstigten Kinder, die sich in der Nähe zusammen gekauert hatten. Hilfsbereit tröstete sie einzelne weinende Familienmitglieder oder überredete ein paar Passagiere, sich in eines der Rettungsboote zu setzen.
Niemand sah oder merkte Molly an, wie schwer ihr Herz nach dem Gespräch mit Mr. Andrews geworden war. Sämtliches Material, das wirklich zum Bau von Flössen oder Ruderbooten verwendet werden könnte, befand sich tief auf den unteren Ebenen des Schiffes. Ebenen, die nach dem Zusammenstoss mit dem Eisberg innerhalb einer Minute überflutet worden waren.
Aber selbst wenn die Chance existierte, dass die notwendigen Materialien zu besorgen waren, bestand eine winzigkleine Motivation für die Mannschaft, mit dem Bau neuer Boote zu beginnen. Doch nur wenige dachten, dass dies gerechtfertigt war. Die einzigen Personen, die sich über den wahren Ernst der Situation im Klaren waren, waren der Kapitän und einige Mitglieder seiner Crew. Und sie waren mit der augenscheinlichen Lage schon beschäftigt genug.
„Ma’am, diesen Weg", sagte einer der Offiziere.
„Nein, ich muss diesen Menschen helfen", widersprach sie mit ein wenig Zuversicht in ihrer Stimme. Die Aufgabe war überwältigend und keine Hilfe konnte gefunden werden.
„Bitte, Ma’am. Frauen und Kinder sollen sofort evakuiert werden."
Molly sah sich um. Sie erkannte, dass es nichts mehr gab, das sie tun konnte. Bevor sie es richtig realisiert, hatten einige der Männer sie in eines der Rettungsboote gesetzt. Kurz darauf wurde das Boot in Richtung des schwarzen Wassers des Atlantiks heruntergelassen.

*******

Als Scully sich inmitten der Verwirrung und der riesigen Menschenmengen an Deck wiederfand, sah sie, wie die unsinkbare Molly Brown in einem Rettungsboot heruntergelassen wurde. Sie war aber auch der einzige Passagier, den die Agentin kannte. Die anderen Gesichter um sie herum waren ihr alle unbekannt.
„Entschuldigen sie, Sir", fragte sie ein Mannschaftsmitglied. „Haben sie meinen Freund gesehen? Er ist gross, hat dunkle Haare, grüne Augen ..."
„Vielleicht befindet er sich auf der anderen Seite, Miss", unterbrach der beschäftigte Mann. „An ihrer Stelle würde ich mich aber sofort in eines der Rettungsboote begeben. Zuerst die Frauen und dann die Männer."
„Ich werde warten. Ich muss unbedingt zuerst meinen Freund finden."
„Machen sie, was sie wollen", entgegnete er schulterzuckend und machte ihr klar, was er von ihrer unklugen Entscheidung hielt.
Während sie sich durch die wogende Menschenmenge kämpfte, war sie auf einmal sehr froh über ihre kleine und zierliche Statur. Als sie es dann schliesslich heil und sicher auf die andere Seite geschafft hatte, beäugte sie ein dort stehendes Besatzungsmitglied misstrauisch.
„Was machen sie da, Sir?", fragte sie. Dabei bemühte sie sich, Autorität in ihre Stimme zu legen und das nervöse Geplapper der aufgeregten Passagiere zu übertönen.
Der Mann verstand die Agentin vollkommen falsch. Er dachte, sie hätte grosses Interesse an den Tätigkeiten der Mannschaft. So bekam er nicht mit, dass die Worte als Warnung gemeint waren. Deshalb antwortete er:
„Dieses Boot ist für die Gentlemen dieses Schiffes, Miss. Sie helfen ihren Frauen in die Rettungsboote auf der anderen Seite, und dann kommen sie hierher."
„Und die Waffe?"
„Die Passagiere der dritten Klasse beginnen zu randalieren. Es handelt sich hierbei nur um eine Vorsichtsmassnahme. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen."
„Miss Scully!", rief eine bekannte Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich um und erkannte den Schiffsdesigner. Schnell ging sie auf ihn zu.
„Mr. Andrews", erinnerte sie sich. „Haben sie Rose gesehen?"
„Ja", antwortete er nickend. „Sie hat mich gebeten, ihnen zu sagen, dass ihr Freund auf der Suche nach ihnen ist."
„Wissen sie, wo er ist?"
„Ich denke, er befindet sich irgendwo an Deck. Ich schlage vor, sie steigen an Bord dieses Rettungsbootes. Es werden bald keine mehr übrig sein."
„Ich kann und werde dieses Schiff nicht ohne Mulder verlassen."
„Ich werde ihn finden und ihm mitteilen, wo sie sind."
„Ich ..."
„Miss?", fragte ein Mannschaftsmitglied und hielt ihr seine Hand entgegen. „Hier ist noch ein wenig Platz für ein paar Passagiere."
„Ich werde es ihm sagen", wiederholte Mr. Andrews sein Versprechen. „Dies ist das Mindeste, was ich noch tun kann", fügte er traurig hinzu, mehr zu sich selber als zu Scully.
„Nun, ich denke nicht ..."
„Miss, wir müssen das Boot herunterlassen", drängte das Besatzungsmitglied und griff nach ihrer Hand.
Verwirrt und ein wenig desorientiert schloss sie ihre Hand um die entgegengestreckte. Sie erlaubte ihm, sie zu dem Boot zu bringen. In der Hoffnung, Mulder zu erspähen, starrte sie besorgt und ängstlich in die Menschenmenge. Plötzlich begann das Boot leicht zu schwanken, als es in Richtung des Ozeans heruntergelassen wurde.
Während sich das Boot mehr und mehr von dem obersten Deck des grossen, sterbenden Schiff entfernte, wurde Scully immer nervöser. Dies war eindeutig falsch und das spürte sie genau. Ein Teil von ihr war noch immer auf diesem Schiff. Sie konnte die Titanic nicht ohne es verlassen. Sie konnte nicht gehen, nicht ohne Mulder.
Einen Moment sah sie sich unschlüssig um. Dann ging sie in die Hocke und bereitete sich darauf, von dem Boot zu springen. Sie hatte das Glück, ihren Platz im Boot genau neben der Aussenwand der Titanic zu haben. Und sie nutzte diesen Vorteil, als sie an der Reling der unteren Decks vorbei kam. Dort stürzte sie sich aus dem sich senkenden Rettungsboot.
Ein lautes und entsetztes Keuchen wurde von ihren Mitpassagieren hörbar, während sie sich krampfhaft an die Reling klammerte. Ein murmelndes Getuschel wurde hinter ihrem Rücken laut. Auf den Gesichtern der anderen Passagiere spiegelte sich Verständnislosigkeit.
„Sie Idiot!", schrie einer der Crewmitglieder. „Sie haben gerade ihr Schicksal besiegelt."
Scully atmete tief ein und kletterte dann über das Geländer. Härter als erwartet landete sie auf dem Boden des Decks. Einige Passagiere, die sich noch immer auf dieser Ebene befanden, starrten sie nur erstaunt und ungläubig an. Die Agentin ignorierte sie. So schnell wie möglich machte sie sich auf die Suche nach Mulder.

*******

Thomas Andrews starrte entmutigt auf ein Bild, welches an der Wand der grossen Bibliothek hing. Sein Traum, seine Schöpfung lag im Sterben. Auch er würde sterben. Hunderte unschuldiger Menschen würden ihr Leben verlieren. Und er konnte ihnen nichts anbieten, konnte ihnen nicht helfen. Er war nicht einmal in der Lage gewesen, sein Versprechen gegenüber Miss Scully zu halten. Es war unmöglich gewesen, ihren Freund in dieser unorganisierten Menschenmenge zu finden. Er hatte alles versucht, um ihn zu finden.
Als wären seine Gedanken gehört worden, ertönte eine Stimme neben ihn.
„Mr. Andrews? Haben sie meine Freundin gesehen?"
Er drehte sich schnell um und versuchte, die vor ihm stehende Illusion durch Reiben seiner Augen zu vertreiben.
„Mr. Andrews?", fragte der Mann beunruhigt.
Ein leichtes Lächeln erschien auf den sorgenvollen Gesichtszügen des angesprochenen Mannes.
„Mr. Mulder. Ich habe schon nach ihnen gesucht."
"Warum? Ist mit Scully alles in Ordnung? Wissen sie, wo sie ist?"
„Ja, es geht ihr gut. Es gibt nichts, worüber sie sich Sorgen machen müssen. Ich konnte sie davon überzeugen, dass sie sich in eines der Rettungsboote begibt."
Mulder stiess einen erleichterten Seufzer aus.
„Und was ist mit ihnen?"
„Ich bleibe."
Der Agent nickte verständnisvoll.
„Viel Glück", sagte er und hielt ihm seine Hand entgegen. „Sie haben ein grossartiges Schiff erschaffen. Wer hätte dies vermutet?"
Andrews schüttelte die angebotene Hand, entgegnete aber nichts mehr. Sein Blick wanderte zu dem Bild zurück, welches er schon vorher angestarrt hatte. Seine Gedanken verloren sich darin.

*******

Mulder ging durch den grossen Tanzsaal. Dann trat er nach draussen auf die überfüllten Decks. Die Kälte der Nacht schien dort niemand zu spüren. Als er Pistolenschüsse hörte, rannte er instinktiv in die Richtung des Tumultes. Ein männlicher Passagier der dritten Klasse war tot. Der Agent sah den Offizier, der den Schuss abgefeuert hatte, vorwurfsvoll an. Ein Ausdruck des Entsetzens spiegelte sich auf dem Gesicht des Mörders wider. Dann erschoss dieser sich durch einen Kopfschuss selbst und fiel über Bord in das dunkle Wasser des Atlantiks.
„Ich wünschte, Scully wäre hier", dachte sich Mulder. „Vielleicht hätte sie gewusst, wie das Opfer hätte gerettet werden können. Doch für was? Nur, dass er auch irgendwie ertrinken konnte? Vielleicht was sein Weg weniger schmerzvoll gewesen, um zu sterben."
Der Agent schüttelte den Kopf, während er einigen Bruchstücken der in der Nähe geführten Unterhaltungen zuhörte.
„Das was das letzte Rettungsboot."
„Wir sind so gut wie tot."
„Die Passagiere aus den höheren Klassen haben uns zurückgelassen, damit wir sterben."
Als er sich umsah, erkannte Mulder, dass sie Recht hatten. Sämtliche Passagiere, die sich noch auf dem Schiff befanden, hatten keine andere Wahl mehr, als zusammen mit diesem unterzugehen. Ihm wurde allmählich klar, dass auch er zu diesen Menschen gehörte.
Nur der Gedanke, dass Scully sich auf einem der Rettungsboote in Sicherheit befand, half ihm, den fast unerträglichen Schmerz zu ignorieren, der in sein Herz kroch. Der Schmerz, dass sie ihn auf dem sinkenden Schiff zurückgelassen hatte und er nun sterben würde. Sicher, es war seine Schuld, dass sie sich überhaupt in diesem Durcheinander befanden, aber dennoch hatte er sich einiges ganz anders vorgestellt.
Der Agent schloss seine Augen. Diese Gedanken waren selbstsüchtig und egoistisch. Für einen Moment schien das ganze Durcheinander weit entfernt zu sein. Nur gedämpft drangen die verschiedenen Schrei und Unterhaltungen an sein Ohr. Es war ihm, als hätte er für einen Augenblick die Dimension, in der er sich befand, verlassen. Ganz sicher wollte er, dass es seiner Partnerin gut ging und sie am Leben war. Er hatte nur Angst, ganz alleine zu sein, wenn er mit dem Tod konfrontiert wurde.
Langsam entfernte er sich von den schreienden Menschenmengen. Er begab sich in etwas ruhigere und weniger menschenreiche Sektionen des Schiffes. Was ging er da für einen Weg! Wenn Scully es wirklich schaffte, in die Gegenwart zurückzukehren, würde er dort nicht mehr sein. Niemand würde jemals glauben, dass er tot war. Nicht einmal Skinner. Nur Scully würde es wissen. Aber sie würde es auch nur dann wissen, wenn sie den Untergang überlebte und zurückkehren konnte.
Und für was war dies alles gut? Für die Wahrheit? Nein, er hatte nichts gefunden. Warum hatte er nicht darum gebeten, in die Nacht zurückgeschickt zu werden, in der seine Schwester verschwunden war? Vielleicht hätte diese Wahl irgend etwas geändert. Vielleicht hätte er verhindern können, dass sie entführt worden wäre. Vielleicht wäre seine Familie dann nicht auseinander gebrochen. Doch dann wäre er wohl niemals auf die X-Akten gestossen, hätte Scully niemals kennen gelernt. Ein weiterer Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Das Beste war wahrscheinlich, die Vergangenheit ruhen zu lassen.
Mulder hasste sich selber für die Gedanken, die ihn beschäftigten. Aber all dies war schon eine so lange Zeit her und Scully war ein Teil seiner Lebens geworden. Ein sehr grosser und sehr wichtiger Teil. Wenn sie nicht da war, hatte das Leben nicht mehr viel Sinn für ihn.
Er befand sich auf dem Weg zum Heck des Schiffes, als er schliesslich bemerkte, dass er einen Berg nach oben zu gehen schien. Er blickte hinter sich und sah, dass der Bug des Schiffes unterging und das sehr schnell. Im gleichen Augenblick hob sich das Heck aus dem Wasser.
Mulder ging mit einem Schulterzucken darüber hinweg. Nun war es also so weit, er würde bald sterben. Er hatte keine Angst davor. Und immerhin würde mit Scully alles in Ordnung sein. Sie konnte in das Jahr 1998 zurückkehren und ihr bisheriges Leben fortsetzen und sogar noch verbessern. Ohne ihn, ohne die X-Akten würde sie ihr Leben nicht in einem Kellerbüro des FBI verbringen. Sie würde ihre eigenen Pläne umsetzen und Karriere machen. Vielleicht konnte sie nun erreichen, was sie sich immer vorgestellt hatte. Vielleicht würde sie als Ärztin arbeiten oder wieder an der FBI-Akademie in Quantico lehren.
Er begann nun, im Selbstmitleid zu versinken, aber das war ihm egal. Er befand sich in einer pessimistischen Stimmung und genoss dieses Gefühl sogar noch ein wenig. Er dachte darüber nach, wie sein Leben ohne Scully sein könnte. Mit ihr zusammen hätte er vielleicht noch ein wenig Lebenswillen gehabt. Doch die Realität war, dass er sich noch auf dem Schiff befand und dabei war, zusammen mit der Titanic unterzugehen, während Scully überleben würde. Sie würde ihr Leben geniessen, irgendwann einmal heiraten und vielleicht könnte sie einige Kinder adoptieren. Er war sich sicher, dass es ihr in ihrem Leben ohne ihn viel besser gehen würde.
Ein lautes Krachen unterbrach seine Gedankengänge. Holz barst, Rohre zerplatzten und Fussbodenbretter zersplitterten. Das Schiff war dabei unterzugehen. Die Flure begannen sich in einem aussergewöhnlichen Winkel zu neigen.
Mulder Herz raste. Ein lebensbewahrender Instinkt zwang ihn auf einmal zum Handeln, ohne dass er es wollte. Er rannte so schnell er konnte über das Deck in Richtung der Reling am Heck und griff mit beiden Händen nach dem Geländer. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig dorthin bevor der Neigungswinkel des Fussbodens das Laufen darauf unmöglich machte. Er hielt sich daran fest, als ein letzter, ohrenbetäubender Krach durch die Stille der Nacht schallte und das Heck zurück auf das Wasser fiel. Die Titanic war in zwei Teile zerbrochen.

*******

Scully raste von Deck zu Deck und versuchte sich dabei zu erinnern, wo sie sich ungefähr befand. Der vordere Teil der Titanic war bereits dabei zu sinken und befand sich zum Teil schon unter Wasser. Aus diesem Grund musste sie diesen Bereich bei ihrer Suche ausschliessen, da er vollkommen überflutet war. Sie rannte überall hin, wo es noch möglich war. Dabei musste sie feststellen, dass sie nicht tiefer als bis zum zweiten Deck gehen konnte. Wenn sich dort noch Passagiere befanden, waren diese mit Sicherheit schon tot. Sie hoffte und betete von ganzem Herzen, dass Mulder sich nicht in diesem Bereich aufgehalten hatte.
Sie sah sich um. Erschöpfte und ängstliche Schreie von erschrockenen Passagieren erfüllten die Luft und drangen an ihre Ohren. Doch sie konnte nur an Mulder denken, für mehr war in ihren Gedanken kein Platz. Er dachte wahrscheinlich, dass sie sich auf einem der Rettungsboote in Sicherheit befand. Sie wusste, dass er bei ihrem Anblick sehr überrascht sein würde. Die Hoffnung, ihn wiederzusehen, beschleunigte ihre Schritte noch ein wenig. Doch dann schoss ihr ein beängstigender Gedanke durch den Kopf. Ihr Herz wurde schwer, als ihr etwas klar wurde. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie Mulder niemals wieder sehen würde.
Dinge, von denen sie wünschte, sie hätte sie niemals gesagt, Worte von denen sie wünschte, sie hätte diese ausgesprochen, alle Erinnerungen an Mulder durchfluteten sie. Die Agentin brauchte ihn, hier, jetzt und auch in Zukunft.
Plötzlich wurden die krachenden Geräusche, die sie gehört hatte, immer lauter. Die unsinkbare Titanic begann auf einmal schräg zu stehen. Sie riss jeden mit sich, der nicht stark genug war, um sich irgendwo festzuhalten. Das Schiff schien sich gegen das Unvermeidliche auflehnen zu wollen. Ihr Widerstand war kräftig und aufregend. Doch die Menschen bezahlten mit ihrem Leben dafür.
Als das Schiff in zwei Teile zerbrach, kletterte Scully auf die Reling und hielt sich fest. In diesem Augenblick sah links neben sich Jack und Rose, die das gleiche taten. Trotz der gefährlichen Situation freute sie sich, dass Rose Jack rechtzeitig gefunden hatte. Aber dann fesselte eine Person zu ihrer Rechten ihre gesamte Aufmerksamkeit.
„Mulder! Oh, mein Gott! Ich dachte, dass ... Ich hätte niemals ...", stotterte sie.
Unerwartete Tränen stiegen in die blauen Augen der Agentin. Es war ihr auf einmal unmöglich, den Satz zu beenden, geschweige denn, überhaupt mehr zu sagen. Vorsichtig krabbelte sie zu ihm hin. Das Bedürfnis, in seiner Nähe zu sein war grösser als ihre Angst.
„Scully! Um Gottes Willen, was machen sie denn hier? Warum befinden sie sich nicht auf einem der Rettungsboote?", rief er bestürzt und fassungslos, während ihn ein Gefühl der Erleichterung aber auch der Schuld durchfloss.
Obwohl seine Partnerin vor Entsetzten wie gelähmt war, lachte sie.
„Ist es das, worüber sie nachdenken?"
Mulder schüttelte ernst seinen Kopf. Er umfasste ihre Finger mit seiner Hand. Gemeinsam hielten sie sich nun an der Reling fest.
„Nein", entgegnete er. „Ich wollte sagen, dass ich Sie ..."
Seine Worte wurden von dem unglaublichen Geräusch des letzten Kampfes des Schiffes unterbrochen. Es versuchte, an der Wasseroberfläche zu bleiben. Mulder löste seine Hand von der seiner Partnerin. Dann verlagerte er seinen Körper und befand sich nun genau auf ihr. Er wollte versuchen sie, so gut er konnte und so weit es ihm möglich war, zu beschützen. Er sah, dass Jack das gleiche mit Rose machte.
Doch er erkannte die Nutzlosigkeit seiner Tat, als er erkannte, dass sich in den Gesichtern der jungen Menschen die Angst seines eigenen Herzens widerspiegelte. Sie schienen zu schluchzen und das veranlasste ihn, seine innersten Gefühle auszusprechen.
Er senkte sein Gesicht so weit nach unten, dass seine Wange die seiner Partnerin berührte.
„Scully, was auch immer geschieht, sie sollten wissen ..."
Scully lächelte mit Tränen in den Augen.
„Ich weiss es. Ich auch."
Das Wasser kam ihnen langsam, aber sicher, bedrohlich entgegen. Mulder konnte seine Angst in den Augen seiner Partnerin erkennen. Sie wussten beide um die Tragik und das Unglück dieser Nacht, in der das Schicksal ausgesprochen hart zugeschlagen hatte. Sie wussten, dass das Wasser des Atlantiks eiskalt war. Und aufgrund dieses Wissens war sowohl Mulder als auch Scully klar, dass sie, obwohl sie ursprünglich bei der Katastrophe nicht dabei gewesen waren, sich dem Tode näher befanden als jemals zuvor.
„Scully, hören sie mir zu", rief er. „Das Schiff wird uns nach unten ziehen. Holen sie tief Luft, wenn ich es ihnen sage. Schwimmen sie dann nach oben, so schnell sie können! Wir werden es schaffen, Scully. Vertrauen sie mir!"
„Ich vertraue ihnen!"
Das Wasser wurde immer bedrohlicher und gefährlicher. Es kam näher und immer näher. Innerhalb kürzester Zeit war es nur noch wenige Meter entfernt. Der schwarze Atlantik war aufgewirbelt und schäumte. Er würde erst dann zufrieden sein, wenn er die Titanic ganz verschluckt hatte.
„Wenn ich sage jetzt, Scully, dann halten sie die Luft an!"
Mulders Stimme dröhnte laut und schmerzhaft in ihren Ohren und erschreckte sie. Ihr benebeltes Gehirn erinnerte sich an die Physikstunden am College. Zusammen mit ihrem Partner bereitete sie sich darauf vor, von dem wirbelnden und schäumenden Wasserstrudel wegzuspringen, der sie tief in den Ozean ziehen würde.
„Jetzt!!"
Bevor sie es richtig realisierten, war die Titanic, Heck und Bug, gesunken.

*******

15. April 1912
2:30 Uhr

Die unsinkbare Titanic befand sich nun auf dem Grund des atlantischen Ozeans. All jene Passagiere, die in den Rettungsbooten Platz gefunden hatten, befanden sich ausserhalb der Reichweite der Katastrophe. Doch sie hatten den perfekten Blick auf alle anderen Mitreisenden, die dieses Glück nicht gehabt hatten und sich nun in dem eiskalten dunklen Wasser befanden. Frauen umklammerten ihre Kinder und Paare hielten sich aneinander fest. Sogar die Musiker der ehemaligen Bordband hielten ihre Instrumente fest, die verstummt waren, als das Wasser über ihnen hereingebrochen war. Alle befanden sich in Todesangst.
Laute Schreie hallten durch das Dunkel der Nacht und erstarben in der einsamen Ferne. Hunderte von Stimmen schrieen darum, von jemanden gerettet zu werden, aber sie wurden ignoriert.
Doch vier Stimmen wurden von niemanden wahrgenommen, sie gingen in den vielen anderen Stimmen einfach unter. Sie schrieen nicht danach, gerettet zu werden. Sie riefen, um von jemand anders gefunden zu werden. Diese vier Stimmen sehnten sich dem anderen. Zwei der Stimmen kannten sich schon seit vielen Jahren und arbeiteten genauso lang zusammen. Die anderen beiden kannten sich erst seit wenigen Tagen. Aber eines war allen gemeinsam: alle vier hatten sich beim ersten Treffen in den anderen verliebt.
„Scully! Verdammt noch mal, wo sind sie? Scully!", schrie Mulder, während er vollkommen ausser sich und verzweifelt herumschwamm, um sie in der Menschenmenge zu finden. Vor lauter Sorge um seine Partnerin spürte er die eisige Kälte des Wasser absolut nicht.
„Mulder! Ich bin hier drüben! Mulder? Mulder!", rief sie mit einer Stimme, die sowohl Furcht als auch Erleichterung widerspiegelte.
„Oh Scully! Ich dachte, sie wären ..."
Die Agentin gab ihrem Partner einen leichten Kuss auf die kalte Wange. Dann begann sie zu laut schluchzen.
„Ich dachte ...", brachte sie nur mühsam hervor. „Ich dachte ... ich hätte sie verloren ... und ... und das war so beängstigend ... ich hatte ..."
Auch er gab ihr einen sanften Kuss auf die Backe. Ein erleichtertes Lächeln flog über sein blasses Gesicht.
„Ich weiss. Ich habe genau das Gleiche gefühlt."
Scully wandte sich von Mulder ab. Dann sah sie sich um.
„Wo sind Jack und Rose?", wollte sie wissen. „Ich habe sie gesehen, aber ..."
Mulder wies genau in die entgegengesetzte Richtung, in die sie nach den beiden jungen Menschen Ausschau hielt.
„Dort drüben", antwortete er.
Sie folgte seinem Fingerzeig. Jack half Rose gerade auf ein Stück Treibholz. Die Gesichter der beiden sahen sehr emotionsgeladen aus. Die Stimmung zwischen ihnen schien zu knistern. Beide hatten nur Augen für den anderen, sie waren sich selber genug. So entschieden sich Mulder und Scully auf Abstand zu bleiben und den beiden jungen Menschen die Zeit zu geben, um sich in der Gegenwart des anderen wohl zu fühlen.
Die beiden Agenten drehten sich nun zueinander, ein Stück Holz zwischen sich, an dem sie sich beide festhielten. Ihre Gesichter berührten sich fast. In den eisigen Wogen des Ozeans fiel jegliche Zurückhaltung, die ihr Verhältnis jahrelang zuvor geprägt hatte. Sie offenbarten sich ihre Verfassung in ihrem momentanen Aufenthaltsort.
„Mein Gott, Scully", meinte Mulder nach einer kurzen Pause. „Dies ist so verrückt und unfassbar. Und mir ist so verdammt kalt."
Sie versuchte trotz ihrer durch die eisige Kälte aufeinanderschlagenden Zähne zu lächeln. Doch es wurde mehr eine Grimasse daraus.
„Ich weiss. Mir ist eiskalt. Ich kann meinen Körper nicht mehr fühlen, Mulder", entgegnete sie. Trotz der Kälte legte sie so viele Emotionen in ihre Stimme, wie sie konnte.
Mulder sah sich angestrengt um. Er suchte nach etwas, auf das sie klettern konnte, so dass sie sich wenigstens nicht mehr im Wasser befand. Schliesslich erspähte er einen Stuhl, der von den anderen Menschenmengen wegdriftete.
„Scully, sehen sie dort drüben", rief er. „Es wird ihnen nicht mehr so kalt ..."
„Mulder, er wird uns nicht beide tragen."
Ihr Partner zuckte mit den Schultern, obwohl ihm diese Bewegung schon ein wenig schwer fiel, da sein Körper von Minute zu Minute immer tauber und starrer wurde.
„Ich weiss."
Scully fühlte, wie erneut Tränen in ihren Augen aufstiegen.
„Mulder?"
„Was?"
„Ich werde nicht auf diesen Stuhl steigen", erklärte sie bestimmt.
„Verdammt Scully. Sie werden erfrieren, wenn sie nicht auf ihn klettern. Machen sie sich keine Sorgen um mich. Es wird mir gut gehen. Erinnern sie sich an die Zeit, in der ich in der Arktis war? Ich war okay. Es war alles in Ordnung."
„Ja, aber wenn sie nicht gerettet worden wären, dann wären sie jetzt ..." Es gelang ihr, den Kloss in ihrem Hals herunter zu schlucken, der sich bei dem Gedanken an Mulders Tod gebildet hatte.
„Scully, bitte! Bitte steigen sie auf diesen verstammten Stuhl, okay? Tun sie es für mich", bat er innigst mit einem sanften Lächeln auf den leicht bläulich verfärbten Lippen. Auch seine Augen trugen ihr die Bitte vor.
Seine Partnerin lächelte zurück. Ihre Hartnäckigkeit war weiterhin ungebrochen.
„Nein! Vertrauen sie mir ..."
"Das tue ich", warf er ein.
„Mir geht es gut, Mulder. Ausserdem haben wir bei diesem Erlebnis bisher alles gemeinsam durchgestanden", meinte sie. „Ich werde nicht einmal versuchen, mich in Sicherheit zu bringen, wenn sie nicht bei mir sind."
„Sie sind sehr eigensinnig und stur", seufzte er und gab weitere Versuche, sie dazu zu bewegen, sich auf den Stuhl zu begeben, auf.
Dann streckte Mulder seine Hände über das Holzstück, das sich noch immer als eine Art Rettungsanker zwischen ihnen befand, und zog sie näher zu sich. Er schlang seine Arme um sie, so gut er konnte. Zu seiner Enttäuschung war es ihm nicht möglich, sie ganz zu sich zu ziehen, denn dabei waren das Holz und ihre aufgeblasenen Rettungswesten im Weg.
„Ich liebe dich", erklärte er mit ruhiger, aber ein wenig bebender Stimme.
Scully schniefte und zitterte dann am ganzen Körper.
„Ich weiss. Ich …", stammelte sie. „Ich liebe dich auch und das wird immer so bleiben. Selbst wenn du ein fanatischer Mann bist, der so idealistisch ..."
„Ein einfaches ‚Ich liebe dich auch’ hätte vollkommen gereicht, Scully."
Trotz der Situation musste sie lächeln. Dann warf sie einen Blick zu ihren Freunden.
„Mulder, sieh dir Rose und Jack an. Sie sind so sehr ineinander verliebt. Für beide zählt in der Hauptsache, dass sie zusammen sind. Sie haben keine Vorstellung davon, durch was sie wirklich hindurchgehen, was wirklich auf sie zukommt."
„Ich denke, sie wissen es", widersprach Mulder. „Sonst würden sie nicht zusammen sein wollen. Ich bin mir sicher, dass ihnen bewusst ist, wie ernst die Situation ist, und wie nah der Tod auch neben ihnen steht."
Die Agentin sah zu Jack und Rose hinüber. Die beiden wechselten gerade die letzten Worte, die sie jemals mit einander sprechen würden. Es schmerzte sie zu sehen, dass so junge, lebenslustige Menschen im eisigen Atlantik sterben mussten.
Als sie ihren Blick auf Rose richtete, durchfuhr sie ein stechender Schmerz, weil die junge Frau die besten Chancen hatte, zu überleben. Mulders und ihre Aussichten sowie auch die von Jack, waren tausend Mal schlechter als die von Rose. Sie würde weiterleben und eine starke Frau sein. Aber sie würde Jack garantiert nie in ihrem Leben vergessen.
Mulder und Scully klammerten sich aneinander. Beide wussten, wie es um sie stand und dass ihre Chance auf Rettung absolut gering war. Obwohl sie die Gewissheit hatten, das ihre Leben bald zu Ende sein würden, hatten sie keine Angst davor. Sie hatten den Wunsch, dass sie zusammen sterben würden und das war alles, was für beide von Bedeutung war.

*******

 

12. April 1998, 14:36 Uhr
Dr. Suttners Labor, Virginia

Plötzlich fuhr ein pulsierendes Gefühl durch ihre fast erfrorenen Körper. Ein helles Licht blendete sie für einen Moment. Eine eindeutig männliche Stimme drang an ihre Ohren.
„Hm. Irgendwo muss einer der Drähte einen Knick haben. Es tut mir leid, dass es nicht funktioniert hat. Es hätte ohne Probleme funktionieren müssen. Wie seltsam!"
Scully fand sich in einem schmalen, dunklen Platz wieder. Mulder stand genau neben ihr. Sie fror nicht mehr. Sie war nicht mehr nass. Und sie trug einen Designerhosenanzug und hochhackige, elegante Schuhe. Nichts deutete mehr darauf hin, dass sie noch vor kurzem in dem eisigen Wasser des atlantischen Ozeans geschwommen war.
„Mulder?", wisperte sie und befreite sich aus seiner Umarmung.
„Ja?"
„Sind wir ...?"
„Ich denke schon."
Mulder stieg aus der Maschine. Dann reichte er Scully seine Hand und half ihr beim Aussteigen. Er blinzelte bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten. Nach einem kurzem Moment räusperte er sich und sagte:
„Vielen Dank, Dr. Suttner. Ich bin ihnen sehr verbunden."
Der Wissenschaftler lächelte entschuldigend. Er wühlte in einigen Werkzeugen, die auf einem Brett in der Nähe lagen, herum. Er hatte kein Interesse an einem Austausch mit den zwei Agenten. Mit einer kurzen Handbewegung wurden sie entlassen.
Während die beiden Agenten nach draussen zum Auto gingen, befanden sie sich beide in vollkommender Verwirrung über alles, das sich ereignet hatte. Oder das nicht geschehen war.
„Hm", machte Mulder vielsagend. Er wartete darauf, dass Scully ihm ihre Theorie über das Geschehene vortrug. Es war alles so real, aber es war wirklich unglaubwürdig.
„Mulder, ich frage mich, ob sie gestorben sind. Sie wissen schon, Rose und Jack. Sie waren so verliebt und viel zu jung, um zu sterben."
Er starrte sie an, als sie beiden wieder in Mulders Auto sassen. Er war ein bisschen überrascht, dass seine Schlüssel noch immer in seiner Tasche waren.
„Scully, was sie da sagen, ist nicht das, was ich von ihnen erwartet habe. Ich dachte, sie sagen irgend etwas in der Art ‚Ich bin nicht bereit zu glauben, dass es per Zeitreise möglich ist, in der Vergangenheit zu landen’. Genau so etwas hätte ich eher von ihnen erwartet."
Während er den Wagen startete, antwortete sie:
„Ja, normalerweise würde ich auch etwas vergleichbares sagen, da haben sie schon recht. Aber, Agent Mulder, ich habe einen Beweis."
Er sah zu ihr hinüber. Die Skepsis in seinen grünen Augen war nicht zu übersehen.
„Wirklich? Und welcher Beweis wäre das?"
Sie langte in ihre Jackentasche und zog etwas heraus, das Rose ihr gegeben hatte. Eine Haarklammer, die sich noch einem perfekten Zustand befand. Ein Schmetterling, aus den schönsten und grossartigsten Farben gefertigt, die Mulder jemals gesehen hatte. Es war der gleiche, den sie bei dem gemeinsamen Essen mit Roses Familie getragen hatte.
„Das ist ihr Beweis, Scully?! Der ist aber verdammt schwach", entgegnete er. Doch sein Herz war nicht dieser Meinung. Es wusste, ein klarer Traum, ja selbst hypnotische Suggestion, könnten niemals so real gewesen sein.
„Mulder, lassen sie mich ausreden. Erinnern sie sich an den Artikel, von dem ich ihnen erzählt habe? Nun, eine Woche zuvor ist ein Bergungsschiff nach unten zum Wrack der Titanic gefahren und hat eine dieser Haarklammern gefunden. Es konnte festgestellt werden, dass sie ursprünglich ein Paar waren. Und nun raten sie mal, wer die andere hat?", fragte sie mit einem Augenzwinkern.

*******

19. April 1998
Bergungsschiff über dem Platz des Titanicwracks

Eine Woche voller intensiver Nachforschungen in alten und neuen Zeitungsartikeln, verschiedenen Telefonanrufen und Ermittlungen führen Mulder und Scully zurück auf den Atlantischen Ozean. Ein guter Freund von Frohike brachte die beiden Agenten mit einem Hubschrauber zu dem Schiff, welches das Forscherteam beherbergte, das die 86 Jahre alte Titanic studierte.
Scully trat nervös auf das vergleichsweise kleine Schiff. Ehrfürchtig betrachtete sie die Umgebung, während der durch den abfliegenden Hubschrauber entstandene Wind ihre Haare wild um ihr Gesicht schleuderte.
Es war der gleiche Ozean, die gleiche Stelle, aber über achtzig Jahre später. Dennoch erschien es ist, als würde es noch immer gleich riechen und sich gleich anfühlen als im Jahre 1912. Sie schloss ihre Augen, und die Erinnerung überkam sie. Unwillkürlich wurde ihr Körper von einem leichten Zittern überwältigt.
Der Druck einer warmen Hand auf ihrer Schulter brachte sie wieder in die Gegenwart zurück und dazu, ihre Augen zu öffnen und sich umzudrehen. Mulder lächelte sie an. Seine Hand fuhr über ihren Arm und nahm dann ihre Hand. Er drückte sie kurz.
„Rose befindet sich im unteren Deck."
Sie erwiderte sein Lächeln nervös.
„Ich kann nicht glauben, dass sie es wirklich ist. Denken sie, dass sie sich nach der langen Zeit noch an uns erinnert?"
„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden."
Gemeinsam gingen sie die Treppe in das nächste Deck hinunter.
„Oh mein Gott!", stiess Scully hervor.
Mulder folgte ihrem Blick. Auf einem nahen Videomonitor war ein Videobild zu sehen. Beide Agenten hatten sofort erkannt, was es darstellte. Es war die Titanic, die sich mit all ihrer ehemaligen Herrlichkeit auf dem Boden des Ozeans befand. Durch das Alter und das Salzwasser war sie verrostet, aber noch sehr gut erhalten.
„Sie ist genau so, wie ich mich an sie erinnere", sagte Scully leise.
„Wie sie sich an sie erinnern?", wiederholte ein grosser, kräftig gebauter Mann fragend.
Mulder griff ein, bevor seine Partnerin etwas sagen konnte.
„Wir haben uns sehr viel und sehr intensiv mit den Ereignissen dieser Nacht beschäftigt. Dabei haben wir eine Menge Skizzen und auch einige, leider nur wenige, Photos studiert."
„Sie ist wirklich sehr gut erhalten", bestätigte der Mann. „Muss ein Prachtstück in ihren Tagen gewesen sein. Sie war bestimmt ein stolzes Schiff."
„Das war sie auf jeden Fall", stimmte Scully ruhig zu.
Der Mann warf einen etwas verwirrten Blick in ihre Richtung. Er konnte mit ihren Worten nichts anfangen. Dann deutete er in einen anderen Raum.
„Die alte Lady befindet sich dort drüben. Sie kann ihnen sicherlich eine tolle Geschichte erzählen", lächelte er und setzte sich wieder vor einen der vielen Computer des Raumes, um den beiden Agenten klar zu machen, dass sie Rose alleine treffen sollten.
„Weiss sie, dass wir kommen?", fragte Scully unvermittelt.
„Wir haben ihr gesagt, dass das FBI Interesse hat", teilte er mit einem Zwinkern mit bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.
„Denken sie, dass wir sie erschrecken werden?", flüsterte sie Mulder zu.
„Es war eine lange Zeit für sie, Scully."
„Dies ist eine Nacht, die ich niemals vergessen werde, Mulder."
Er nickte zustimmend, während die vorsichtig den Raum betraten. Eine ältere Frau sass auf einem Bett neben dem Schreibtisch. Sie starrte auf ein Bild, dass vom Alter schon vergilbt war. Ein Hund lag ruhig zu ihren Füssen und schlief. Scully und Mulder wechselten einen kurzen Blick. Dann räusperte sich Mulder.
Rose starrte weiterhin auf das Bild, während sie die beiden begrüsste.
„Agent Mulder und Agent Scully vom FBI, wenn ich mich nicht irre."
Scullys Herz wurde schwer. Sie dachte, dass Rose nicht nach der langen Zeit nicht mehr an sie erinnerte. Dennoch nickte sie und antwortete:
„Ja. Wir ... wir würden ihnen gerne einige Fragen stellen."
Rose lächelte und legte das Bild auf den Schreibtisch.
„Ich glaube seit dieser Nacht an Wunder, Dana. Seit dieser Nacht vor über achtzig Jahren, als ich aus dem eisigen Wasser gerettet wurde." Rose sah ihr direkt in die Augen. „Und als ich gehört habe, dass sie kommen würden, da wusste ich Bescheid. Ich wusste, dass sie und Fox es sein würden."
Unwillkürlich stiegen Scully Tränen in die Augen, als sie sich nach unten beugte, um ihre alte Freundin zu umarmen.
„Sie haben es geschafft, Rose. Das freut mich sehr."
„Es war knapp", gab sie zu, und klopfte auf die Matratze, um die Agentin einzuladen, sich neben sie zu setzen. „Fox", grüsste sie danach.
Mulder drückte ihre Hand. Dann hob er sie zu seinen Lippen, um sie zu küssen.
„Noch immer ein galanter Gentleman, wie ich sehe."
„Ich weiss mir einfach nicht zu helfen, wenn so schöne Frauen in meiner Nähe sind", lächelte er und setzte sich neben Scully.
„Ich wusste immer, dass irgend etwas an euch beiden besonders war", fuhr Rose fort. „Irgend etwas war anders. Ich bin nun zu alt, um zu fragen, wie oder warum. Ich bin nur froh, dass sie hier sind – und dass sie dort waren."
„Ich war so wütend auf Mulder", sagte Scully kopfschüttelt. „Aber trotz der Dinge, die wir erleben mussten, war es das wert. Ich kann noch immer nicht glauben, dass sie es wirklich sind."
„Ich bin es leibhaftig. Nicht mehr so rebellisch, wie ich es damals war, aber ansonsten immer noch die Gleiche."
„Sie sagten, dass ihr Mädchenname Dawson ist", bemerkte Mulder.
Ein wehmütiger Ausdruck flog über ihr faltiges Gesicht. Sie nickte.
„Ja. Als die Carpathia kam, um die Überlebenden an Bord zu nehmen, da wusste ich, dass ich nicht in mein früheres Leben zurückkehren wollte. Ich konnte nicht. Die Freundschaft und die Liebe zu Jack hat die Dinge so sehr verändert – zum Besseren hin. Ich habe Cal unter den Geretteten gesehen, aber dieses Leben war vorbei. So habe ich mich vor ihm versteckt, als ich ihn auf der Carpathia entdeckt habe. Und als mich die Offiziere dann nach meinem Namen gefragt habe, wusste ich, dass Rose DeWitt Bukater tot war. Und ich habe sie begraben. Deshalb habe ich ihnen gesagt, wer ich sein wollte, von der ich fühlte, dass ich sie war – Rose Dawson."
„Jack hat es nicht geschafft", schlussfolgerte Scully traurig.
„Oh, Jack wird immer leben, Dana", lächelte Rose ein bisschen wehmütig. „Er lebt zusammen mit mir in meinem Herzen und bei allem, was ich tue, denke ich an ihn. Er ist der einzige Grund, dass ich diese Nacht überlebt habe. Ich wollte viel lieber aufgeben und mit ihm zusammen in den Tod gehen. Es wäre so viel einfacher gewesen und so romantisch. Aber ich habe ihm versprochen, dass ich leben würde. Dass ich niemals aufgeben würde. Dass ich weitermachen würde. Und das habe ich, obwohl es manchmal sehr schwer war."
Mulder hörte still zu. Er musste einen Kloss in seinem Hals herunterschlucken, als er sich an die verzweifelten, einsamen Monate erinnerte, in denen seine Partnerin verschwunden war. Dann dachte er an die endlosen Monate, als er dachte, dass sie im Sterben lag und sich fühlte, als würde er mit ihr zusammen sterben. Er wusste, wie leicht es war, aufzugeben, und wie hart es war, für sein Leben zu kämpfen, wenn ein Teil von einem starb.
Er wandte sich zu Rose und sagte ruhig:
„Sie sind einer der mutigsten Menschen, die ich jemals gekannt habe, Rose."
Scully fing seinen bewundernden Blick auf und lächelte leicht, während sie sich einige vereinzelte Tränen aus ihrem Gesicht strich.
„Ich habe nur ein Versprechen gehalten", entgegnete Rose nachdenklich und sah dann Scully an. „Haben sie das ihrige ebenfalls gehalten?"
Mulder sah seine Partnerin neugierig, aber auch ein wenig verwirrt an. Diese nickte, wich jedoch seinem Blick aus.
„Ich werde es halten, Rose", sagte sie so leise zu der alten Frau, dass Mulder ihre Worte nicht hörte. „Ich werde ihn nicht gehen lassen."
„Sehr gut. Warum werfen sie beide nicht noch einen Blick auf die unsinkbare Titanic. Die Forscher haben wirklich einige ausgesprochen verblüffende Ausrüstungsgegenstände hier draussen. Es wird langsam Zeit für mich, Ruhe zu finden und ins Bett zu gehen."
Scully umarmte sie noch ein letztes Mal und Mulder gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Wir sehen uns morgen", sagte er.
Rose nickte bestätigend und die beiden Agenten verliessen das Zimmer. Sie seufzte leise auf und streichelte gedankenverloren über das Fell ihres Hundes. Dann stand sie langsam auf und ging zu ihrem Koffer. Sie öffnete ihn und nahm eine kleine Schachtel auf einem der Fächer. Diese hielt sie kurz in der Hand und steckte sie danach den Inhalt in die Tasche ihres Bademantels. Sie ging zurück zum Bett und legte sich hin.
„Ja, morgen", sagte sie leise zu sich und schloss die Augen.

*******

Die Sterne funkelten am klaren Himmel der Nacht um die Wette, als Rose zu der Reling am Bug des Schiffes ging. Es war ein laue, wunderschöne Nacht. Ein leichter Wind bewegte einige Strähnen ihrer Haare. Der helle Vollmond erleuchtete das Dunkel der Nacht. Sein Licht schien auf den Mann, der dort stand und über das dunkle Wasser des Ozeans starrte.
„Wenn es nur eine Nacht wie diese gewesen wäre", durchbrach sie die Stille der Nacht mit ihrer ruhigen Stimme.
Mulder drehte sich um und hielt ihr seine Hand entgegen. Rose nahm seine Einladung an, reichte ihm ihre Hand und gesellte sich zu ihm.
„Heute Nacht wird aber nicht gesprungen", neckte Mulder lachend. „Scully könnte sonst eifersüchtig werden."
Rose lächelte nur. Dann griff sie in die Tasche ihres Bademantels und holte einen kleinen Gegenstand heraus. Sie umklammerte seine Hand und faltete sie zusammen. Als sie sein Hand wieder los liess, behielt der Agent eines der aussergewöhnlichsten Stücke der Vergangenheit.
Er starrte es sprachlos an. In seiner Hand konnte er sein Gewicht und seine Schönheit fühlen.
„Sie hatten es die ganze Zeit?", flüsterte er.
Sie nickte.
„Das Herz des Ozeans."
Mulder konnte sie nur fragend ansehen. Daraufhin fuhr sie fort:
„Mit einem solchen Objekt wollte Cal jedem Menschen zeigen, was er hatte. Er wollte, dass jeder wusste, was für eine wichtige Person er war. Nachdem Rose DeWitt Bukater ertrunken war, hatte ich für mein neues Leben nur die Kleider, die ich an diesem Abend getragen hatte. Cal hatte mir sein Jackett gegeben, den Stein hatte er in dessen Tasche gelassen. Der Stein mag in ihren Augen wunderschön sein, aber er hatte keinen persönlichen Wert, keine Bedeutung in seinem, aber auch in nicht meinem, Herzen. Schon an dem Tag, als Cal ihn mir geschenkt hatte, fand ich die ganze Kette furchtbar. Ganz im Gegensatz zu etwas viel schlichterem, wie Danas Halskette, die sie immer getragen hat. Ich wollte so etwas wahnsinnig gerne haben. Als ich Jack gehen lassen musste, waren meine Erinnerungen und diese Halskette alles, was mir geblieben war. Für mich war Jack das Herz dieses Ozeans und er ist es noch immer. Er ist immer irgendwie bei mir. Und ich werde ihn niemals vergessen. Diese Kette hat mir nichts gegeben."
Sie sah in seine grünen Augen, über denen ein Schleier zu hängen schien. Nach einem kurzen Augenblick der Stille fuhr sie fort:
„Die Erinnerung an diese Nacht ist noch immer so klar und deutlich, als wäre das Unglück erst gestern gewesen. Die Hilfeschreie der vielen Hunderten von Menschen klangen wie das Gebrüll von Sportfans. Die Band spielte ihre Lieder bis zum Schluss. Die Lichter des Schiffes glühten grünlich unterhalb der Wasseroberfläche des Ozeans. Das eisige Wasser nahm einem fast den Atem." Sie atmete kurz tief aus und ein. „Und dann die unerträgliche Stille, nachdem die meisten Menschen erfroren waren. Und die Taubheit des Körpers. Sie waren auch dabei, sie wissen, wovon ich spreche. Ich habe sie und Dana im eisigen Wasser gesehen, nur wenige Meter von Jack und mir entfernt. Es war eine furchtbare Tragödie, Fox, das wissen sie genauso gut wie ich. Aber es gibt etwas, das uns jedes Ereignis, egal welchen Ausmasses, lehrt. Ganz egal, wie schmerzhaft diese Lehre auch sein mag." Sie sah mit einem sehr ernsten Blick an. „Lassen sie nicht zu, dass die Bilder der Erinnerung sie verfolgen und quälen, Fox. Lassen sie nicht zu, dass sie ihnen das Leben schwer machen. Akzeptieren sie diese. Erinnern sie sich an die Freunde, die sie gewonnen haben. Denken sie daran, dass sie das Beste versucht haben. Sie können die Vergangenheit nicht ändern. Bleiben sie nicht stehen, gehen sie weiter. Sie können und sie wollen. Lassen sie sich von Dana helfen. Sie brauchen einander, ganz besonders in einer Zeit wie dieser."
Mulder nickte langsam und nachdenklich. Tränen begann in seine Augen zu steigen. Deshalb wandte er schnell seinen Kopf ab und richtete erneut seinen Blick auf den Ozean. Er fragte sich, wie sie ihn so gut kennen konnte. Rose merkte ihm seine innere Verfassung an. Sie drückte leicht seinen Arm, bevor sie zufrieden in ihr Zimmer zurückging.
Der Agent blieb noch eine Weile an seinem Platz stehen. Noch immer funkelten die Sterne am Himmel und noch immer erleuchtete der Vollmond das Dunkel. Doch Mulder sah von der Schönheit der Nacht absolut nichts mehr. Während sich sein Blick auf den Ozean in der Ferne verlor, hing er seinen Gedanken nach.
Dann nahm sich Mulder ihre Worte zu Herzen und verschwand für eine kurze Zeit. Danach kehrte er wieder zu der Reling zurück und starrte weiter über das Wasser in die Ferne. Viele Stunden verbrachte er dort. Schlaf gönnte er sich keinen. Sein Geist war mit unendlich vielen Bildern und Erinnerungen erfüllt, doch in seinem Herzen hatte nur eine Platz.
Der Morgen dämmerte schon, als er eine bekannte Stimme hinter sich hörte.
„Mulder?"
Durch das lange Stehen steif geworden, drehte er sich von dem wunderschönen, rot-goldenen Sonnenaufgang weg. Er lächelte, als Scully zu ihm trat. Sie räusperte sich einige Male und sagte dann mit leicht belegte Stimme:
„Rose ist gegangen, Mulder."
Seine Augen trafen die ihrigen. Einen Moment lang war er sehr überrascht, doch dann wurde ihm klar, dass seine Partnerin ihn nicht anlügen würde.
„Sie hatte eine langes, gutes Leben", entgegnete er.
Sie nickte. Dann atmete sie tief ein, während sie unbewusst mit dem Kreuz an ihrem Hals spielte.
„Ich ging zu ihr, um nach ihr zu sehen", erklärte sie. „Und ... Sie ist nun bei Jack."
Er betrachtete seine Partnerin nachdenklich. Dabei fiel ihm die Halskette von Rose ein, die er noch immer mit seiner Hand umklammerte.
„Ob sie meine Notiz gefunden hat?", fragte er sich im Stillen.
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, zog sie ein kleines Stück Papier auf ihrer Tasche.
„Was ist das, Mulder?", fragte sie leise.
„Haben sie es gelesen?", wollte er mit laut klopfendem Herzen wissen.
Sie nickte. Dann sagte sie, ohne einen Blick auf den Zettel zu werfen, mit etwas zitternder und wackeliger Stimme auf:
„Ohne den Mut zu schmälern, mit welchem die Menschen gestorben sind, sollten wir den Mut der Tat, mit denen die Menschen gelebt haben, nicht vergessen. Der Lebensmut ist oft ein weniger dramatisches Schauspiel als der Mut, sich mit dem letzten Moment seines Lebens auseinander zu setzen. Aber er ist kein Geringerer als eine grossartige Mischung aus Triumph und Tragödie."
Nachdem Scully geendet hatte, herrschte ein Moment Stille zwischen den beiden Agenten. Sie sah Mulder nachdenklich an, und es schien ihr, als würde sich die aufgehende Sonne in seinen grünen Augen widerspiegeln. Sie lächelte ihm zu und er erwiderte ihr Lächeln.
„Entschuldigen sie, dass ich John F. Kennedy imitiert habe", meinte er mit dem Versuch, die Schärfe aus der ernsten Diskussion zu nehmen.
„Das ist schon in Ordnung, Mulder", entgegnete sie und konnte nur mit Schwierigkeiten ihr Lächeln unterdrücken.
Auf einmal liess er seine humorvolle Entgegnung fallen, mit der er hatte antworten wollen. Er sprach nun das aus, was sein Herz schon lange sagen wollte.
„Ich bin hier, zusammen mit ihnen, Scully. Das ist sehr wichtig für mich. Ich denke, dass es für uns beide an der Zeit ist zu leben."
Ihre blauen Augen glänzten, als sie in seine warm leuchtenden grünen blickte. Ein breites Grinsen überzog Mulders Gesicht, während er ihr seine Hand entgegen hielt. Sie nahm diese und drückte sie leicht.
Dann liess sie sich von ihm zum vordersten Punkt des Schiffes, zu der Spitze der Reling im Bug, bringen. Dort stieg sie ohne Zögern vor ihm auf das Geländer. Er umarmte sie und liess dann die Kette von Rose über ihren Kopf gleiten. Der blaue Diamant sowie auch die anderen Steine der Halskette erglühten und glänzten in den ersten Sonnenstrahlen des Tages.
Voller Überraschung begann sie sich herumzudrehen. Doch bevor sie etwas sagen konnte, brachte Mulder sie wieder zum Schweigen, indem er seinen Finger auf ihre Lippen legte. Die Sonne tauchte gerade am Horizont über dem des atlantischen Ozeans auf und die Wasseroberfläche funkelte mit dem Stein an Scullys Hals um die Wette, als er aufrecht hinter ihr auf die Reling kletterte.
Er fuhr mit seinen Händen über ihre Arme. So lange, bis beide von ihnen ihre Arme zu den Seiten ausgestreckt hatten, als wären sie ein Vogel im Flug. Die beiden Agenten bildeten nun eine Einheit, sogar ihre Herzen schlugen gleich.
Mulder lehnte sein Gesicht nach unten an die Wange seiner Partnerin. Sein warmer Atem kitzelte sie sanft am Ohr, als er wisperte:
„Scully ..."
Sie drückte seine Hände, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie beendete den Satz für ihn, während sich der bis scheinbar in die Unendlichkeit reichende Ozean sich vor ihnen erstreckte.
„Wir fliegen!"

Copyright © 20. März 2002